Europa Macht des Wiedergängers
Merkel will die EU-Verfassung wieder anschieben. Sie wird sich dabei überheben, urteilt die Presse. Wirklich? Karsten Polke-Majewski kommentiert das Meinungsbild
Die Europäische Union muss ihre Kommission verkleinern. Noch nicht sofort, aber schon bald. Denn wenn im kommenden Jahr Rumänien und Bulgarien dem Staatenverein beitreten, ist die Summe von 27 erreicht. Dann, so sieht es der Vertrag von Nizza vor, muss die Zahl der Kommissionsmitglieder kleiner sein als die der Mitgliedsländer.
Das wäre nicht unbedingt berichtenswert, illustrierte es nicht einen klassischen europäischen Effekt: Es gibt eine Eigendynamik des europäischen Projekts. Denn weniger Kommissare bedeutet mehr Eigenständigkeit für die Kommission, weil nicht mehr jedes Land respektive jede nationale Regierung einen eigenen Arm in diesem Gremium hat. Es bedeutet auch: mehr Europa. Das ist eine wichtige Erkenntnis angesichts der Kommentare, die an diesem Donnerstag über die Chancen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der ersten Hälfte des kommenden Jahres urteilen.
Zur Erinnerung:
Am Mittwoch kam EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ins deutsche Kabinett
, um über die Pläne der Bundesregierung für das kommende halbe Jahr zu sprechen. Die Ziele, die sich Kanzlerin Angela Merkel gesteckt hat, sind hoch. Ihr zentrales Projekt gilt vielen als scheintoter Widergänger: Sie will den Verfassungsvertrag vorantreiben, der die internen Machtstrukturen der Gemeinschaft und solche Fragen wie das Verhältnis von Kommission zu den einzelnen Regierungen regelt. Die Verfassung ruht, seit
Franzosen
und
Niederländer
das Projekt in zwei Referenden ablehnten. Für viele gilt der Verfassungsvertrag als tot. Nun hat sich Merkel allerdings auch nicht vorgenommen, das europäische Grundgesetz innerhalb von sechs Monaten doch durchzusetzen. Lediglich ein Zeitplan bis 2009 soll aufgestellt werden, eine "Road Map", wie die Verfassung doch noch Gültigkeit erlangen könnte.
"Ein Fehler" sei das, urteilt die Welt . "Die Verfassung kann schnell zum Verliererthema werden. Zudem wird der Verfassungsvertrag in seiner Bedeutung überschätzt. Die Verfassung ist ein diplomatisch ausbalanciertes Elitenkonstrukt für überzeugte Europäer. Aber die Herzen der Menschen erreicht sie nicht. (...) Nach der Ost-Erweiterung befindet sich das neue Europa in der Konsolidierungsphase. Jetzt braucht es spürbare Ergebnisse für die Menschen. Die Verfassung ist Garnitur." Auch die Frankfurter Allgemeine warnt davor, sich zu viel zuzumuten. "Große Erwartungen können schnell zur Last werden und in enttäuschtes Gemaule umschlagen", schreibt der Kommentator. Von Berlin werde "nichts weniger als ein Politkunststück der Extraklasse" verlangt.
Begeht Merkel also beim Thema Europa den gleichen Fehler, den ihre Regierung schon in der Gesundheitspolitik machte: zu viel anzukündigen, bis die Erwartungen bei bestem Willen nicht mehr zu erfüllen sind? Aber vielleicht ist gerade das der Ausweg. So schreibt die Süddeutsche Zeitung : "Und doch wird sie sich im heimischen Getümmel manchmal sagen: Bis Weihnachten noch, dann wird's besser. Eine Ratspräsidentschaft, erst recht im Doppelpack mit dem G-8-Vorsitz, gibt jedem Regierungschef zu Hause einen Roter-Teppich-Bonus, den sonst der Außenminister genießt. Außerdem schließen sich in einer Phase der internationalen Aufmerksamkeit die Reihen: Plötzlich sind wir alle wieder Deutschland, und die Stoibers, Kochs, Wulffs und Strucks machen eine Feuerpause. Für genau sechs Monate."
