Irak Kein schneller Abzug

Die USA und Großbritannien werden sich aus dem Irak nicht plötzlich davonstehlen. Doch der Druck auf Bagdad wird wachsen, kommentiert

Die Stimmen, die einen baldigen Abzug amerikanischer und britischer Truppen aus dem Irak verlangen, sind zu einem lauten Chor angeschwollen. Da gibt es die Kreise, die von Beginn an die Invasion für einen Fehler hielten. Ein Exit zum jetzigen Zeitpunkt wäre das Eingeständnis des Scheiterns. Weshalb sie diesen Augenblick gar nicht abwarten können. Dann ist da die öffentliche Meinung. Die Stimmung hat sich gedreht: Sowohl in Amerika als auch in Großbritannien fordern die Wähler, die „Jungs heimzubringen“. Angesichts der täglichen Horrormeldungen, dem täglichen Blutzoll der Iraker, der Verluste der eigenen Truppen und der wachsenden Kosten ist das keine Überraschung.

In Großbritannien verlangen laut einer neuen Umfrage des Guardian 61 % den Abzug bis zum Jahresende, gleich, ob die Mission beendet ist oder nicht, ungeachtet auch der Konsequenzen, die das nach sich ziehen würde. Ähnlich sehen die Umfragen in Amerika aus. Auch dort sind die Wähler des Engagements in einem fernen Land, ohne greifbare Erfolge, längst überdrüssig geworden.

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Umfragen besitzen ein stärkeres Gewicht, als das früher der Fall war. Zumal, wenn Wahlen bevorstehen. Die repräsentativen Demokratien des Westens mutieren mehr und mehr in ein quasi plebiszitäres System. Immer häufiger werden Regierende angesichts von Massendemonstrationen oder der Stimmung im Volke, belegt durch Meinungsumfragen, beschuldigt, nicht zuzuhören und den Willen der Wähler zu ignorieren, wenn sie dennoch an ihrem Kurs festhalten.

Washington und London sollten dem Druck widerstehen, der sich nicht zufällig vor den amerikanischen Wahlen zum Kongress aufgebaut hat. Die Situation im Irak mag schlimm, die Hoffnung, binnen weniger Jahre eine blühende Demokratie zu installieren, von Anfang an unrealistisch gewesen sein. Doch ein Abzug der Truppen zum jetzigen Zeitpunkt würde die Lage unvergleichlich viel schlimmer machen: Offener Bürgerkrieg, eine de facto Teilung des Landes, mit bitteren Kämpfen um Öl und Wasser, al-Kaidas Versuch, im Herzland der Sunniten ein Territorium zu etablieren, von dem aus sie ihren mörderischen Jihad führen, gar nicht zu sprechen von den destabilisierenden Folgen für die gesamte Region.

Die hektischen Mediendemokratien des Westens zeichnen sich durch einen kurzen Zeithorizont, durch Ungeduld und zugleich oftmals eine selektive Wahrnehmung aus. War es realistisch anzunehmen, man könne im Irak einen neuen Anfang schaffen ohne große Opfer und Kosten? Man hat „Besatzung - lite“ praktiziert, die das reichste Land der Welt einige hundert Milliarden Dollar gekostet und das Leben von rund 2700 Soldaten gefordert hat. Aus der Nahdistanz mag das viel erscheinen, im historischen Vergleich ist das ein kleiner Preis, der bislang zu zahlen war. Der irakische Vizepremier hatte Recht, als er in London die Haltung im Westen viel zu „negativ und defätistisch“ nannte. Es gibt tatsächlich auch ermutigende Anzeichen, die allerdings selten wahrgenommen werden.

