Nobelpreis

Der Friedensbringer

Wo Kampf ums Überleben herrscht, ist der Friede in Gefahr. Deshalb ist es richtig, den Banker Muhammad Junus zu ehren. Ein Kommentar von

Der Friedensnobelpreis geht an einen Banker - das klingt zunächst bizarr. Doch Muhammad Yunus ist mitnichten der normale Chef einer normalen Bank. Der Ökonomieprofessor aus Bangladesch hat die Grameen-Bank gegründet und damit das Elend dieser Welt effektiver bekämpft als unzählige andere Entwicklungsexperten. Seine Bank vergibt Kleinkredite an die Armen und verschafft damit denen, die sonst nirgends als kreditwürdig gelten, ein Startkapital und die Chance auf ein besseres Leben.

„Wir haben gezeigt, dass Arme in der Lage sind, ihr Leben selbst zu verändern“, sagte Yunus in einem ZEIT-Interview schon 1997. Dann schickte er die Reporterin direkt zu seinen Kundinnen . Die sollten besser selbst für sich sprechen, fand er, der schon immer ein großer Kämpfer für die Autonomie der Armen war.

Unter Entwicklungsexperten gilt der Ökonom Muhammad Yunus längst als Legende, denn er hat den alten Slogan „Hilfe zur Selbsthilfe“ mit neuem Inhalt gefüllt. Mittlerweile kopieren Projekte und Institutionen in der ganzen Welt seine Methode, selbst in Europa werden Mikrokredite vergeben, und die Vereinten Nationen erklärten das vergangene Jahr zum Jahr des Mikrokredites.

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Yunus aber hat längst neue Geschäftsfelder für die Armen entdeckt. In Bangladesch zum Beispiel erstand er eine Mobilfunklizenz. Die passenden Handys gab er an viele Frauen weiter, diese wiederum vermieten die Geräte. Dadurch entstanden nicht nur neue Erwerbsmöglichkeiten: Viele entlegene Dörfer wurden auch aus der Isolation geholt.

Das Nobelpreiskomitee hat mit seinem Preis also auch diesmal wieder ein politisches Zeichen gesetzt. Es mischt sich mutig in die Debatte über die nötigen Voraussetzungen für den Frieden ein. Denn der Friede kann nicht nur durch den Kampf gegen den Terror gewonnen werden, vielmehr muss er durch wirtschaftliche Entwicklung dauerhaft gesichert werden. Darauf hat schon die Nord-Süd-Kommission unter Leitung von Willi Brandt in den siebziger Jahren verwiesen: Auch dort wo die Waffen schweigen, herrscht für viele Menschen der tägliche Krieg ums Überleben. Doch wo die Menschen keine Chance auf ein Fortkommen haben, kann fruchtbarer Boden für Krieg liegen.

Muhammad Yunus bringt mit Krediten in Pfennighöhe tatsächlich Frieden in die Welt.

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Leser-Kommentare

  1. Nachdem die wirklichen Nobelpreise vergeben sind, lauert die Welt darauf, aus welcher Ecke des Kontinents nun der Literatur- bzw. Friedensnobelpreisträger gezogen wird.
    Und man hat den Eindruck, als kache sich das Kommitee einen Spaß daraus, den zu kreiren, den man am wenigsten erwartet hat.
    Dieter Hildebrandt hatte es mal treffend formuliert: Da steht einer mit verbundenen Augen vor dem Globus und tippt dann drauf. So sucht man sich die Leute dann aus: Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Man muss nur aufpassen, dass die Vergabe nicht zur Lachnummer wird.

  2. Im Spiegel war zu lesen, dass die Bank eine nur 1%ige Ausfallrate hat,traumhaft für eine Bank. Wieso nimmt man dann lt. Spiegel 20% Zinsen, große Ausfälle müssen ja nicht kompensiert werden...?

  3. Der diesjährige Friedensnobelpreis hat den richtigen Akzent gesetzt, darin stimme ich der Autorin zu.

    Mit der Würdigung der Arbeit des "Armen-Bankers" wird allerdings die traditionelle Entwicklungshilfe mit ihren Mammutprojekten und weltfremden Beglückungsansprüchen ad absurdum geführt. Da frägt man sich, wozu w i r ein Entwicklungshilfeministerium benötigen und wofür die Unsummen ausgegeben werden, die dort durchlaufen, ohne daß sich nach Jahrzehnten des Mittelflusses in den "Empfängerländern" irgend etwas zum Besseren gewendet hätte. - Man könnte doch dieses Bangladesh-Projekt zu einem weltweiten Entwicklungsmodell machen. Es wirkt auf persönlicher Ebene um so effizienter wie es im großen keine Prestigeobjekte zur Selbstbeweihräucherung von Politikern liefert.

    • 13.10.2006 um 21:59 Uhr
    • ruek

    Direkt an diesen Nobelpreis anknüpfend wünsche ich mir von der ZEIT als dem diskursivem Leitmedium deutscher Sprache sehr, sich nun auf der durch den Preis geweckten Interesse an mögliche und machbare Antworten auf Risiken von Globalisierung und deregulierten Finanzmärkten in allen Teilen der Welt zuzuwenden.