Und Europa? Dort geschieht vieles, von dem man in den Mitgliedsstaaten wenig ahnt. Zug um Zug erkämpfen sich beispielsweise die Mitglieder das Europäische Parlament stetig mehr Einfluss, von dem nationale Abgeordnete nur träumen können – eine Macht, die nationale Regierungen tunlichst nicht unterschätzen sollten. Nur fragt sich, wie lange solche Prozesse sich aus sich selbst heraus fortentwickeln können und wann sie auszuhungern drohen. Glaubt man dem deutschen EU-Kommissar Günter Verheugen, bräuchte das europäische Projekt vor allem dieses: Vorbilder. "Europa braucht den Bekennermut seiner Eliten", schrieb er im vergangenen Jahr. Insofern sollte man es der Kanzlerin anrechnen, dass sie es wagt, auszusprechen, dass man trotz aller Widerstände eine Verfassung und nicht nur einige "konkrete Verbesserungen" (nochmals Welt ) wie mehr Wahlfreiheit und niedrigere Preise braucht. Das allerdings sieht an diesem Donnerstag sonst nur noch die Neue Osnabrücker Zeitung so.
- Datum 12.10.2006 - 04:41 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





"Die Verfassung ist ein diplomatisch ausbalanciertes Elitenkonstrukt fuer ueberzeugte Europaeer. Aber die Herzen der Menschen erreicht sie nicht", schreibt Die Welt.
Wie wahr! In Deutschland haelt man es ja nicht einmal fuer noetig, ueber diese angeblich so notwendige EU-Verfassung eine Volksbefragung abzuhalten. Stattdessen glaubt man hierzulande, man koenne die europaeische Einigung weiter so vorantreiben, wie man es mit der Einfuehrung des Euro getan hat - von oben herab, ohne die Bevoelkerung zu konsultieren oder irgenwie sonst zu beteiligen, gewissermassen als Staatsakt. Da braucht man sich dann auch nicht darueber zu wundern, wenn das Misstrauen gegenueber Europa waechst.
Haben Sie den Verfassungsentwurf eigentlich mal runtergeladen und gelesen, Herr Winterhart? Haben Sie die Konventsdiskussion verfolgt? Dann können Sie uns sicherlich ein paar wesentlichen Punkte nennen?
Sie können? Wunderbar! Dann gehören Sie zu dem (sehr optimistisch geschätzt) einen Prozenz der Bevölkerung, die mit ihrem Recht zu einer Volksabstimmung tatsächlich etwas anfangen könnten.
Die anderen 99 Prozent werden dagegen wie üblich lamentieren, dass es die Pflicht des Staates ist, ihnen informationstechnisch den verlängerten Rücken hinterherzutragen. Wenn sie die gewünschten Informationen dann vorgekaut bekommen, werden sie sie trotzdem nicht zur Kenntnis nehmen und stattdessen über Propaganda aus Steuermitteln schimpfen. Und am Ende werden sie dann die Abstimmung sowieso als Protestabstimmung gegen die Gesundheitsreform, Merkels Frisur oder allgemein gegen "die da oben" begreifen.
Ich bin eigentlich ganz zufrieden damit, in einer repäsentativen Demokratie zu leben.
Leider habe ich den zitierten Welt-Artikel nicht gelesen und bin in sofern meine staatsbürgerliche Informationspflicht also nur ungenügend nachgekommen. Wenn das Zitat aber nicht unzulässig verkürzt wurde, scheint es mir ein dann doch symptomatisch für die Hürden zu sein, mit denen Europa zu kämpfen hat.
Vielleicht bin ich ja blauäugig, aber ich finde, EU-Theman sollten nicht nach Sieger- und Verliererthemen unterteilt werden, sondern allenfalls nach dringlichen und weniger dringlichen. Die Verfassung jedenfalls, ist ein dringliches Thema. Denn anders, als die Welt offenbar meint, ist eine Verfassung nicht dazu gedacht, eine hübsche Kulisse für die Kompetenzkämpfen nationaler "Eliten" abzugeben. Sie soll keine Daseinsberechtigung sichern, sondern das Zusammenleben von Menschen regeln, die eigentlich nichts miteinander zu tun und zum Teil auch völlig entegegengesetzte Interessen haben.
