Schröder Bevor die Erinnerung verblasst
Der Memoiren-Schreiber Gerhard Schröder vermisst heute politische Führung. Aber nur, weil sie ihm selber entglitten war, ist er nicht mehr Kanzler.
Man darf sich schon wundern: Da beschwert sich der junge Alt-Kanzler, in der Großen Koalition unter der Neu-Kanzlerin Angela Merkel fehle es an politischer Führung. Da mag er ja Recht haben – aber hat er das Recht, das so zu sagen? Denn aus seinen Erinnerungen, deren Verkauf sein Interview mit der Kanzlerinnen-Schelte ja befeuern soll, geht doch hervor, dass es in seiner damaligen rot-grünen Koalition ebenfalls an politischer Führung fehlte. Jedenfalls weist der Vorabdruck seiner Memoiren aus, was wir ohne des Alt-Kanzlers Hilfe auch aus eigener Kraft erinnern können. Nämlich, dass Gerhard Schröder erstens seine eigene Partei nicht mehr erfolgreich zu führen vermochte (und deshalb den Parteivorsitz an Franz Müntefering abgab) und dass er zweitens auch seine kleine Koalition nicht mehr erfolgreich zusammenzuhalten vermochte, weshalb er – um einen Rücktritt zu vermeiden – auf Neuwahlen zusteuerte, getreu dem paradoxen Motto: Ich stelle dem Volk die Vertrauensfrage, weil meine bisherige Mehrheit sie mir verneint.
Die Frage, wie er mit einer Mehrheit, der er vor der vorgezogenen Neuwahl nicht mehr trauen konnte und wollte, nach der Wahl dennoch regieren wolle – diese Frage musste Schröder nach dem Wahlakt nicht mehr beantworten. Dass er aber selber als Kanzler einer Großen Koalition einerseits die SPD besser hätte hinter sich bringen können, andererseits aber die Union und die SPD besser als seine Nachfolgerin auf einen gemeinsamen Kurs einschwören könnte, das darf man angesichts einer SPD, die ihn schon unter Rot-Grün im Stich zu lassen drohte, doch einigermaßen ernsthaft bestreiten.
Aber sei’s drum – dies alles gehört eben zur Promotion von Schröders Memoiren; und selbst noch, wenn man den Buhei darum kritisiert, trägt man zur Verkaufsförderung unfreiwillig bei. Trotzdem darf man noch einmal schüchtern fragen, was diese Memoiren eigentlich an Neuigkeiten hervorbringen sollen? Wo sollen denn die potenziellen Geheimnisse der Kanzlerschaft Schröders denkbarerweise begraben liegen?
Bis man mich eines Besseren belehrt, werde ich den Verdacht nicht los, dass in dem polit-medialen Komplex auf beiden Seiten die Generation von 1968 ihr letztes Selbstdefinitions-Rückzugsgefecht führt. Bei der Produktion wie bei der Vermarktung dieser Erinnerungen sind überall Personen beteiligt, die mit Gerhard Schröder politisch und journalistisch groß geworden – und mit ihm nun zum Abgang verurteil sind. Wie schön, noch einmal in Reminiszenzen zu schwelgen, selbst wenn ein Jahr nach Schröders Abgang politisch nichts zu sagen ist, was nicht unmittelbar nach seinem Sturz schon gesagt wurde. Und was ansonsten noch hinzugekommen ist an Beraterverträgen und Aufsichtsratsmandaten – das passt weder zum vorherigen politischen Profil eines Sozialdemokraten noch zum Stil eines Alt-Kanzlers überhaupt.
Aber vielleicht müssen diese Memoiren schon deshalb so früh veröffentlicht werden, weil – anders als bei Bismarck, dem ersten Kanzler eines deutschen Nationalstaats, oder bei den beiden sozialdemokratischen Vorgängern Schröders, Brandt und Schmidt, sonst nach ein paar Jahren kaum noch jemand hinschaut. Jedenfalls nicht mehr so viele wie eben jetzt noch
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* Über den Wahrheitsgehalt von Politikermemoiren. Von Wilhelm von Sternburg
- Datum 23.10.2006 - 13:22 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Nach Chauvi-Eva und SS-Günter kommt jetzt der Gazprom-Gerd. Bei diesem Triptychon deutscher Geistesgrößen fällt die Auswahl schwer.
Was schrieb Herbert Feuerstein einst über ein Erzeugnis Harald Schmidts? "Dieses Buch darf in keinem Haushalt fehlen, in dem ein Tisch wackelt." Weiter zur Tagesordnung!
Wieder so ein richtiger deutscher Artikel, miesepetrig und uebellaunig. Schlechte Laune kann ja jeder mal haben, aber muessen Sie das ueber Ihre Leser ergiessen? Ok Sie moegen Schroeder nicht, das haben wir jetzt spaetestens mitbekommen. Aber das koennen Sie doch privat mitteilen, denen die es hoeren wollen. Aber doch nicht beruflich in Der Zeit. Wieder mal sagt der Artikel mehr ueber den Gemuetszustand des Schreibers aus als ueber den Gegenstand des Artikels, also hier mehr ueber Herrn Leicht als ueber Schroeder. Aber ehrlich gesagt interessiert mich der Gegenstand Schroeder mehr, viel mehr.
>Bis man mich eines Besseren belehrt, werde ich den Verdacht nicht los, dass in dem polit-medialen Komplex auf beiden Seiten die Generation von 1968 ihr letztes Selbstdefinitions-Rückzugsgefecht führt.
So ist das, und wir werden diese Generation der Verlierer für alle Zeiten in schlechter Erinnerung behalten.
... ist auch dies. Nach so kurzer Zeit und dazu mit Kommentaren zur Nachfolgerin im Amt, das zeigt wieder einmal wenig Klasse. Nach Helmut Kohl wird das Amt des Bundeskanzlers erneut beschädigt; die Sehnsucht nach so integeren Figuren in der Politik wie H. Schmidt oder H.-J. Vogel wächst stetig.
An mir verdient der Schröder keinen Cent.
Können Sie sich noch erinnern, wie die ach so stilvolle Merkel durch ihren damaligen Generalsekretär den Bundeskanzler Schröder wie einen Verbrecher abbilden lies? Können Sie sich erinnern, wie Frau Merkel der Schröder Regierung beim "Nein" zum Irak-Krieg in den Rücken gefallen ist? Dagegen ist Schröder mit seiner Kritik doch wirklich harmlos.
Haben sich ja eine Menge alter Schröder-Spezies eingefunden auf dieser site! Ha! Aber offensichtlich ist ihnen nicht aufgefallen, daß er sich in peinlicher Umarmung mit BILD-Chef Diekmann in Berlin präsentierte. War das nicht eines der Blätter, die "mich runtergeschrieben haben" (Ende September 2005)? Und auch vom SPIEGEL, der ja im erstern Halbjahr 2005 auch nicht gerade zu Schröders besten Freunden zählte, lässt er sich bezahlen...
Objektiv betrachtet steht die SPD seit Schröder und Müntefering rechts von der CDU.
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