Studie

Neue Unterschicht?

Eine Studie schreckt die Politik auf: Demnach gehören im Westen vier, im Osten sogar 20 Prozent zum "abgehängten Prekariat"

Die vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck angestoßene Debatte über ein wachsendes »Unterschichten-Problem« in Deutschland zieht weitere Kreise. Nach einer Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung gehören dieser neuen gesellschaftlichen Unterschicht acht Prozent der Bevölkerung an. Dies berichtet die Bild am Sonntag unter Berufung auf die repräsentative Untersuchung des Instituts TNS Infratest. Zur neuen Unterschicht zählen demnach 20 Prozent der Ostdeutschen und vier Prozent der Westdeutschen. Die Wissenschaftler sprechen in der Studie »Gesellschaft im Reformprozess« vom »abgehängten Prekariat«.

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Wie das Blatt weiter berichtet, bewertet die SPD-Spitze die Ergebnisse als »handfesten gesellschaftlichen Skandal«. Die Studie fließe jetzt in die Debatte über das neue SPD-Grundsatzprogramm ein. Parteichef Beck wolle einen »Bildungsaufbruch« mit beitragsfreien Kindergärten und einem Ausbau von Ganztagsschulen organisieren, um Kindern der Unterschicht den Aufstieg zu ermöglichen.

Beck hatte vor kurzem eindringlich vor einem wachsenden »Unterschichten-Problem« gewarnt. In weiten Teilen der Bevölkerung lasse das Streben Besorgnis erregend nach, sich um sozialen Aufstieg zu bemühen. Es gebe zu viele Menschen, die sich keinerlei Hoffnung mehr machten, den Aufstieg zu schaffen. Sie hätten sich oft mit ihrer Situation arrangiert und fänden sich damit ab.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil sagte dem Tagesspiegel am Sonntag : »Die neue Armut in unserem Land ist nicht nur materielle Armut.« Es handele sich auch um Armut an Bildung, an Kultur, an Chancen auf ein gesundes Leben. Die SPD wolle mit einem vorsorgenden Sozialstaat mehr Lebenschancen schaffen - dies solle sich auch in der Debatte um das Grundsatzprogramm niederschlagen »und auch unsere Politik in der Bundesregierung prägen«. Heil warnte zugleich davor, Menschen mit Begriffen wie »Unterschicht« zu stigmatisieren.

Laut Studie empfinden viele der Betroffenen ihr Leben als »gesellschaftlichen Abstieg«. Ihr Bildungsgrad sei überwiegend einfach, »berufliche Mobilität« und Aufstiegswillen seien nur gering ausgeprägt. Zwei Drittel der »neuen Unterschicht« hätten ihren Job bereits verloren, die anderen empfänden den Arbeitsplatz »häufig als nicht sicher«. Die Betroffenen litten unter »größter finanzieller Unsicherheit: sehr niedriges monatliches Haushaltseinkommen, kaum Wohneigentum oder finanzielle Rücklagen, Schulden, wenig familiärer Rückhalt«. Vom Staat fühlen sie sich allein gelassen, so die Studie. Viele glaubten, »Abschottung gegenüber Ausländern« löse die Probleme.

Der SPD-Linke Ottmar Schreiner warf den eigenen Parteigenossen und insbesondere dem früheren SPD-Kanzler Gerhard Schröder eine Mitschuld an dem Problem vor. Er sagte dem Tagesspiegel am Sonntag : »Armut und soziale Ausgrenzung sind nicht über uns gekommen.« Besonders die Arbeitsmarktpolitik mit Mini- und Ein-Euro-Jobs sowie befristeten Arbeitsverhältnissen habe dazu geführt, dass »Millionen Menschen keine Chance mehr haben, aus dem Niedriglohnsektor mit seinen Hungerlöhnen herauszufinden«.

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Leser-Kommentare

  1. Wie rührend! Ausgerechnet jene, namentlich die sogenannte sozialdemokratische Partei, entdecken jetzt, dass Deutschland zur ätzenden Heimstatt des Brutalkapitalismus geworden ist. Es ist kein Wunder, dass die Freunde jener, die Deutschland dazu gemacht haben, ihre politischen Freunde ausgerechnet in Russland und China gefunden haben, gerade in letzterem, wo Kapitalismus und Stalinismus sich verbündet haben.
    Mit HartzIV, überbordender Beamtenmacht, mit der beabsichtigten Schaffung einer "working poor"-Schicht (Biedenkopf), mit Hetze gegen große Teile der Gesellschaft (indem zu Sozialbetrügern erklärt), hat Deutschland einen großen Teil des Wegs dahin bereits zurückgelegt.
    Die Proletarisierung großer Teile der Gesellschaft ist nichts anderes als die Folge der zynischen Divide-et-Impera-Logik, die die Politik Deutschlands beherrscht. Die Menschen passen sich jener Rolle an, in die sie von jenen Damen und Herren gedrängt werden, die sich aber selbst ein Leben unter derart Bedingungen nie vorstellen könnten.

  2. "Abgehängtes Prekariat", welch nette Begriffsschöpfung des "Neusprech" für einen gesellschaftlichen Skandal! Nehmen wir einmal den kleinen Teil der Bevölkerung aus, denen es egal ist wie sie leben, so bezeichnet dieser Begriff Millionen! Menschen unserer Bevölkerung, denen jeden Tag brutal deutlich gemacht wird, das sie überflüssig, unnütz, völlig ohne Belang für die "Gesellschaft" sind! Diese Lebenssituation bezieht sich aber nicht nur auf die alten Klischees der "ungebildeten" Unterschicht a la Zille, sondern geht durch alle Bildungs- und Ausbildungsstufen, sofern die Betroffenen sich nicht in finanziell abgesicherten Lebenssituationen (Familienvermögen, Beamtenstatus etc.) befinden. In den letzten 20 Jahren hat die Politik unter dem unseligen Einfluß äußerst zweifelhafter, demokratisch nicht legitimierter Lobbyisten und deren williger Helfer in den Parteien, unsere Gesellschaft in Richtung neoliberaler Geierstaat umgekrempelt. Es wurden ganze Industrie- und Handwerkszweige vernichtet, Arbeitsplätze vernichtet und die Sozialkassen zugunsten der Konzerne (Frühverrentung, Aufbau Ost, versicherungsfremde Leistungen.......) geplündert. Und Denjenigen, die unter diesen Bedingungen ihren Arbeitsplatz und ihre Lebensperspektive verloren haben (egal, welchen Bildungsgrad sie besitzen), wird seit Jahren von allen Seiten immer unverschämter unterstellt, sie seien unnütz, faul, nichts wert und selber schuld an ihrer Situation. Hier seien nur die Herren Schröder, Clement, Müntefering, Merz als besondere Scharfmacher genannt. Das "Marie Antoinette" - Syndrom hat mittlerweile erschreckende Ausmaße angenommen! Ich will nur hoffen, die Therapie fällt nicht so brutal aus wie 1789.

  3. „Nehmen wir einmal den kleinen Teil der Bevölkerung aus, denen es egal ist wie sie leben“

    Wem das wirklich egal ist, der geht wohl sehr rasch unter, denke ich! Dass so mancher Wohlstand eigentlich überflüssig ist, das sieht man an manchen Menschen in den Entwicklungsländern sehr gut, die mit wenig(er) durchaus auch ganz glücklich sind bzw. sein können.

    "Diese Lebenssituation bezieht sich aber nicht nur auf die alten Klischees der "ungebildeten" Unterschicht a la Zille,
    Im Beitrag war aber gerade diese Schicht gemeint, hier dann die Jüngeren und Arbeitsfähigen und -willigen."
    „sondern geht durch alle Bildungs- und Ausbildungsstufen, sofern die Betroffenen sich nicht in finanziell abgesicherten Lebenssituationen (Familienvermögen, Beamtenstatus etc.) befinden.
    Hier haben Sie Hartz 4 und die Sozialhilfe und die Renten vergessen – auch da ist man abgesichert, sogar mit Kindern, und manche schaffen sich in dieser Situation ja auch noch Kinder an, sogar mehrere! Da kann es denen so schlecht ja auch nicht gehen, wenn man mal die Kosten (und sonstigen Aufwendungen) für ein Kind mit denen für ein paar Kondome vergleicht.
    Ganz so einfach ist das Ganze hier und heute eben doch nicht, und auch ein Kapitalist kann ganz schnell ziemlich viel verlieren, wenn er nicht auf sein Vermögen aufpasst, sich nicht den Gesetzen des Marktes anpasst.