Mag sein, die Welt sieht das anders. Womöglich betrachtes sie ja auch das deutsche Grundgesetz als etwas völlig zu Unrecht Überschätztes. Wundern würde mich das nicht, denn wenn ich nicht irre, kämpft sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit unerschrocken auf der Seite derer, die diese unsere eigene Verfassung permanent verschlimmbessern.
Eine Verfassung, die für einen normal gebildeten Europäer nicht mehr nachvollziehbar ist, trägt ihren Namen zu unrecht. Sie kann ihre Aufgabe nämlich nicht mehr erfüllen. Sollte Kanzlerin Merkel unter einer Verfassung etwas anderes verstehen als die Welt, kann sie sich meinetwegen gern um die EU-Verfassung verdient machen. Anderenfalls solte sie die Finger davon lassen. Feinde haben nämlich sowohl Angela Merkel als auch die EU-Verfassung schon genug.
Nichts an Europa ist so entscheidend, wie seine Grundlagen. Eine dieser Grundlagen ist zweifellos die Verfassung. Und wozu bräuchte es schließlich eine Ratspräsidentschaft, wenn die sich keine anspruchsvollen Ziele setzen würde? Es ist eine Legende der Europagegner, dass die EU von den Menschen nicht gewollt wird. Sie wird S O nicht gewollt, das ist alles. Eine Demokratie, die niemand verstehen KANN ist so tot, wie der letzte EU-Verfassungsentwurf.
Wenn sie denn als Ratspräsidentin der Verfassungs-Roadmap in die EU-Geschichte eingehen will, täte Frau Merkel jedenfalls gut daran, nicht wieder das Beharrungsvermögen derjenigen zu unterschätzen, die ihren Profit ziehen aus nicht funktionierenden Gesetzen. Und vielleicht versucht sie ja diesmal, ihre Mehrheiten anderswo zu finden. Das Herz der Menschen kann man nämlich auch über ihr Gehirn erreichen, nicht nur über den Magen.
Ich habe die Verfassung gelesen. Ich wohne in Frankreich, konnte aber nicht zur Volksabstimmung wählen, habe aber reichlich Propaganda (dagegen) getrieben. Und sehr viele franzosen haben die Verfassung wirklich - ein bischen - gelesen.
Main Problem, und von dem ich weiss das Problem der meisten Franzosen, ist dass die Verfassung so komliziert ist dass sie alles und sein Gegenteil enthällt. Das beste Beispiel dazu war ein Fernsehshow mit den bekanntesten Politikern, die genau das gegenteil gesagt haben aber alle mit Beispielen aus der Verfassung.
Und genau das DARF eine Verfassung nicht machen. Eine Verfassung ist das Recht des Rechtes, und MUSS deshalb sehr eindeutig sein. Sonst ist man dem Arbiträren ausgesetzt, wie momentan das Recht interpretiert wird.
Ich weiss nun nicht wie Frau Merkel diese Verfassung wieder zum leben bringen möchte. Oder ist es eine andere ?
>Haben Sie den Verfassungsentwurf eigentlich mal runtergeladen und gelesen, Herr Winterhart?
Nein! Warum sollte ich, wenn meine Meinung als Buerger eh nicht gefragt ist? Im uebrigen habe ich in meinem vorigen Beitrag ganz bewusst nicht "Volksabstimmung" gesagt (weil ich die verfassungsrechtliche Problematik in Deutschland kenne) sondern "Volksbefragung", womit ich eine *nicht bindende* Volksabstimmung meine.
Aber nicht einmal die will man uns goennen. Waere ja auch zu anstrengend, einen ohnehin nicht sonderlich gelungenen Verfassungstext den Buergern zu verkaufen, nicht wahr?
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren