Berlin Mehr Hauptstadt wagen

Berlin ist pleite. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet diesen Donnerstag, ob der Bund und die anderen Länder helfen müssen. Die schreien schon. Nur eins wird nicht debattiert: Was dem föderal organisierten Deutschland seine Hauptstadt wert ist.

Wenn Klaus Wowereit über die Zukunft Berlins spricht, dann sieht er die Stadt in der Konkurrenz mit europäischen Metropolen, mit London, Paris und Rom. Der Regierende Bürgermeister möchte Berlin so schnell wie möglich zur führenden europäischen Eventhauptstadt machen und im Jahr 2020 die Olympische Spiele in die Stadt holen. Sein Finanzsenator Thilo Sarrazin liebt bescheidenere Ziele. Er vergleicht die Wirtschaftskraft der Stadt nicht mit der europäischer Metropolen, sondern mit durchschnittlichen deutschen Großstädten wie Duisburg oder Essen und kommt dabei zu einem ziemlich tristen Ergebnis. Er zahlt immer noch die Zinsen für die Hybris der Nach-Wende-Zeit. Unter anderem für die Idee, im wiedervereinigten Berlin die Olympischen Spiele 2000 ausrichten zu wollen. Statt in die Zukunft blickt Sarrazin daher lieber in die Vergangenheit. Mitten im Wahlkampf erklärte er kürzlich, die Stadt lebe nicht mehr im Jahr 1945, sondern im Jahr 1947. „Der Schutt ist abgeräumt“, sagte er.

Während viele Berliner sich ob dieser Nachkriegssymbolik empörten, hatte Sarrazin doch nur darauf verweisen wollen, dass die rot-rote Landesregierung in den vergangenen fünf Jahren lediglich ihre finanzpolitischen Hausaufgaben gemacht hat. Sie hat ein paar stadtpolitische Weichen gestellt, aber die großen strukturellen Probleme wie Schulmisere, Rekordarbeitslosigkeit, Integrationsverweigerung sind ungelöst.

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Die Fakten sind sattsam bekannt. Berlin plagen 60 Milliarden Euro Schulden. 2,5 Milliarden Euro zahlt das Land jährlich an Zinsen mehr als für Investitionen. Wenn man so will, ist dies eine späte Rechnung für 40 Jahre Kalten Krieg und zugleich die teure Bilanz von zehn Jahren wiedervereinigtem Filz und überparteilichem Größenwahn. Auch wirtschaftlich geht es der Hauptstadt nicht gut. Die Wirtschaftsleistung stagniert seit Jahren, 300.000 Berliner sind arbeitslos, die Arbeitslosenquote liegt mit 17 Prozent deutlich über Bundesdurchschnitt. 100.000 Berliner arbeiten als Ein-Euro-Jobber oder in 400-Euro-Jobs genauso viel wie in der Industrie. 1990 war die Zahl der Industriearbeitsplätze noch viermal so hoch.

Gleichzeitig boomt allerdings in Berlin der Tourismus, die Kultur lebt, Verlage, Plattenfirmen und Werber haben sich angesiedelt. Das Leben in der Hauptstadt ist günstig, das zieht viele Kreative an, und auch für Studenten ist die Stadt ungebrochen attraktiv. So werden in Berlin auch Ingenieure ausgebildet, die später in Baden-Württemberg Autos bauen oder in Bayern Zukunftstechnik entwickeln.

Berlin schwankt zwischen Spaß und Elend, zwischen Hoffnungen und Altlasten, zwischen Zukunft und Abwicklung. Am Donnerstag könnte sich in Karlsruhe entscheiden, wohin die Reise künftig geht. Folgt man Thilo Sarrazin, dann geht es nicht weniger als um die Frage, ob die Stadt eine neue Perspektive erhält, indem der Bund und die anderen Länder die Hälfte der Schulden des Landes übernehmen müssen. Oder ob der Senat weiter eisern sparen, die Löhne im Öffentlichen Dienst weiter senken, alle landeseigenen Betriebe privatisieren und alle Ausgaben des Landes pauschal um 25 Prozent kürzen muss. Kurz: das Elend weiter nur verwalten kann.

Formal entscheiden die Verfassungsrichter lediglich über eine Normenkontrollklage des Landes Berlin. Sie sollen feststellen, dass sich das Land in einer extremen Haushaltsnotlage befindet und deshalb Anspruch auf Sonderhilfen des Bundes und die finanzielle Solidarität der übrigen Bundesländer hat wie Bremen und das Saarland. Bekommt der Senat Recht, hätte das allerdings weitreichende Folgen: Bund und Länder müssten sich auf ein Finanzausgleichsgesetz einigen. Frühestens 2009 könnte die Stadt mit ersten Sonderhilfen rechnen.

