Schröders Memoiren Gerd im Lichte
Schröder ist wieder daheim. Aber nur für kurz. Die Buchvorstellung am Donnerstag war der Auftakt seiner Abschiedstournee.
Wenn Gerhard Schröder nicht schon immer der Medienkanzler gewesen wäre, spätestens jetzt hätte er sich diesen Ruf verdient.
Vier Tage lang war die Öffentlichkeit mit Interviews, Vorabdrucken und Dokumentarfilmen auf den Höhepunkt der Schröder-Festspiele eingestimmt worden
: den Auftritt des Stars selbst, an einem Ort, eng verbunden mit seinen Triumphen und Niederlagen, der SPD-Zentrale in Berlin. Als es endlich soweit war, hatte die Aufmerksamkeit einen Grad erreicht, den Schröder selbst wohl gerade mal als angemessen empfunden haben dürfte.
Bis auf den letzten Stehplatz war die große Aula des Willy-Brandt-Hauses am Donnerstagmorgen gefüllt. Es gab wohl kaum eine Zeitung und einen Sender im ganzen Land, die nicht in der ein oder anderen Weise an diesem Wiedersehen mit Gerhard Schröder teilhaben wollten, das zugleich ein Abschiednehmen war. Denn auch wenn SPD-Generalsekretär Hubertus Heil seinen Ex-Chef mit einem fröhlichen „Willkommen daheim, lieber Gerd“ begrüßte, so scheint doch klar, dass man in dieser Formation – vorne der einstige Kanzler, vor ihm die versammelten Hauptstadtjournalisten – nicht mehr zusammenkommen wird.
Dass es weniger um eine Rückkehr als um einen Rückblick ging, darüber belehrte im Übrigen auch ein Blick auf die Reihe der Ehrengäste. Aktuelle Politprominenz suchte man vergebens. Die saß in Sitzungen oder im Bundestag. Stattdessen war es ein Treffen der Ehemaligen. Das Alt-Bundespräsidentenehepaar Scheel hatte sich eingefunden, Schröders Skatkumpel Otto Schily war gekommen, der glücklose Ex-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter saß unter den Gästen, und weil Schröder nun mal als Freund der Künstler gilt, hatte man mit Siegfried Lenz auch einen Schriftsteller von Rang aufgeboten.
Als - man ist versucht zu sagen: Laudator, dabei wurde ja gar kein Preis verliehen – hatte man dagegen einen Aktiven gewonnen, einen engen Freund Schröders, aber klugerweise keinen Sozialdemokraten, dafür einen Mann, von europäischem Rang und Namen: den luxemburgischen Regierungschef Jean-Claude Juncker.
Sollten der Verlag und Schröders Berater mit dieser Wahl die Hoffnung verbunden haben, dass Juncker schon allein aufgrund seiner Biografie die innenpolitischen Verwerfungen der Schröder-Jahre milde, die außenpolitischen Verdienste umso positiver betrachten würde, so ging diese Rechnung auf. Dabei war Juncker klug genug, Schröder nicht – wie es eine Zeitung im Voraus vermutet hatte – allzu aufdringlich zu huldigen.
- Datum 27.10.2006 - 13:27 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 26.10.2006
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"Unter den Blinden ist der Einäugige König."
Der Hang der Deutschen Presse zur Herrn S. wird inzwischen peinlich. Das Gleichbehandlungsgesetz zu erörtern wäre von Bedeutung.
Die Tatsache, dass es aufgrund dieses Gesetz erforderlich wird, dass das Alter nicht mehr aus den Bewerbungsunterlagen hervorgeht, könnte viel Geld sparen und sehr viel effizienter sein als Zuschüsse für die Beschäftigung von Leuten über 50. Bei dem stark wachsenden Anteil der über 50 jährigen ist dies ohnehin unbezahlbar.
Denken Sie mal an Deutschland und nicht nur bei Nacht.
Schröder, die personifizierte Ich-AG, ist wieder da. Und er hat uns, dem gemeinen Volk, ein paar Zeilen geschrieben. Keine Deutschstunde, aber u.a. einige Brocken seiner Hartzreise. Armes Deutschland! Nur gut, dass sich der Ex-Kanzler vor Einzug des sog. Prekariats durch seine TV-Rumpelrede selbst ins Abseits brachte. Hätte er doch nur unsere bundespolitische Gesundbeterin Ulla Sch. mitgenommen. Die hat ja bekanntlich für "alles" eine Pille. Die meisten allerdings schmecken bitter.
Mögen dem Schröder die Zigarren auch in Zukunft schmecken. Hinter den Rauchwolken verbirgt sich, fast bis zur Unkenntlichkeit geformt, ein Ex-Sturm-und-Drang-Juso-Vorsitzender. Einer, der auf dem zweiten Bildungsweg gelernt hat, "Entscheidungen" zu treffen...
