Irakkrieg655.000 Tote

Eine Studie schätzt, dass der US-Invasion im Nahen Osten weit mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer gefallen sind. George W. Bush ringt um Fassung - und streitet alles ab von Kathrin Zinkant

Die denkbar schlechte Nachricht für den amerikanischen Präsidenten kam ausgerechnet aus dem eigenen Land: In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz präsentierten Wissenschaftler von der angesehenen Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, Maryland, am Mittwoch eine schlicht ungeheuerliche Zahl. 655.000 - so viele Menschenleben soll den Berechnungen von Gilbert Burnham und seinen amerikanischen wie irakischen Kollegen zufolge der Irakkrieg gekostet haben. Diese Ziffer überschreitet die von Bush selbst genannte Zahl nach Angaben des amerikanischen Fernsehsenders CNN um das 22fache.

Bush reagierte denn auch prompt auf diesen Schlag: Weder er noch der oberste Offizielle des US-Militärs im Irak, General George Casey, hielten diese Studie für glaubwürdig, zitiert der Sender den amerikanischen Präsidenten. Die Methode, nach der Burnham und sein Team ihre Berechnungen anstellten, stünde in "ziemlichem Misskredit". Burnham selbst behauptet laut CNN , dass das Verfahren nicht nur epidemiologischer Standard sei, sondern dass die amerikanischen Behörden - auch die militärischen - es selbst anwendeten.

Anzeige

Gemeinsam mit der medizinischen Fakultät an der Al Mustansiriya Universität in Bagdad hatten die Forscher aus Baltimore demografische Daten von 1849 Familien im Irak erhoben. Aus diesen Zahlen rechneten sie die Ziffer für das gesamte Land hoch. Sterbefälle, die auch ohne den Krieg aufgetreten wären, flossen in diese Berechnung nicht mit ein. Demnach starben seit Beginn der militärischen Intervention im März 2003 bis zum Juli dieses Jahres mehr als 600.000 Iraker durch direkte Gewalteinwirkung wie Bomben und Schüsse, weitere 50.000 kamen durch andere, kriegsbedingte Missstände wie Wassermangel, fehlende Elektrizität und Seuchen ums Leben. Die meisten der Opfer waren männlich und zwischen 15 und 44 Jahren alt.

Die Studie wurde zeitgleich mit der Pressekonferenz auf der Website des britischen Medizinjournals The Lancet veröffentlicht und ist dort frei einsehbar. Obwohl das Blatt in Hinblick auf seine Sensationslust nicht gerade als zimperlich gilt, handelt es sich immerhin um eine Fachzeitschrift mit peer review -Verfahren, das heißt, alle eingereichten Studien werden vor Veröffentlichung von Experten begutachtet, bewertet und gegebenenfalls abgelehnt.

Zum Thema
Wissen - Forschung und Entdeckungen auf ZEIT online »

Aktuelle Nachrichten aus aller Welt »

Internationales: Analysen und Hintergründe »

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • michati
    • 11. Oktober 2006 22:46 Uhr

    wer das böse behobelt, nimmt die späne in kauf.
    <br />ein krieg dieser größenordnung ist eben auch heute, embedded journalism zum trotze, nicht klinisch rein zu führen und fordert entsprechende opfer unter der zivilbevölkerung -
    <br />die sogenannten kollateralschäden.
    <br />wirklich schlimm ist, daß der kriegsgrund letztlich haltlos war und sich nichts gebessert sondern eher verschlechtert hat.
    <br />sogar frau merkel hat das schon erkannt.
    <br />
    <br />

    • Morido
    • 11. Oktober 2006 22:58 Uhr
    • Morido
    • 11. Oktober 2006 23:07 Uhr

    Was meinst du dazu? - Ach so, die Studie übertreibt natürlich maßlos und ist sowieso grundsätzlich eine Fälschung verirrter Linker. Und wenn die Zahlen doch stimmen sollten - ja, dann trifft die amerikanischen Besatzer natürlich keinerlei Schuld. Schließlich haben diese nur das Land befreit und alles notwendige getan, um den Terrorismus zur Strecke zu bringen...

