Liedermacher Kassetten aus dem Häkelstudio
Mancher Star nimmt im Jahr drei Alben auf. Milford T. schafft in der Zeit nur ein Stück, daheim am Vierspurgerät, umgeben von Handgearbeitetem. Susanne El-Nawab hat die Musikerin besucht – Porträt eines Antistars aus Hannover
Milford T. in ihrem Heimstudio.Hier geht's zur Bildergalerie
„Meine eigenen Lieder machen mich traurig“, sagt die Musikerin Milford T., die im unbürgerlichen Leben Kalinka P. Meyer heißt und ohnehin oft genug traurig ist. Im Konzert steht sie auf einer selbst gehäkelten Decke, damit sie sich auf der Bühne nicht so verloren fühlt. Der letzte Auftritt ist allerdings schon fünf Jahre her. Es gibt auch kaum neue Stücke. „Letztes Jahr hab ich eins gemacht“, sagt sie.
Milford T. ist keine Frau vieler Worte, eine „Stubenhockerin“, wie sie sagt, gern zu Haus zwischen ihrer Häkelkunst, den Schallplatten und ihrer Nähmaschine.
Die Wohnung ist gemütlich
, aber im Winter zieht es durch die alten Holzfenster. Hier nimmt Milford T. ihre Musik auf, meistens nachts, am Vierspurgerät. Allein. Musik, die es nur auf selbst kopierten Kassetten in liebevoll gestalteten Kassetten-Hüllen gibt. Warum? „Das sind meine Möglichkeiten. Wenn ich in ein Tonstudio gehe und ich hab dann keine Lust, die Gitarre anzufassen, was ist dann? Das entsteht ja alles nicht verabredet.“
Das, was da entsteht, sind melancholische Lieder. Manchmal mit lieblichem Mädchengesang, manchmal wütend verzerrt oder quälend, zum Weiterspulen. Sie verwebt psychedelische Einflüsse mit tanzbaren Elektronika und Sechziger-Jahre-Anleihen. Die schlechte Aufnahmequalität gehört zum Charme ihrer „Tonforschung“. Die auf Englisch, manchmal auf Deutsch gesungenen Stücke handeln von Zimtkeksen, der Liebe, Träumen, vom Schuhkauf und vom Freitod. Grandiose Zeitkritik findet sich in dem Lied „Schneller“: „Wie schnell noch?“, fragt ihre verzerrte Stimme, die immer schneller abgespielt wird. Ein nervöser Albtraum. Manches Lied besteht aus einem einzigen, immer wiederkehrenden Klangschnipsel, der den Hörer in Trance versetzt. Viele Instrumente kommen auf den sechs Kassetten zum Einsatz: elektrisches Piano, Blockflöte, Bass, Drum-Computer, Orgel, Akkordeon, Melodika, Gitarre und natürlich ihr Casio-Keyboard. Als Gitarrenverstärker dient ihr ein Röhrenradio aus den Fünfzigern.
„Als ich mir mit Ende 20 meine Melancholie eingestanden habe, war ich sehr erleichtert“, sagt die 40-Jährige. Früher hat sie bei Hey Baby die Orgel gespielt, sie war in einigen Bands. Eine Band zu haben, ist wichtig für sie. Denn dann kann sie Schlagzeug spielen, wird ein anderer Mensch. Milford T., allein auf der Bühne, verhalten, schüchtern, und dann die energische Schlagzeugspielerin mit riesengroßen Ohrenschützern auf dem Kopf, die auf die Trommeln eindrischt, als ginge es um alles.
Warum macht Milford T. keine neuen Lieder mehr? „Ich weiß nicht. Ich bin nicht ehrgeizig genug. Vielleicht hab ich auch Angst, mich zu wiederholen“, sagt sie.
Hier hören Sie
One Mild Summernight
und
Electric Chair
von Milford T.
Die Kassetten von Milford T. sind erhältlich über
milfordtkalinka@yahoo.de
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- Datum 25.10.2006 - 03:16 Uhr
- Quelle ZEIT online
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