Russland Anwältin der Tschetschenen

Rupert Neudeck zum Tod der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja

Es gefror mir das Blut in den Adern, als ich am Sonntag die Nachricht hörte. Anna Politkowskaja war eine der mutigsten und besten Vertreterinnen des Journalistenberufes. Sie hat – komme es gelegen oder ungelegen – die Wahrheit über die totale Unterdrückung und Demütigung der Tschetschenen im Nordkaukasus aufgeschrieben. Jahrelang war sie Monat für Monat dorthin geflogen und hat ungeschminkt und ungefiltert berichtet. Die Politkowskaja ist nun für die Wahrheit gestorben, weil der Großherrscher Putin, seine Armee, seine Geheimdienste und Ramsan Kadyrow, der furchtbare pro-russische Ministerpräsident Tschetscheniens, das so wollten.

Ich traf Anna Politkowskaja einmal 1997 mitten in Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens, als es dort noch die OSZE mit dem Schweizer Diplomaten Tim Guldiman an der Spitze gab. Wenn man dort über sie sprach, hieß es nur: Da geht die große Politkowskaja. Sie erschien mir dabei immer wie eine Schwester der wunderbaren jüdischen Journalistin Amira Hass, die einer ähnlichen Arbeit nachgeht. Amira Hass geht auch nicht aus der Westbank und dem Gazastreifen heraus und berichtet sehr zum Ärger der politischen Kräfte in Israel immer wieder all das, was die Regierung nicht hören will.

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Nie vergessen kann ich die Geschichte der Elsa Kungajewa, über die Anna Politkowskaja einmal berichtete. Elsa Kungajewa, damals eine wunderschöne 18-jährige Frau, wurde am 26. Februar 2000 von Oberst Juri Budanow, dem Leiter eines Panzerregiments, entführt, bestialisch vergewaltigt und, als Kungajewa keinen Mucks mehr sagen konnte, erwürgt einfach so.

Oberst Budanow leitete damals genau jenes Panzerregiment, das vorher die Ortschaft Juba Jurt zu 98 Prozent in Schutt und Asche geschossen und eine Bevölkerung von 6000 Menschen damit obdachlos und hilflos gemacht hatte. Ich erinnere diesen Bericht, weil ich mich nachträglich so furchtbar geschämt habe. In der Nacht des Silvestertages 2000, an dem ganz Europa und ich auch wie wahnsinnig gegrölt und das neue Jahrtausend besungen hatte, war Duba Jurt dem Erdboden gleichgemacht worden.

Leser-Kommentare
  1. 1. Ernst

    Überall auf der Welt wütet der Ernst - hierzulande bläst man Nichtereignisse künstlich auf: Fußball-WM, Gesundheitsreform, vage Drohungen von Islamisten etc.

    Benjamin Krause

  2. Ich habe das Buch "La Russia di Putin" von Anna Politkowskaja gerade auf italienisch gelesen. Unter anderem wird diese Geschichte von Elsa Kungajewa erzählt.
    Im Buch heißt es, das Dank des Nachfragens von Kanzler Schröder damals, das Berufungsgericht den Entführer, Vergewaltiger und Mörder Budanow zu 10 Jahren Strafanstalt verurteilte.
    Anscheinend reagiert Putin eher auf Druck von "außen", als auf interne Kritik.
    Ein Grund mehr, europäische Politiker in ihren Verhandlungen nahezulegen, diese Themen auch mit aufzutischen!

  3. ... schön, dass es auch immer wieder solche skeptischen Kenner der Szene gibt wie Sie!

    Es geht nicht wirklich darum, ob Putin den Mord inszeniert hat (wäre in der Tat ungeschickt, so kurz vor seinem Deutschland-Besuch), es geht (auch) um die anderen Herren wie den im negativen Sinne beeindruckenden Ministerpräsidenten Tschetscheniens, denen ich eine solche Tat sofort zutraue. Und Putin, dem kommt das gerade recht.

    Es ist an Peinlichkeit, geistiger Kleinheit (zuviel Wodka macht eben dumm...), Tumbheit, Dreistigkeit etc. nicht zu überbieten, was sich die herrschenden Herren da geleistet haben. Das verdient einen Aufschrei der Europä-Öffentlichkeit! Und KLARE Worte der Absage und Verurteilung.

    Mit derartigen politischen Verantwortungs- und Entscheidungsträgern, die den Nährboden solcher und ähnlicher abstoßender Taten bilden sollte sofort auf größtmögliche Distanz gegangen werden! Ein weiterer Grund sich energietechnisch in Richtung Autarkie zu bewegen (fast nicht möglich).

