Medien "Bild" hat sein Abu Ghraib
Und es sieht so aus, als ob die deutsche Öffentlichkeit das akzeptieren würde. Dabei zeigen die "Schock-Fotos" nichts - umso mehr kann man diese leere Form beliebig füllen. Ein Kommentar
Ein Konvoi der Bundeswehr in Kabul, Anfang Oktober.Neben dem dramatischen Tod von Moshammers Daisy hat Bild am Mittwoch einen Skandal entdeckt. Als Aufmacherbild zeigt die gestrige Ausgabe der Zeitung einen deutschen Soldaten in Afghanistan, der einen Totenschädel in seiner rechten Hand hält. Gleich unter diesem Foto beglückt uns Natalie mit ihren Hüglein. Bild as usual: Eros und Thanatos auf der ersten Seite. Und schon haben die Stimmungsmacher die Bundesrepublik in Verwirrung gebracht.
Bilder sagen zwar mehr als tausend Worte, aber manchmal sprechen sie nicht wirklich, sondern sie plappern. „Schock-Fotos“ von deutschen Soldaten. Unscharf. Hier ein Totenkopf, da ein Penis. Weiß man irgend etwas über die Herkunft der Gebeine? Nein. Aber schon überlagern die Bilder aus Afghanistan die Bilder deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg, so suggerierte die Überschrift auf ZEIT online .
Doch so dämlich diese Fotos sind, sie vermitteln eher einen harmlosen Eindruck. Das Zeug zu einer Ikone haben sie definitiv nicht, schon gar nicht so wie die Folterbilder aus Abu Ghraib; zu ungeklärt sind die Umstände der Tat, zu frei ist die Art und Weise ihrer Assoziation.
Dass es junge Männer aus Deutschland sind, die sich in Afghanistan täglich in Lebensgefahr befinden, spielt keine Rolle mehr. Dass der Tabubruch eine von vielen Bewältigungsstrategien darstellt, ist irrelevant. Diese Bilder führen ihr eigenes Leben. Und nun haben die Deutschen ihr Abu Ghraib. Aber die Medienhysterie über die Terrorgefahr, die diese Bilder verursachen könnten, macht vergessen, dass die Islamisten solche Zeichen nicht brauchen, um den Kampf gegen den Westen zu propagieren.
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hat, aus durchsichtigen Interessen, eine Falle gestellt. Und weil es
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ist, muss alle Welt hineintappen, Politiker, Journalisten, und mit ihnen jedermann. Natürlich reagieren die Politiker mit Entsetzen. Was könnten sie sonst anderes tun? Und die Medien plappern. Was können sie sonst anderes tun? Umso schwerer wiegt die Verantwortungslosigkeit, solche Bilder zu publizieren, die nichts zeigen, aber alles sagen.
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Fünf Fotos zeigt uns die "Bild"-Zeitung in ihrer Mittwochsausgabe, offenbar aufgenommen im Frühjahr 2003 in Afghanistan. Bundeswehrsoldaten fotografierten sich wohl gegenseitig mit einem menschlichen Schädel. Wie bewerten Sie dieses Ereignis?
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- Datum 26.10.2006 - 12:48 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Der Artikel spricht mir aus dem Herzen. Auf Spiegel-online kann man derzeit lesen, wie es in Afghanistan aussieht - in manchen Gegenden gehörenden umherliegende Schädel geradezu zum Landschaftsbild. Man muß kein "Grab schänden", um einen aufzuheben und ein wenig herumzuwerfen. Gewiß, das ist pietätlos. Aber Herrgott, hier geht es um Knochen, nicht um Menschen!
Hier wurde niemand gefoltert oder gar getötet, keine Menschenrechte verletzt. Wir haben es mit jungen Männern zu tun, die jeden Tag einer Extremsituation ausgesetzt sind. Derartige Szenen sollte es nicht geben und sie gehören unterbunden. Aber wenn das alles ist, was sich unsere Soldaten an Fehlverhalten leisten, dann kann ich sagen: Hut ab, Jungs.
Allerdings mache ich BILD und anderen Medien nicht mal einen Vorwurf - die Medien sind wie sie sind.
Das Problem sind die Politiker, die unsere Soldaten erst zur Verfügungsmasse in der internationalen Politik gemacht haben und ihnen nun, bei erster Gelegenheit jämmerlich in den Rücken fallen.
Da ich den islamistischen Terror für eine Bedrohung halte habe ich auch die Militäreinsätze der Bundesregierung(en) befürwortet. Wenn nun allerdings schon das Haareziehen und das (geschmacklose) posieren mit Knochenfunden als Supergau betrachtet wird kann ich nur sagen, zieht sofort die Soldaten zurück. Unter so einer Massgabe kann niemand in den Krieg ziehen und ihn erfolgreich bestehen.
Es ist lächerlich, diesen Vorgang als Leichenschändung zu bezeichnen. In meiner Schule gab es ein menschliches Skelett, mit dem wir als Schüler allerlei Unfug getrieben haben, allerdings ohne heraushängenden Penis. In dem Film "Die Kinder des Monsieur Mathieu" stecken die Kinder dem schuleigenen Skelett eine brennende Zigarette in den Mund. Eine Leichenschändung? Der Lehrer reagiert vernünftig indem er sich an das Skelett wendet: "Rauchen verboten, das gilt auch für Sie Monsieur".