    Ich habe nun dennoch nichts gegen eine Förderung wirklich arbeitswilliger und –fähiger junger Menschen und Familien. Besser, also sinnvoller, als der Staat könnte dies aber über eine freiwillig an die Rentenversicherung koppelbare Eltern – und Jugendlichen-Unterstützungs-Versicherung geschehen, die sich eben schon auch mal grob anschaut und anschauen darf, wem sie da so alles Geld für eigenen Nachwuchs gibt – und wem besser nicht. Nicht dort, wo ein hohes Verlustrisiko anzunehmen ist. (Wer will kann diese Leute ja aber freiwillig karitativ unterstützen.)

    Generationenübergreifende Sozialhilfe-Familien müssen sich fragen lassen, ob sie nicht erst auf eigenen Füßen stehen sollen, in dieser Welt, die nun maleben schon eine harte ist, und sich erst danach Kinder anschaffen. Es kann keinem, der aufgrund einer hohen Arbeitsbelastung und eine skeptischen Weltsicht bewusst selbst auf Kinder verzichtet, zugemutet werden, die Kinderwünsche anderer per Gesetz mitzufinanzieren zu müssen, und dies sogar dann, wenn die großgewordenen Kinder anderer ihm auch später nur auf der Tasche liegen! Sozial sein heißt ja eben nicht, Schmarotzertum und Unselbstständigkeit zu fördern! Ein solches Übel an der Wurzel zu packen heißt auch, dessen Vervielfältigung durch Fortpflanzung wenigstens nicht noch zu unterstützen! Auch die dort verschwendeten Gelder könnten und sollten – m.E. - für die Förderung und Unterstützung von unvorhersehbar(!) in Schwierigkeiten gekommenen Eltern bzw. Bürgern verwendet werden, alle dafür braucht man – m.E. - schon alle nur möglichen Mittel..!
    Wichtige Reformen müssen bei den Oberen, z.B. beim Aktienrecht erfolgen, aber auch im Bereich des Sozialsystems. Die jetzt Arbeitslosen haben, im Gegensatz zu früheren Arbeitslosen-Generationen, eigentlich ja genug Zeit und Mittel, um sich eine besser Gesellschaft auszudenken, und eben nicht nur ein paar Köpfe abzuhacken um hernach die eine Hackordnung nur durch eine andere abzulösen.

    Ein Wort noch zur Bildung. Der revoltierende Null-Bock-Jugendliche, z.B. aus der Unterschicht, kann sogar Lebens(!)-klüger als der übereifrige und protegierte Oberschichts-Karriere-Streber sein. Ist es ja doch gut vorstellbar, dass diese Welt, unsere Zivilisation, an ihrem Ende angekommen ist. Da versorgen 20 Prozent der Oberschichtler mit ihrer Technik dann zwar die restlichen 80-Prozent, sind damit dann aber so massiv ausgefüllt, dass sie sich selbst dann - auch - keine Kinder mehr anschaffen können und wollen. Am Ende sterben Ober- und Unterschichtler dann eben gleichermaßen – und samt der Mittelschicht - aus. Das ist dann die große Endgerechtigkeit...! In den letzten Kriegen bekam man ja eine Ahnung davon dadurch, dass dort die Kinder mancher Führer und Wirtschaftsgrößen mit denen der Arbeiter und auch denen von "Lumpenproleten" auf dem Schlachtfeld blieben - die hatten von all dem Geld und Möglichkeiten ihrer Eltern dann eben auch nichts. Der Führer hat sich, in weiser Voraussicht wohl, aber gleich gar keins mehr angeschafft, er "durfte" sich zur Strafe dann, ein für allemal so also, dann selbst aus dem Leben schießen.

    Wenn man sich das Ganze stattdessen "vorher" mal so klar macht dann, und wohl nur dann, dürfte ein gewisser Ausgleich hier ganz leicht machbar sein...!