  1. Wen wundert's, wenn auch die Opferzahlen von Bush geschönt werden?
    <br />In der Presse Konferenz hat der US Präsident den wahren Kriegsgrund benannt, ein Patzer sicher: Wenn die Truppen abgezogen würden, könnten die "Terroristen" den Ölhahn nach belieben auf oder abdrehen.

    • RobertZ
    • 12. Oktober 2006 1:06 Uhr

    Merkwürdig, daß Irakkriegsgegner von iraqbodycount (die werten Medienberichte aus) oder die irakischen Behörden (haben die Kontrolle über Leichenhallen, Krankenhäuser, Friedhöfe,...) von ca. 45.000 zusätzlichen Toten sprechen. Wo sollen denn die 610.000 weiteren Toten herkommen? Fast 15 mal so viele Tote als bisher alle dachten?
    <br />
    <br />2004 versuchte Lancet ja ähnliches: wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl wurde eine Studie veröffentlicht, die von 98.000 zusätlichen Toten sprach (etwa das 5-fache der damaligen Zahlen der irakischen Behörden und von iraqbodycount) (genauer: mit 95% Wahrscheinlichkeit zwischen 8.000 und 194.000 Tote, das wäre etwa so, als ob man aus der Tatsache, daß die SPD bei der nächten Bundestagswahl zwischen 0% und 100% erhält folgern würde, daß sie 50% erhält, aber wer liest solche Studien schon so genau?). Kurz nach der Wahl wurde der Wert von Lancet auf 30.000 berichtigt (was etwa das 1,5-fache der damaligen Zahlen der irakischen Behörden und von iraqbodycount war).
    <br />
    <br />Nun hat man also ca. 1.300 Familien zu ca. 600 Toten befragt und die Zahlen "mal eben" auf den ganzen Irak hochgerechnet. Und "ganz zufällig" wird die se Studie wieder kurz vor einer wichtigen Wahl in den USA veröffentlicht. Wer's glaubt...
    <br />
    <br />Und zur "it's the oil, stupid"-Argumentation: wäre es nicht viel einfacher gewesen, einfach das Ölembargo aufzuheben. Saddam hätte das Zeug sicher gerne auch an die USA verkauft. Wäre sicherlich sehr viel billiger als der Irakkrieg gewesen, der schon jetzt hunderte Milliarden Dollar gekostet hat. Und wieso der Weltsicherheitsrat einstimmig der Resolution 1441 zustimmt (also auch China, Russland, Frankreich, Syrien,...) , nur damit die bösen USA dem Irak das Öl klauen können (da ja die Kriegsgründe angeblich gefälscht und gelogen waren) verstehe ich auch nicht.