    Gegenwärtig entwickelt die Vorhut einer "Aktive(n) Gesellschaft" (formuliert nach dem grundlegenden Werk des Kommunitaristen Amitai Etzioni), seit einigen Jahren um soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Prosperität bemüht, auch in randständigen Regionen wirksame Innovationen des Geld- und Kreditgeschäfts jenseits der traditionellen Kreditwirtschaft. Hier liegen verblüffende und lehrreiche Geschichten aus einer „Grass Roots Economy“ überall verstreut. In ihnen wird abstrakte Weltökonomie im Kampf um die Wiedererlangung der Verfügung über die eigenen Lebensbedingungen greifbar und fasslich.

    Überall auf dem Globus - darauf verweisen Sie in Ihrem Bericht ja auch indirekt - gibt es von Bürgern oft auch von Armen initiierte sozial-ökonomische Projekte, die weit über das Beispiel der bhengalischen Grameen Bank hinausgehen. Zudem sind viele dieser Beispiele weitgehend frei von Zinsberechungen. Dazu zählen neben Banken auch leistungsgedeckte regionale Währungen, von denen es selbst in Deutschland kanpp 20 gibt und weitere knapp 20 vermutlich schon während der nächsten Monate (siehe: www.regiogeld.de, http://www.monetary-regio...).

    Schon Monate nach der Erst-Emission einiger Ergänzungswährungen zirkulieren dort fünf- bis sechsstellige Beträge, so dass bei einer ein Jahr alten Regionalwährung in Nordrhein-Westfalen bereits eine eigene Geldschöpfung einsetzt, bei der den Unternehmen der Region in Euro konvertierbare Beträge im drei- bis vierstelligen Bereich je nach der Zahl der abhängig Beschäftigten aus eigener Geldschöpfung als eine Art Wechsel auf deren beschäftigungswirksame Leistungen in der Region buchstäblich geschenkt werden konnten. - Das ist verblüffend und zugleich faszinierend. Vor allem aber entzaubert es Vorurteile traditioneller vor allem aber deistischer und neo-liberaler "Marktgott"-Theorien.

    Andere Innovationszweige und Regionalinitiativen arbeiten an einer durch erneuerbare Energien als dem 'Goldstandard' der energiewirtschaftlichen und damit auch politischen Unabhängigkeit. Interessante Versuchsanordnung mit realen Folgen für die Menschen: Eine durch Kilowattstunden aus erneuerbaren Energien gedecktes Zahlungsmittel schafft eine ökologische und soziale Marktwirtschaft nicht nur in den an Rohstoffen armen, entwickelten Ökonomien wie der unseren.

    Und so funktioniert diese Variante sozialer Innovation: Bürgergenossenschaften oder auch Unternehmen liefern Strom an die regionalen Energieversorger gegen währungsähnliche Energiegutscheine. Diese Gutscheine funktionieren als Regionalgeld und starten einen Geldkreislauf, der mit der Verwendung dieses Gutscheines zur Begleichung der Stromrechnung endet. Diese Geldinnovation wirkt insofern nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern vermindert auch die Abhängigkeit von Importen fossiler Energien (ein Weg hin zur "Energieautonomie" der "solaren Weltwirtschaft", Herrmann Scheer, MdB und Buchautor).

    Es wäre doch eine tolle publizistische Aufklärungsreihe, sich in monographischen Berichten mit den einzelnen Geld- und Kreditexperimenten zu beschäftigen, die Macher vorzustellen und die Geschichte der Betroffenen zu erzählen. Da viele Menschen, wie Spiegel-Korrespondent Gabor Steingart in seinem aktuellen Buch schreibt, derzeit im Prinzip alle auf einen *ökonomischen Messias* warten und der Riss durch die Gesellschaften nicht mehr entlang der nationalen Staaten verläuft, ist es doch eine der aufregensten Geschichten der Gegenwart, wie Menschen sich durch die Schaffung komplementärer, finanzieller und wirtschaftlicher Strukturen der Sebsthilfe von auch bei uns nicht oder dürftig demokratisch legitimierten, wirtschaftlichen Systemzwängen Luft zum besseren Leben verschaffen.

    Mein erster Kontakt auf dem Themenkongress "Monetary Regionalisation" Ende September und dem "Regiogeld-Kongress" Anfang Oktober an der Bauhaus Universität in Weimar führte mich im Rahmen meiner eigenen (akademischen und fachjournalistischen) Arbeiten zum Thema "Wissen und Lernen in der Risikogesellschaft: Experimente sozialer Innovation als Lernfeld für Individuum und Gesellschaft" in eine faszinierende Welt couragiert und pragmatisch ihr Umfeld gestaltender Menschen. Ich habe dort Referate und Gespräche zu etlichen Themen gehört bzw. führen können, die von Japan, Australien und Neuseeland über Kanada bis nach Europa reichen.

