Die denkbar schlechte Nachricht für den amerikanischen Präsidenten kam ausgerechnet aus dem eigenen Land: In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz präsentierten Wissenschaftler von der angesehenen Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, Maryland, am Mittwoch eine schlicht ungeheuerliche Zahl. 655.000 - so viele Menschenleben soll den Berechnungen von Gilbert Burnham und seinen amerikanischen wie irakischen Kollegen zufolge der Irakkrieg gekostet haben. Diese Ziffer überschreitet die von Bush selbst genannte Zahl nach Angaben des amerikanischen Fernsehsenders CNN um das 22fache.

Bush reagierte denn auch prompt auf diesen Schlag: Weder er noch der oberste Offizielle des US-Militärs im Irak, General George Casey, hielten diese Studie für glaubwürdig, zitiert der Sender den amerikanischen Präsidenten. Die Methode, nach der Burnham und sein Team ihre Berechnungen anstellten, stünde in "ziemlichem Misskredit". Burnham selbst behauptet laut CNN , dass das Verfahren nicht nur epidemiologischer Standard sei, sondern dass die amerikanischen Behörden - auch die militärischen - es selbst anwendeten.

Gemeinsam mit der medizinischen Fakultät an der Al Mustansiriya Universität in Bagdad hatten die Forscher aus Baltimore demografische Daten von 1849 Familien im Irak erhoben. Aus diesen Zahlen rechneten sie die Ziffer für das gesamte Land hoch. Sterbefälle, die auch ohne den Krieg aufgetreten wären, flossen in diese Berechnung nicht mit ein. Demnach starben seit Beginn der militärischen Intervention im März 2003 bis zum Juli dieses Jahres mehr als 600.000 Iraker durch direkte Gewalteinwirkung wie Bomben und Schüsse, weitere 50.000 kamen durch andere, kriegsbedingte Missstände wie Wassermangel, fehlende Elektrizität und Seuchen ums Leben. Die meisten der Opfer waren männlich und zwischen 15 und 44 Jahren alt.

Die Studie wurde zeitgleich mit der Pressekonferenz auf der Website des britischen Medizinjournals The Lancet veröffentlicht und ist dort frei einsehbar. Obwohl das Blatt in Hinblick auf seine Sensationslust nicht gerade als zimperlich gilt, handelt es sich immerhin um eine Fachzeitschrift mit peer review -Verfahren, das heißt, alle eingereichten Studien werden vor Veröffentlichung von Experten begutachtet, bewertet und gegebenenfalls abgelehnt.

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