Sunnitische Stammesführer beschlossen eine Allianz, um die ausländischen Jihadisten zu bekämpfen und aus dem Irak zu vertreiben. Die irakische Nationalversammlung stimmte mit überwältigender Mehrheit für ein Abkommen für Versöhnung und Frieden; in Mekka schließlich einigten sich am vergangenen Wochenende die religiösen Führer von Schiiten und Sunniten im Irak, sektiererische Gewalt zu verdammen und den Bürgerkrieg zu beenden. Der Hass zwischen Sunniten und Schiiten ist derzeit die größte Quelle der Gewalt und damit das größte Problem des Irak. Zurzeit sterben amerikanische Soldaten nicht wegen des „Widerstandes“ gegen die Besatzung, sondern weil sie versuchen, zusammen mit irakischen Truppen den Bürgerkrieg einzudämmen und die Milizen zurückzudrängen.

Es wäre absurd in einer solchen Situation, der gewählten irakischen Regierung den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Noch ist die Zentralregierung zu schwach, um auf eigenen Füßen zu stehen. Aber konnte man mehr erwarten, drei Jahre nach dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein, unter dem die irakische Gesellschaft verrohte und der Hass der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufeinander wuchs? In Deutschland, nachhaltig besiegt, dauerte es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vier Jahre, bis eine Demokratie entstand. Obwohl die Bedingungen dafür unvergleichlich besser waren. Wir haben uns allzu sehr daran gewöhnt, sofortigen Erfolg zu verlangen. Wenn der sich nicht einstellt, gilt ein Krieg, den Demokratien ohnehin ungern führen, als gescheitert.

Die Iraker sind aber offenkundig nicht gewillt aufzugeben. Trotz all des Mordens, des Terrors und der Anschläge auf Zivilisten, auf Kinder und Schulen, belebte Märkte und Armeerekruten, denen 45.000 Menschen zum Opfer fielen. Nach wie vor melden sich tausende junger Iraker, um sich von der Armee und der Polizei rekrutieren zu lassen. In Großbritannien hat Tony Blair kundgetan, Großbritannien werde nicht „die Nerven verlieren“ und auf einen baldigen Abzug seiner Truppen drängen.

Leser-Kommentare
    • Besser
    • 25.10.2006 um 12:52 Uhr

    Schade ist es, dass Sie offensichtlich nicht verstehen, was Sie anrichten mit Ihrem Hass. Niemals wird es Frieden geben, solange dieser Hass besteht, denn was im Kleinen nicht funktioniert, funktioniert im Großen schon gar nicht.
    Jedes Gefühl von Hass hat seine Ursache und wir kommen nicht umhin, sie uns selbst zu suchen. Frieden zu lieben und ihn zu suchen ist noch längst nicht dasselbe wie ihn zu bewerkstelligen, ihn möglich zu machen. Wenn Evolution ein Prozess ist, dann sind wir doch mittendrin, dann geht es doch um die Möglichkeit der Entwicklung - nicht nur technischer, sondern besonders menschlicher Fähigkeiten. Und da hilft die Erwartungshaltung an Andere wenig, sondern da geht es um jeden Einzelnen, um das wirkliche Erwachsenwerden, um Reife, um Toleranz und Verantwortung. Ohne diese enorme Anstrengung wird es keinen Frieden geben.Es kommt auf jeden Einzelnen an!

  1. so sicher wie das Amen in der Kirche, und zwar ab nächstem Jahr. Allerdings werden die Angloamerikaner nicht vollständig abziehen; sie werden vielmehr Basen mit mehreren tausend Soldaten beibehalten, die zwar nicht ausreichen werden, um im Lande für Sicherheit zu sorgen, aber wohl dafür, die neuralgischen Punkte (Ölfelder) zu sichern und zu verhindern, daß Regierungen in Baghdad, Basra und Erbil an die Macht kommen, die sich offen gegen amerikanische Interessen wenden. Damit garantieren USA/GB zugleich die Fortdauer des Widerstandes gegen Besatzung und des Bürgerkrieges, denn natürlich kann von einer irakischen Souveränität keine Rede sein, so lange diese angloamerikanische Sicherungspräsenz im Lande besteht.