    Leute, die stolz darauf sind, politische Gegner auf widerwärtige Art und Weise heimtückisch zu vergiften und keine andere Antwort auf kritische Beobachtungen von JournalistInnen haben, als eine Bombe, Gift oder tödliche Schüsse in den Rücken sind zwar noch bittere Realität, verdienen aber nur Verachtung, auch seitens der intellektuellen politischen Welt-Öffentlichkeit.

    Und lassen Sie Rupert Neudeck in Ruhe, solche wie er gibt es in Deutschland leider viel zu wenige!!!

    • lef
    • 10.10.2006 um 22:37 Uhr

    Hinter all der (wohlfeilen westlichen) Empörung über diesen Mord und den wirklich furchtbaren Zustand der russischen Gesellschaft,
    vermisse ich dennoch die andere Seite der objektiven Berichterstattung über das Wirken dieser Frau.

    Ähnlich wie beim Konflikt Israels mit dem Palästinensern gilt doch wohl AUCH, dass weder die Palästinenser und auch nicht die Tschetschen NUR unschuldige Opfer sind und waren.
    Es ist gar nicht so lange her, dass die Tschetschenen ihre Unabhängigkeit von Russland (nach dem Ende der SU) sehr wohl hatten und in autodestruktiven Clankriegen selbstverschuldet verspielt haben. Die "Scharzen Witwen" dort sind NICHT oder ebensowenig Produkt der russischen Gräueltaten, wie die ständigen Überfälle und Beschüsse auf israelische Zivilisten NUR der Politik Israels zuzuschreiben sind.

    Wie gesagt, ich weiß nicht, ob diese Journalistin wirklich die andere Seite des Konfliktes nicht gesehen hat - es wird vielleicht nur so berichtet.
    Aber es ändert nichts daran, dass die bisherige Berichterstattung ein sehr einseitiges Bild von den Tschetschenen als angeblich NUR unschuldige Opfer zeichnet.

    Wie gesagt: das wäre/ist nicht nur wohlfeil, sondern auch ziemlich dümmlich.

    • Anonym
    • 10.10.2006 um 16:49 Uhr

    Russland ist kein Sozialstaat mehr. Ist zu einer Hydra geworden, die eigene Kinder frist, um zu überlebn. Das Menschnsleben hat dort weniger Wert, als ein Taschenrechner.
    Und der Mord ist auch Bestätigung dafür, dass in Russland keine Rechtssicherheit herrscht.
    Es ist dort schlimmer als unter Augusto Pinochet in Chile der 70-er Jahre.
    Eine oligarchische Junta, wie vor 50 Jahren in Paraguay unter Alfredo Stroessner, hat in Russland die Macht ergriffen. Und Vlad Putin ist der oberste Impressario dieser Monsterclique.

  4. So beklemmend die Ermordung Anna Politkowskajas auch sein mag, so sollten deutsche Stammtischdemokraten sie doch nicht zum Anlaß nehmen, ihren primitiven antirussischen Klischees mal wieder freien Lauf zu lassen.

    Daß als Mörder nur Putin in Frage kommt, scheint für Berufsgutmenschen wie Neudeck von vornherein festzustellen, dafür brauchen sie keine Fakten, keine Untersuchung, keine Beweise.

  5. Während es in Mode gekommen ist, wenig provokante Menschen mit Preisen auszustatten, werden die jenigen, die wirklich ihr Leben riskieren und Grausamkeiten aufgecken dagegen vergessen, weil es den Diktatoren dieser Welt nicht recht wäre.
    Sollten die Menschen, die den 2. Weltkrieg erlebt haben nicht bei solchen Schilderungen aufstehen und zu Tausenden nach Tschetschenien fahren, und solche Szenen, die sie selbst erlebten zu verhindern?
    Stattdessen wird so getan, als ob alles in Ordnung ist und verschliesst die Augen. Und wenn mal wieder Journalisten ermordet werden, dann schreibt man eine netten Artikel schimpft ein wenig, ergeht sich inm Forderungen und gut ist. Das Morden geht weiter und die Welt schaut zu... Hat man schon jemals Russland mit Sanktionen gedroht und auch nur eine davon wahr gemacht? Und warum? Weil man nicht auf Öl und Gas verzichten kann.

    • macua
    • 09.10.2006 um 19:28 Uhr

    Es ist ja nicht das erste Mal, dass man solche Geschichten aus Russland hört und doch immer wieder aufs Neue unfassbar!!!

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