Web 2.0 Wertvolle User
Google zahlt Milliarden für YouTube - ein Unternehmen mit hohen Kosten und geringem Umsatz. Verbranntes Geld? Nicht unbedingt, sagt unser Kolumnist
Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor gut einem Jahr eine Geschäftsidee gehabt, wären gut gestartet, hätten jetzt etwas mehr als 60 Mitarbeiter - und plötzlich bietet Ihnen jemand 1,65 Milliarden US-Dollar für Ihre Firma. Utopisch? Nein, denn genau so ging es vor ein paar Tagen den Gründern des Internet-Videoportals YouTube, das nun vom Suchmaschinenkonzern Google geschluckt wurde.
Auf den ersten Blick scheint es klar zu sein, dass der Begriff "Web 2.0" vor allem bedeutet, dass die Internetbranche nun zum zweiten Mal übergeschnappt ist und wie einst im Jahr 2000 Milliardensummen für heiße Luft gezahlt werden.
Gestützt wird diese These von den Schätzungen zum Geschäftsvolumen von YouTube. Zwar sind jeden Tag rund 100 Millionen Seitenabrufe zu verzeichnen, und täglich kommen 65.000 Filmchen neu hinzu. Allerdings ist das Portal für die Nutzer kostenlos, sodass als Umsatz für dieses Jahr allenfalls ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag erwartet wird - und das angesichts immenser laufender Kosten für eine Infrastruktur, die bei den riesigen Datenmengen nicht zusammenbrechen darf.
Darüber hinaus birgt YouTube hohe juristische Risiken, weil des Öfteren auch urheberrechtlich geschütztes Material von Nutzern eingestellt wird. Bislang war es für Medienkonzerne nicht interessant, das Portal mit hohen Schadenersatzsummen in Regress zu nehmen. Ohnehin wäre nicht viel zu holen gewesen. Das ändert sich mit dem neuen Eigentümer, dessen pralles Bankkonto eine Einladung für jeden Prozesshansel ist.
Ist der milliardenteure Kaufpreis also verbranntes Geld? Nicht zwangsläufig - sofern es Google gelingt, die Potenziale seines Neuerwerbs in konkrete Umsätze umzuwandeln. Das funktioniert zwar ganz sicher nicht dadurch, dass von den Nutzern einfach Gebühren kassiert werden. Aber jetzt schon ist das Videoportal dank seiner vielen Besucher eine attraktive Werbeplattform. Da liegt es für Google auf der Hand, sein florierendes Suchmaschinen-Werbeprogramm auf die YouTube-Internetseiten auszuweiten und das Geschäft mit bezahlten Werbefilmen zu forcieren.
Nicht zu verachten ist auch der Wert der Datenbank mit den E-Mail-Adressen von mehreren Millionen Mitgliedern. Eine dezente Anreicherung der E-Mail-Newsletter mit Werbung dürfte angesichts der attraktiven Zielgruppe von Internet- und Filmenthusiasten neue Einnahmenquellen sprudeln lassen.
Ob der Kaufpreis angemessen oder zu hoch ist, lässt deshalb sich erst in ein paar Jahren feststellen. Nicht nur, weil sich erst dann zeigt, ob das YouTube-Geschäftsmodell auch wirklich ein Gewinnbringer ist - sondern auch in Abhängigkeit von der Kursentwicklung der Google-Aktie. Der Suchmaschinenbetreiber musste nämlich für den Deal kein Bargeld in die Hand nehmen, sondern konnte die Übernahme komplett mit eigenen Aktien finanzieren. Im Verhältnis zur derzeitigen Börsenbewertung von 130 Milliarden US-Dollar setzte Google also nicht einmal zwei Prozent seines Vermögens ein. Weil die YouTube-Gründer ihre Google-Aktien nicht einfach kurzfristig auf den Markt werfen können, müssen sie folglich hoffen, dass sich der derzeitige ideelle Wert irgendwann einmal in eine hohe Bargeldsumme umwandeln lässt.
Bis dahin sind sie in der gleichen Situation wie der Obdachlose im Wallstreet-Witz aus der Zeit der ersten Internet-Euphorie. Der saß eines Morgens mit seinem struppigen Hund vor der New Yorker Börse auf dem Bürgersteig und hielt ein Schild in der Hand, auf dem stand: "Hund zu verkaufen für 1 Million Dollar!" Ein Broker, der auf dem Weg zur Arbeit war, sagte im Vorbeigehen: "Den Preis bekommen Sie nie und nimmer!" - "Sie werden sehen, nach Börsenschluss ist der Hund für eine Million Dollar verkauft."