Typisch ist, dass die Öffentlichkeit mal wieder über irgendetwas entrüstet sein muss und dass alle Medien in dieses Horn blasen. Sind alle Journalisten "gleichgeschaltet"? Man verordnet Empörung aber den genauen Sachverhalt (Alter, Herkunft und Zustand des Schädels und so weiter) verschweigt man uns. Kommandiertes Entsetzen. Die unverfälschten Bilder zeigt man uns nicht. Gibt es denn nicht wenigsten einen Journalisten, der das Ganze als das schildert, was es ist, nämlich eine Geschmacklosigkeit, nicht weiter?
Jetzt tauchen auch noch die Psychoklempner auf der Bühne auf! Aus dem Tagesspiegel:
"Der Kölner Psychologe Christian Lüdke gibt den Vorgesetzten eine Mitschuld am jüngsten Bundeswehrskandal. "Die Führungskräfte haben versagt", sagte Lüdke ..."
Aber, aber Herr Psychologe, wo bitte ist denn bloß der Skandal von dem Sie da reden? Ein Psychodoktor der auf Bild reinfällt?
Vielleicht sollte der gute Mann mal selber zum Psychologen gehen!?
Man braucht nicht nur daran erinnern, dass in Deutschland mehr als 20% der Bestattungen völlig anonym geschieht, namenlos verbrannt und verscharrt auf den Friedhöfen der Republik, um gewahr zu werden, dass der nun geforderte Respekt dem Tod und den Toten gegenüber den Deutschen schon längst abhanden gekommen ist. Der kirchliche Entsorgungsdilantissmus tut ein übrigens, um das Gedenken von Menschen ad absurdum zu führen.
So muss erst BILD tapfer an schon längst verlorene Werte erinnern, indem es Jedermann Reporter die moralische Lücke mit Totenkopf Bildern füllen lässt. Die Empörung ist signifikant und verräterisch. Beschworen wird, was schon verloren ist.
Man mag über die Veröffentlichung der Fotos denken, wie man will. Aber:
Die Bundeswehr ist im rel. ruhigen Norden stationiert. Wenn es dort schon zu solchen "Bewältigungshandlungen" kommt - wie wird es erst, wenn sie mal im Süden eingesetzt wird?
Alain-Xavier Wurst beschreibt und beurteilt, was "Bild" seit Jahrzehnten liefert. Er mag damit nicht ganz daneben liegen.
Aber die Bilder vom "Boulevard" wirken. In diesem Falle vielleicht sogar einmal in aufgeklärender Absicht. - Warum? Vielleicht deshalb, weil sie die schläfrige Öffentlichkeit, ich meine jetzt vor allem die mit direktem Zugang zu Publikationsmedien, mehr wachrütteln, als die es gerne zugeben möchte. Das "Weißbuch" der Bundeswehr mit seinem erweiterten, in dieser Form völkerrechtwidrigen, Auftragskatalog, die Verlängerung der Einsätze, auch für KSK in Afghanistan, die "Schmuddelfotos", die zumindest kritikwürdige, wenn nicht rechtswidrige Verhaltensweise deutscher Beamter und Sicherheitsleute im Fall Kurnaz und noch einige andere Fälle müssen doch zusammen gesehen werden.
Der ursprüngliche Sinn und Zweck der Afghanistan Mission hat sich, von einer Polizeiaktion zur Festnahme Bin Ladens und seiner Helfershelfer zu einem doppelten "neuen Krieg", wie Herfried Münkler es ausdrücken würde, entwickelt und gleichzeitig wird der Anspruch erhoben, dort ein "nation building" betreiben zu können. Krieg und Frieden passen nur in Romantiteln zusammen. Wenn unterschiedliche fremde Mächte, gar noch mit gegensätzlicher Motivation und unterschiedlichstem Auftrag in einem Land voll Stein und Staub Clanstrukturen und althergebrachte Machtverhältnisse ändern und die einzige bedeutsame wirtschaftliche Basis des Landes, den Drogenanbau bekämpfen wollen, gleichzeitig mit Helikopterfeuerkraft und Bombenwurf angeblich "Kämpfer" und Terroristen töten, dann sollte über diesen Irrsinn, diesen Auftrag mit eingebautem Scheitern, noch mehr und intensiv berichtet werden.
Kein vernünftiger Mensch wird diese Afghanistan Bilder mit den Dokumenten aus Abu Ghraib gleichsetzen wollen. Aber die Veröffentlichung regt verstärkt an über die grundlegenden Dilemmata dieses "Kampfeinsatzes" nachzudenken.
"Zu Risiken und Nebenwirkungen befragen Sie Ihr Hirn!"
möchte ich dem BILD-Chefredakteur Diekmann ins Stammbuch schreiben.
Wenn er Voyeurismus und selbstgefällige Scheinempörung seiner Leser befriedigen möchte: Wie wäre es mit Bildern von nicht weniger perversen Initiationsriten an amerikanischen, englischen und französischen Eliteschulen und Eliteuniversitäten. Von wegen Unterschicht! Menschliche bzw. männliche Natur!
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