    Sie müssen ihre breite Truppenpräsenz abbauen, denn die Kosten/Nutzen- Rechnung droht, allzu sehr in die roten Zahlen zu stürzen. Es kann den Angloamerikanern nicht mehr gelingen, das Land in einem ernstzunehmenden Sinne zu "befrieden", also werden sie es auch nicht mehr lange versuchen, und sich auf die Rolle der Schutzmacht zurückziehen, so wie sie das in Saudi Arabien und am Golf waren und sind. Die Iraker müssen sich jetzt selbst aus dem Sumpf herausziehen, in den der Angriffskrieg der USA und der "Willigen" sie gestürzt hat. Können sie nicht? Dann müssen sie sich halt mehr anstrengen; wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

    Und außerdem werden die SoldatInnen anderswo gebraucht. Ich sage nur: Iran, Syrien. Oder glaubt wirklich jemand, unsere Freunde in Washington agierten deshalb derzeit so relativ zurückhaltend gegenüber diesen beiden Ländern, weil ihnen plötzlich irgendwelche Zweifel an der Weisheit ihres militärischen Engagements zur "Befreiung und Demokratisierung" der muslimischen Welt gekommen seien? Nein, sie haben schlicht und einfach die Hände noch nicht frei von den Schlasmasseln in Irak und Afghanistan. Wenn das aber einmal der Fall sein wird, dann werden die Schurken in Damaskus und Teheran schon sehen, wo Onkel Sam das Roots Beer holt!

    Und natürlich wird der Irak entlang der ethnisch- religiösen Linien auseinander brechen. Never mind. Damit ist zumindest gesichert, daß dieses Land nie wieder imstande sein wird, amerikanische und israelische Interessen im Mittleren Osten zu gefährden. Dieses Kriegsziel ist auf jeden Fall vollständig erreicht.

    Sehr ärgerlich ist Herrn Krönigs Behauptung, daß unter Saddam Hussein die irakische Gesellschaft verrohte und der Hass der verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufeinander wuchs. Wenn die Vergangenheit nicht ins Bild passt, wird sie halt flugs uminterpretiert, nicht wahr? Wirkliche Kenner des Irak und meine persönlichen Eindrücke von Begegnungen mit Irakern lehren mich etwas Anderes: für den Mann auf der Straße waren zu Saddams Zeiten die Konfessionszugehörigkeiten kein Grund, irgendjemand nicht zu mögen oder gar umzubringen. Und die unvergleichliche Welle der Gewalt (ein Großteil davon übrigens nicht konfessionell, sondern schlicht kriminell motiviert) brach auch erst nach der Befreiung Iraks von Saddam los. Oder hat Herr Krönig anderslautende Informationen?

  2. Wieso unterstellen Sie mir Hass? Ich habe mich ganz Gegensatz dazu dagegen verwahrt. Ich verwahre mich auch gegen Ihre Unterstellung. Disqualifizieren Sie nicht Menschen, weil diese nicht mit Ihrer Meinung übereinstimmen. Wenn sie mich kritisieren wollen, kritisieren Sie meine Thesen und Argumente.

    "Wenn Evolution ein Prozess ist usw."

    Dieser Satz macht auch nach dem vierten Lesen nicht mehr Sinn als nach dem ersten. Jedenfalls keinen, den man hinter einem Satz nach dem Schema "Wenn A dann B" erwarten würde.
    Das Evolution ein Prozess ist ergibt sich im Übrigen aus den allgemein akzeptierten Definitionen der Begriffe "Prozess" und "Evolution".

  3. Aus Ihrem letzten Satz schliesse ich, dass Sie Saddam Hussein als Freund der USA bezeichnen. Nun ja, damit disklassifizieren Sie sich endgültig, mal davon ab, dass es den Irakern ja unter Saddam so viel besser ging. Saddam und Irak waren nie Freund der USA, Irak hat keine amerikanischen Waffen bekommen, die Panzer waren russisch, die Chemiebomben deutsch oder französisch. Und wenn Sie jetzt mit dem Video kommen, bei dem Saddam und Rumsfeld zu sehen sind, dann sollten Sie mal nachforschen, worin es bei dem Besuch ging, nämlich um die Garantie seitens der Iraker im Rahmen des Iran-Irak Krieges nicht die Schiffe im persischen Golf anzugreifen, nicht mehr, nicht weniger...