    Nur eines von vielen Beispielen hiervon ist Neuseeland. Dort arbeitet die Britin Jo Pearsall an der Wiederherstellung der durch den neo-liberalen Kahlschlag ruinierten kommunalen Versorgungen nicht nur bei den Maori durch Adaption des Konzeptes der JAK Bank aus Schweden, die sich nur über Gebühren finanziert und zinsfreie Kredite auf angesparte Guthaben vergibt (www.ecoshow.co.nz und www.jak.se).

    Diese Themen sind zwar in Ansätzen auch schon in den überregionalen Medien vorgekommen. Die Berichterstattung hinkt aber der von Bürger ausgelösten Dynamik weit hinterher. Man scheint (noch?) nicht zu begreifen, dass sich hier eine aus der Ansgststarre erwachte Zivilgesellschaft auf produktiv und erfolgversprechend in Selbsthilfe-Projekten auf einen neuen Weg begibt. Das ist eben wie schon gezeigt nicht nur in den Entwicklungsländern so, sondern es gilt auch für die etwas zugspitzt aber nicht übertrieben als "Rückentwicklungsländer" titulierbaren Länder wie Deutschland. Zugleich besetzen Bürger (nota bene: Role Model ist der "Citoyen" nicht der "Bourgeois") hier ein Segment, das von der Politik nicht oder kaum ausgefüllt werden kann. Mögen Sie wenigstens dafür sorgen, dass der Zivilgesellschaft aber auch der mittelständischen, reginal orientierten Wirtschaft hier nicht auch noch zugunsten der Großbanken und der internationalen Spekulationsmärkte das Geld in Richtung US-Pensionsfonds und Spekulanten der Handlungsrahmen beschnitten wird. 'Small is beautiful' und eine durch eine durchlässige Membran mit der internationalen Wirtschaft ohne Protektionismus auskommende regionale 'Small Scale Economy' kann nur so ihre Möglichkeiten entdecken und entfalten.

    Neben Gabor Steingarts Empfehlungen für die Schaffung einer wirtschaftspolitschen NATO des Westens in der Makropolitik ist als Beitrag dieser für die Regionen Europas wie der Welt der Humus für eine gerechtere und damit auch friedlichere Zukunft vor dem Abtragen zu sichern.

    Eine Reihe zu diesen konstruktiven, positiven und aktivierenden Themen wäre wirklich ein Geschenk für die Medienöffentlichkeit weil jenseits irgendwelcher sektiererischen Protestgruppen und Grüppchen, parteipolitischen Loyalitäten oder einseitigem und kurzfristigem, unternehmerischem Gewinnkalkül. Sicher brauchen Sie keine (Nach-)Hilfe beim Recherchieren. Ich biete Ihnen aber gerne Kontakte zu Menschen, die aktiv, wissenschaftlich oder als Betroffene zu diesem Geschichtenkreis beitragen können.

    In freudiger Erwartung auf einen publizistischen Reigen ermutigender Gegenwartsgeschichten und Betrachtungen in der ZEIT

    Ruediger Kutz, Zeven (Niedersachsen)

  4. Die enge Verknüpfung zwischen der „Überwindung der Armut“ und dem „Frieden in der Welt“ haben Sie dankenswerterweise deutlich hervorgehoben:
    Wenn 7, 8 Millionäre und Milliardäre, also nur ca.1 % der Menschheit, laut Jean Zieglers „Das Imperium der Schande“, über ein Vermögen von 28 800 Milliarden Dollar verfügen (!!), und fast die Hälfte der Menschheit mit weniger als 2 Dollar pro Tag also unter 800 Dollar im Jahr auskommen muss, dann handelt es sich um schreiende globale Ungerechtigkeit, um globale soziale Apartheid, die der frischgekürte Friedensnobelpreisträger Yunus so bewundernswert zu überwinden trachtet. Der nächste Friedensnobelpreis müsste stringenterweise an Al Gore verliehen werden, der als „Klimapräsident“ (DIE ZEIT) den Zusammenhang zwischen "Globaler Gerechtigkeit" und "Frieden mit friedlichen Mitteln" noch durch "Naturbewahrung" ergänzt und seit vielen Jahren unermüdlich für einen "Marshallplan für die Erde" kämpft.

    • 16.10.2006 um 8:56 Uhr
    • zorc

    "Nachdem die wirklichen Nobelpreise vergeben sind, lauert die Welt darauf, aus welcher Ecke des Kontinents nun der Literatur- bzw. Friedensnobelpreisträger gezogen wird." - Tja, Germanow, da sind Sie wohl schlauer als der alte Alfred Nobel selbst, der 1885 Preise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Friedensförderung vorsah. (Insofern ist allenfalls der Ökonomienobelpreis kein ganz 'richtiger'.) Aber Hauptsache, man kann die eigenen verkrampften Ressentiments ein bisschen füttern, oder? Man muss halt aufpassen, dass die Kommentare nicht zur Lachnummer werden.

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  • Von Petra Pinzler
  • Datum 13.10.2006 - 10:23 Uhr
  • Quelle ZEIT online
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