Von Ghostschreibern zusammengestellte "Memoiren" sind zwar keine Geschichtsquelle, aber eine coole Einnahmequelle. Das hat er sich von seinem Vorbild Bill Clinton abgeguckt, dem das freilich noch viel besser gelingt. Skandale? Ach woher denn, sagt Bill, immer alles abstreiten, immer alles aufschieben, bis sich vor lauter neuen Skandalen schon keiner mehr an die alten erinnert.
Es amüsiert schon sehr, wie sich die Medien unter der Interessenlast der Leser und Zuschauer "winden", über Schröders Buch berichten zu "müssen". Und wieder ist es eine "Abschiedstournee" ... haben wir das im Sommer und Herbst 2005 nicht ständig lesen müssen?
Und richtig. Einer aus der ersten Reihe der Politik meldet sich zu Wort. Klat, dass das Interesse gross ist, hören wir doch seit Monaten wenig fundiertes aus dem Kanzleramt.
Schröder kommt. Dies zieht noch stärker als früher. Kein Wunder, besteht doch das gesamte, derzeitige Kabinett aus Leuten der zweiten und dritten Reihe.
70% aller Deutschen sind unzufrieden mit der Regierungsarbeit (ARD Deutschlandtrend). Von solch katastrophalen Werten hat Schröder in seiner Amtszeit nicht einmal alpträumen können.
"Sie kann es nicht" ... ist der allgemeine Eindruck und da ist es doch sehr spannend, etwas von dem zu hören, der unter diesem Motto im Sommer/Herbst 2005 noch einmal antrat.
Von einem, der auch seiner Partei mehr zugemutet hat, als jeder andere Kanzler vor ihm.
Geben wir es doch zu. Nachdem wir nun wissen, wie Merkel es macht (oder auch nicht macht), wüssten wir gern mehr, wie "uns Gerd" es gemacht hätte .... auch wenn dies das Buch nicht hergibt.
Danke jedenfalls an Katharina Schuler, die es geschafft hat, mit ihrem Artikel einen Blick auf das Buch-Erscheinungs-Szenario zu werfen, ohne Schröder bzw. seine Regierungszeit gleichzeitig (erneut) zu bewerten, genauer: abzuwerten.
Den meisten Redakteuren gelingt dies nicht. Zu gross ist noch die Wut und Ohnmacht aus September 2005, wo das monatelange "todschreiben" von Schröder beinahe zum Fiasko der Medien wurde ... hätten ein paar Zehntel des Wähler anders entschieden.
Auch der eine oder andere Kommentar hier, der Schröder als Kriegskind seinen "zweiten Bildungsweg" vorhält, zeigt die Wehrlosigkeit von CDU-Wählern, wenn Schröder kommt.
Medienkanzler?
Übrigens ein schöner Begriff aus der Marketingabteilung der Union, um von den stotternden Eigenkandidaten (Stoiber & Co.) abzulenken.
Nein ... sondern jemand mit Format und Charisma. Beides kann man bekanntlich nicht kaufen.
Schlussendlich kommt in dem Interesse an Schröder vor allem zum Ausdruck, dass Politiker seines Formats und aus der ersten Reihe derzeit schmerzlich vermisst werden.
Man stelle sich nur einmal vor, Gerd Schöder und Joschka Fischer würden eine neue Partei gründen ... nackte Panik wäre die Folge ... bei Politiker wie bei den Medien!
An der Kasse des Buchhändlers blätterte ich beiläufig in der voluminösen Schröder-Biografie um festzustellen, dass der unverschämt breit belassene Seitenrand das Buch quasi halbleer lässt. Diese zufällige Beobachtung ließ mich traurig die Erfahrungsjahre meiner rot-grünen Utopie reflektieren: Volumen durch Leerfläche?
Schröder hat die Politik zu einer Showbühne verwandelt, wobei ihm die Dramaturgie der Handlung von den großen Wirtschaftsverbänden, Banken und deren Interessenvertretern vorgegeben wurde. Sein Narzißmus, gespeist aus dem gekränktem Selbst seiner Herkunft, war der Motor seiner Auftritte als -"Kanzler". In seiner kurzen Amtszeit verkleinerte sich der Handlungsspielraum der Politik -schon drastisch verengt in der Kohlära- nochmals erheblich. Das Ergebnis seiner "Kanzlerschaft": Verdoppelung der Anzahl der Millionäre,
Verarmung großer Teile der Gesellschaft,
Kinderarmut, Undurchlässigkeit der gesellschaftlichen Schichten, ein Parlament als Abnickbude.
Aus der Schicht, der Schröder entwuchs, kann kein weiterer Schröder mehr erwachsen, denn die Reproduzierbarkeit der gesellschaftlichen Schichten war noch nie so gut wie heute.
War der Schröder´sche Unterhaltungswert wirklich so gut, um diesen Preis zu zahlen?
Edwin Witsch
Ach, lieber Gerhard,
warum diese Ungeduld jetzt schon Deine Erfahrungen zu vermarkten. Dein Wein (Buch) ist noch lange nicht ausgereift. Wer möchte sich schon an einem schlechten Trunk erinnern?
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