Leser-Kommentare
    • wpaul
    • 19.10.2006 um 13:04 Uhr

    ...ich habe immer Depressionen wenn ich die Elendsviertel dieser Großstädte, Verkehrschaos, Luftqualität, etc. sehe, da gefällt mir Berlin schon besser....., bis auf die unhöflichen Verkehrspolizisten, wenn man mal als Ortsunkundiger vor einem Hotel mit dem Auto parkt :-)

  1. 2. \N

    Und warum fragt das die Zeit?

  2. Waehrend Berlin immer noch Steuergeld stiehlt, da es schon lange pleite, aber keine Insolvenz anmeldet, laeuft Herr Wowereit frei rum!

    Ich werde diesen Dieb anklagen!

  3. sich seine Party Kulisse vom Steuerzahler bezahlen...

  4. Ja!

    Findest Du das OK?

    Kannst Du nicht verstehen, dass der eine oder andere angesichts derartiger Schulden dann auch einmal ein wenig ungehalten wird und sich langsam aber sicher die Frage aufdraengt, ob nicht doch ein Staatsnotstand vorliegt?

  5. Wenn eine Stadt derartig viele Milliarden bekommen und denn dann doch pleite ist, ueber 60 Mrd., die ja selbst in hundert Jahren nicht zurueckgezahlt werden koennen, dann ist es eben vorbei:

    Pleite!

    Dafuer muessen Politiker vor den Richter, wenn moeglich ins Gefaengnis, denn kein Bankraub kann sich damit messen!

    Es muss vorbei sein, den Raub von Steuergeldern auf die leichte Schulter zu nehmen:

    viele Arbeitnehmer, am Existenzminimum, mussten und sollen weiter dafuer schuften!

    Politiker sind gewarnt worden, immer wieder, aber sie haben weiter gemacht!

    Da sie den Staat ruinieren, zerstoeren sie den Staat und sind wahre Feinde des Grundgesetzes!

    Sie treiben das Volk in die Verzweiflung!

    Das Grundgesetz aber raet dem Volk, gegen Zerstoerer des Staates sich zu erheben!

    Sie treiben das Volk in eine neue Revolution!

  6. Der Zusammenbruch der Berliner Bankgesellschaft (Mehrheitsgesellschafter das Land Berlin) hat dem Steuerzahler Verbindlichkeiten in Milliardenhöhe hinterlassen. Dahiner stand wieder das beliebte Spiel "Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste." Dafür sind korrupte Politiker mit verantwortlich. Man beachte nur die Rolle des Ex-Fraktionsvorsitzenden der CDU Klaus Landowsky in dieser Affäre.
    Auch hat die große Koalition im Land Berlin überhaupt viele Parteirecken mit Posten in der BBG versogt.

    Klaus Wowereit hat damit nichts zu tun. Er hat nur die undankbare Aufgabe jetzt stellvertretend für die Politik in Berlin in Sack und Asche zu gehen. Aber statt Demut propagiert er Party bis zum Abwinken.

    So geht das nicht, Herr Wowereit! Berlin bringt sein Vermögen durch, und dann sollen es die anderen Länder bezahlen? Wohl vom Wahnsinn umjubelt!

    Die fetten Jahre sind aber nicht nur für Berlin vorbei, und Protz und über die Verhältnisse leben sind auch außerhalb der Hauptstadt bei Wowis Provinzkollegen immer noch mächtig en vogue.

    Mein Rat an die Politiker überall in der Republik: Gürtel enger schnallen! Maß halten! Mehr Geld nur noch für Bildung!

  7. "stammtischgemäße pogromgröhlereien":

    Ich moechte doch sehr bitten!

    Damit Menschen wie Sie die Situation ernst nehmen, muss man in die Tasten greifen!

    Aber auch das hilft nicht!

    Sie haben es nicht noetig! Das kennen wir zur Genuege aus der Geschichte!

    Sie werden ja doch siegen!

    Sie und gleichgueltig Arrogante wie Sie:

    bevor von ihrer Seite ernsthafte und durchgreifende Vorschlaege kommen, brennt Deutschland!

    Dann kommt ihre Polizei und ihr Militaer und Groehler wie ich, die kommen ins "Kitchen"!

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