Als der Broker am Nachmittag vorbeikommt, sitzt der Mann tatsächlich ohne seinen Hund da. "Sehen Sie", sagte der Mann. "Ich habe ihn für eine Million Dollar verkauft." - "Zeigen Sie mir das Geld!" Da zog der Obdachlose zwei Meerschweinchen unter der Jacke hervor und sagte: "Sehen Sie, jedes ist fünfhunderttausend wert."
Thomas Hammer ist freier Wirtschaftsjournalist und Sachbuchautor in Ötisheim am Rande des Nordschwarzwalds. Er schreibt unter anderem für das Wirtschaftsressort der ZEIT und beobachtet die Kapitalmärkte mit skeptischem Blick.
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- Datum 15.10.2006 - 11:49 Uhr
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Einskomma soundsoviel Milliarden Dollar. Bezahlt mit Aktien eines Unternehmens, dessen Börsenwert selbst den Irrsinn dieser zweiten Internethäresie am besten dokumentiert. Also: was ist "youtube"? ein Videoportal, dass "google" mit seinem Börsenwert mit links selbst häte aufziehen können: mit einer schlichten Neugründung, einem "me-too-Produkt". Die Werbe- und Marktmacht hätte es ermöglicht, binnen eines Jahres ein ebenso hoch frequentiertes Videoportal aufzuziehen. "youtube" ist eine Sumpfdotterblume, gewachsen im feuchten Schatten einer, zugegebenermaßen tollen Idee. Aber einzigartig wird es nicht bleiben, ist es bereits heute schon nicht mehr.
Was die unzählbaren Copyright-Verletzungen auf diesem Portal angeh, wird es eher früher als später zu erheblichen Einschränken des eingestellten Materials kommen, die Zahl der Video-Inputs wird sinken. Man kann heute beispielsweise die Konzertausschnitte praktisch jedes international bekannten Künstlers der Musikbranche dort finden, einmal ganz abgesehen davon, dass Privatvideos fast ausnahmslos mit Musik unterlegt sind, für die ebenfalls keine Abspielhonorare gezahlt werden. Das wird ein Riesenproblem werden. Wie der Autor schon so richtig meint, lädt der neue Eigentümer "google" jetzt alle New Yorker Anwaltskanzleien geradezu ein, Klageschrften aufzusetzen.
Der ganze Deal ist ein einziger Witz. Allerdings: die Idee bleibt davon unberührt. Sie wird sich durchsetzen, dank "Web 2.0". Doch die unternehmerische Attraktivität dieses Abenteuers sinkt eher, als dass sie an ökonomischer Faszination zunehmen wird. Der Kolumnist erwähnt in diesem Zusammenhang die wohlfeilem Email-Adressen der "youtube"-Nutzer. Vorsicht auch hier: die deutsche Rechtsprechung beispielsweise untersagt das klipp und klar. Auch würde es die typische "youtube"-Klientel nicht ohne weiteres hinnehmen, wenn ihre Mailadressen zu Spamorgien missbraucht würden.
"youtube" wird sich zu einem Spartenkanal-Megastore entwickeln, doch nur dann, wenn die Nutzer bereit sind, zu zahlen. Das bedeutet über kurz oder lang, dass sich die Industrie dieses Blütentraums bemächtigen wird, und der Kommerz die ursprüngliche Idee in ihr Gegenteil verkehrt. Das erst ist die Nagelprobe fürs Geschäft. Die gezahlten Milliarden werden es nicht einfach haben, auf ihrem Weg "nach Hause".
Ich stimme dem Kolumnisten in seiner Analyse vollständig zu. Google weitet sein Geschäft auf all die Bereiche aus, die junge Leute heute faszinieren. Es geht um einen Wachstumsmarkt und WEB 2.0 ist nicht nur eine Phrase, sondern m.E. die konsequente Weiterentwicklung der Medien- und Internetökonomie.
Wenn auch die Filmchen, die auf YouTube zu sehen sind, vielen nichts sagen, Sie werden der Einstieg in eine Goldgräberstätte für Google sein, denn sie sichern eines: Aufmerksamkeit und Unterhaltung. Und irgendwann werden wir dort auch Profis mit Ihren Angeboten wiederfinden und auch ein Premiumangebot wird es geben. Also: so what?
Was sind schon 1,65 Mrd. $, wenn es um die Zukunft geht? Wir zahlen dies alle mit und haben vielleicht auch was davon, denn Google wird große Teile des Werbemarktes in der Zukunft beherrschen.
Viele Grüße
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