    Ein Rückzug wäre fatal, warum? nun ja, die Geschichte hat es gezeigt in Afghanistan. Da hat die CIA den Afghanen geholfen, und auch Osama, die Russen zu bekämpfen und diese dann IM STICH GELASSEN. Konsequenz: der Hass richtete sich plötzlich gegen die USA. Begehen die nochmal den Fehler im Irak, können sich die Fundamentalisten in der Propaganda suhlen, dass die USA den Irak im Stich gelassen hat.

  4. Ihre Frage, wie ich mir solche Urteile erlauben kann, ist berechtigt!

    Nur einige kurze Ansaetze zur Erlaeuterung (wenn sie mahr wissen moechten, bin ich gerne dazu bereit):

    Amerika hat uns um vieles bereichert!

    Dazu gehoert der "ipod" und wenn ich in ihren Augen auch nur einem "gewoehnlichen" Job nachgehe, zur Zeit, wie ich hoffe, so habe ich doch diesen Job gewaehlt, um Geld zum Lebensunterhalt zu verdienen, Steuern zu zahlen usw. und mich dennoch zu informieren:

    morgens um fuenf, auf der Autobahn Richtung Antwerpen geht es los, als Deutscher in Belgien, niederlaendische Nachrichten usw.: Frachtwagenchaffeur!

    ja, auf diesem ipod habe ich die OPED Kommentare der NYT abonniert und noch vieles mehr!

    Dekadentes Europa, ich weiss!

  5. ...vor ihrem offenbar ebenso festen wie unerschütterlichen glauben, wage ich mir den bescheidenen hinweis, dass ihnen - und sei es ein minimum - an information in einem politischen diskussionsforum nicht schaden würde.
    "Der Hundesohn. Unser Hundesohn......Seit seinem Aufstieg zur Macht in Bagdad konnte und musste jeder, der ihn politisch unterstützte, mit ihm Geschäfte machte oder ihm Waffen verkaufte, genau wissen, mit wem er zu tun hatte. Und besonders enge Kontakte und Beziehungen hatte Saddam Hussein seit Mitte der 60er-Jahre zu Geheimdienstlern, Politikern, Diplomaten und Militärs aus den USA. Als sich Saddam Hussein 1979 mit kräftiger Unterstützung der CIA an die Spitze des Regimes geputscht hatte, kabelte der Stationschef des Geheimdienstes in der Bagdader US-Botschaft diese Erfolgsmeldung an die CIA-Zentrale in Langley, Virginia: "Ich weiß, Saddam Hussein ist ein Hundesohn, aber er ist unser Hundesohn."....
    (lemondedipl./zumach)
    wer lesen kann ist klar im vorteil.

  6. ....diese "ausländischen truppen", mit welchem wie sie ich vermute die besatzer des us regimes und ihre verbliebenen willigen völkerrechtsbrecher meinen, wurden noch NIE gebraucht!
    für WAS und WER sollte die brauchen?
    etwa für die im entstehen begriffene plünderungs- und unterdrükcungsfestung vom ausmass wie vatikan staat mitten in bagdad zu sichern? um die "neuen (un)sicherheitskräfte soweit zu bringen, damit diese die aufgaben, welche ehemals der ex-freund saddam wahrnahm, übernehmen?
    oder um in den nächsten dreieineinhalb nochmals mind. 655.000 iraker (the lancet) zu massakrieren?
    glauben sie ernsthaft, die brauchen das? und - hätte dies der ex-freund, wieder einmal mit etwas unterstützung und schlechtem willen, nicht auch geschafft?
    ach, der mann war nicht mehr willig?

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