  4. 4. \N

    Erst wenn ein Linker ein Tabu anspricht, darf darüber diskutiert werden ohne Rassismusvorwürfe und sonstigen Schaum vor dem Mund. So war es auch seinerseit mit dem Thema der Vertriebenen und Günter Grass. Und nun Beck. Und nun der white trash.
    Jetzt ist also die Diskussion eröffnet. Wie schön. Nur ein bisschen zu spät. Es zeigt sich wie immer, dass den Leuten mit politischer Korrektheit nicht im Mindesten geholfen wird, das Gegenteil ist der Fall. Statt dessen werden flugs neue Umschreibungen für ein altes Problem gefunden. Das wars dann auch. Ändern wird sich nichts, denn das hieße ja am Sozialsystem was ändern.

    • 15.10.2006 um 14:51 Uhr
    • ORTAD

    Verzweifelt, verloren, abgehängt, an Bildung verarmt.
    Und schuld ist natürlich das "System", was immer das sein mag, im Zweifelsfall Jeder oder Jede, die nicht dazu gehört, die, die Lesen und Denken KÖNNEN, sind natürlich verantwortlich dafür, dass Andere nicht lesen und Denken.

    Komisch nur, dass man wieder verzweifelt auf irgendeinen Handwerker warten muss, und dann - wenn man denn einen findet- mit oft völlig Unfähigen zu tun hat,
    schwerere Arbeiten werden ja längst von polnischen (oft illegalen) Menschen verrichtet, das ziemt sich ja nicht für die urdeutschen Prekarier.
    Sehr verständlich, denn richtig Deutsche gehören schließlich in Führungspositionen - führend im Selbstbemitleiden, wenn nichts Anderes mangels Qualität übrig bleibt.

    Komisch nur, dass es früher irgendwie anders war - trotz des damals nun wirklich grottenschlechten pädagogischen Angebotes.
    Aber da gab es ja noch keine Arbeitsimmigranten, die den zu Füherern geborenen Deutschen die Arbeit wegnahmen.
    Diese Preketarier sind wirklich zu bedauern - es gibt einfach nicht genügend Plätze, wo sie ihre Fähigkeiten als Führungsschicht unter Beweis stellen können.
    Bleibt nur:
    Noch mehr Einwanderer - für jede/n Deutsche/n einen, der die Arbeit übernimmt,
    damit kein Urdeutscher mehr ohne Aufgabe durchs Leben streunen muss.

  5. Ihre seltsamen Ansichten sind menschenfeindlich und bösartig, bitten wenden Sie sich folgendem Artikel in der aktuellen ZEIT-Ausgabe zu:

    wewewe.zeit.de/online/2006/41/Arbeitsmarkt

  6. Es mag ja stimmen, aber WER gehört dazu? Bestimmt nicht die, die es sich gezielt in der sozialen Hängematte jahzehntelang bequem gemacht haben und nun nicht noch mehr Geld nachgeworfen bekommen wollen. Da bedauern die wackeren Linken sicher wieder mal die Falschen.
    Die wirklich Armen sind die Normalfamilien, die durch die von Rot-Grün beschlossene Ökosteuer z.B. ausgeplündert werden und dadurch ihren Arbeitsplatz verloren haben.Die an den steigenden Energiekosten, die durch die Linken systematisch hochgeschraubt werden, zerbrechen.
    Also die sogenannten Normalos.
    Dagegen aalen sich die ledigen Mütter, die ganze Schwadron der "Alleinerziehnenden" , Arbeitsscheue, ausreisepflichtige Ausländer in den Wohltaten. Und viele hochqualifizierte Wissenschaftler sind dank der rot-grünen Verweigerungspolitik gegenüber Technik und Wissenschaft arbeitslos.
    Der Skandal ist sicher da, aber anders als die Linken und Grünen es wahrhaben wollen.
    Die Gefahr besteht mal wieder, dass genau den Falschen Geld nachgeworfen wird.

  7. Gut für die Besitzenden und Ihr Politikerpersonal ist die Minderbildung der breiteren Schichten. Ansonsten würde vor den Villen der herrschaftsfreie Diskurs gepflegt werden.

    Die Erregungsgemeinschaft wird mit Wortlutschern wie Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Eigenverantwortung unterhalten und sediert. Gefahr droht nur von einer Elite die - mittlerweile - Ihre eigene Propaganda glaubt. Und das ist wirklich ein Zeichen von Bildungsmangel!

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  • Datum 16.10.2006 - 08:42 Uhr
  • Quelle ZEIT online, dpa, 15.10.2006
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