    • lef
    • 12. Oktober 2006 2:41 Uhr

    dass die Gleichen (oder eher die Selben!),
    <br />die vorher lauthals (und zu Recht) das Leiden+Sterben der irakischen Bevölkerung unter dem unsäglich korrupten UNO-Regiment ("oil for palaces" an Statt "oil for food") beklagt haben,
    <br />nicht aber sehen wollten, dass unter der UNO-Aufsicht
    <br />- der illegale Ölexport so sehr begünstigt wurde, dass fast gleich viel Öl aus dem Irak auf den Weltmarkt kam, wie vor dem 1. Irakkrieg 1991 (und die BRD war da über Syrien kräftig mitbeteilgt!!),
    <br />jedoch nur ein winziger Bruchteil wirklich als Bezahlung für Nahrungsmittel diente, zudem unter lächerlich falschen Auflagen für Medizin z.B.,
    <br />- das Saddam Husseins Regime nicht nur in voller Grausamkeit weiter agieren konnte (mit ungenannt vielen Tausenden von Opfern), ja, ihm sogar erlaubte, mit z.B. Frankreich großzügige (und großzügig bezahlte!) Verträge über die zukünftige Ölförderung aus dem Irak abzuschließen,
    <br />- dass die UNO-Vertreter selbst kräftig mitverdienten (z.B. auch Kofi Annans Sohn!).
    <br />
    <br />Wenn nun die Selben sich eben so lauthals darüber beklagen, dass die USA mit der Absetzung des Saddam Hussein-Terrorregimes nicht SOFORT und endgültig friedliche Zustände erreichten,
    <br />eben NICHT verhindern konnten (übrigens ja auch nicht die anderen mitbeteiligten Nationen!), dass
    <br />- bereits existierende Mafiabanden (auch "Clans" genannt) zum profitablen Chaos aufriefen,
    <br />- ausländische (speziell: iranische) Hassprediger in eben diese Bresche vorstießen und ihre Interessen durchsetzten,
    <br />
    <br />wenn nun eben diese Ewiggestrigen die Opfer dieser Mafiabandenkriege und iranischer Hassprediger
    <br />einfach und simpel kurzerhand den USA (und GB und Japan und Polen fff) als Schuld zuschieben,
    <br />
    <br />dann bleibt wirklich nur noch eine Alternative für den Umgang mit zukünftigen Terrorregime dieser Welt:
    <br />
    <br />Nichts tun.
    <br />
    <br />Ich selbst bin heilfroh, dass die USA (und GTB fff) diese enttäuschende Wahrheit nicht bereits 1945 wussten,
    <br />im Gegenteil sogar unter hohen Verlusten das Naziterrorregime bekämpft und
    <br />TROTZ AUCH HIER VERSUCHTEN WERWOLFTERRORBANDEN ALS WIDERSTAND!!!
    <br />die heute hier herrschende Freiheit durchsetzten.
    <br />
    <br />lef
    <br />
    <br />
    <br />
    <br />

    • Yucon
    • 12. Oktober 2006 6:27 Uhr

    Die genaue Zahl wird wohl niemand ermitteln können und die Wahrheit liegt wie so oft wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.
    <br />Die Methodik der Umfrage läßt vermuten, daß in orentalischen Großfamilien fast jeder irgendwen als Kriegsopfer zu beklagen hat ... und falls nicht, könnte auch manch ein Vetter und Cousin noch dazu erfunden worden sein.
    <br />Die Zahlen von iraqbodycount sind allerdings noch weniger aussagekräftig, da sie nur die jounalistisch belegten Todesfälle zählt, und es ist auch kein Wunder, daß die irakischen Behörden (bzw. deren 'verantwortliche' US-Befehlshaber) sich dankbar an dieser Minimalzahl orientieren und dabei so tun, als ob flächendeckend im gesamten Irak neben jedem Scharfschützen oder Kidnapper mindestens 1 CNN-Reporter stehen würde.
    <br />Die zeitliche Koordination der Veröffentlichung pünktlich zu wichtigen US-Wahlen mag zwar nicht die feine englische Art sein, aber immer noch längst nicht so unfein wie die ganzen Lügen, die von offizieller Seite seit der Vorbereitungsphase des Irak-Krieges bis zum heutigen Tag durch die Bush-Regierung den eigenen Wählern, der Weltöffentlichkeit und der UNO aufgetischt wurden.

  2. wieder die Relativierungsstrategie...die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, unter Saddam gab es auch Tote, usw
    <br />Diese psychologische Programme dienen abzuwigeln, aber die Zahl steht.
    <br />Es sind auch 2748 US Soldaten ums Öl gestorben...denen ihre Eltern hauptsächlich arme Leute sind jetzt informierter wie Hemmungslos manche Reiche mit armen Leuten ihrer Kinder umgehen.
    <br />Hier gibt es nichts abzuwigeln, doch trotzdem wird die US Botschaft heute seine Spezialisten ins Feld schicken.
    <br />Und dann diskutieren wir über den Islamismus...und finden ihn scheusslich, kriminell, usw
    <br />Jeder der Abwiglungsspezialisten der hier gegen auftrumpft gleicht dem Propagandamisiterium des Herrn Goebbels. Was in Afghanistan und im Irak auf dem Spiel steht ist der Westen als Moralische Institution.
    <br />Ich frage mich was gewesen wäre wenn Chirac nicht Non gesagt hätte, dann wäre ganz Europa mit im Morast involviert gewesen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte CNN | Forschung | Intervention | Präsident | Sender | Studie
Service