Haushalt Go Angie, go!

Die Große Koalition streitet über die Steuermehreinnahmen. Der Finanzminister möchte mit dem Milliardensegen die Schulden senken, die Kanzlerin die Beiträge. Robert von Heusinger unterstützt Merkel

Gut gefülltes Portemonnaie: Finanzminister Steinbrück kann in diesem Jahr mit zusätzlichen Steuereinnahmen von bis zu 20 Milliarden Euro rechnen - der guten Konjunktur sei Dank

Gut gefülltes Portemonnaie: Finanzminister Steinbrück kann in diesem Jahr mit zusätzlichen Steuereinnahmen von bis zu 20 Milliarden Euro rechnen - der guten Konjunktur sei Dank

Welch Luxusproblem! Der Staat weiß nicht, wohin mit seinem vielen Geld. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000. Dabei hat Finanzminister Peer Steinbrück dieses Jahr lang gar nicht gespart, sondern den Aufschwung einfach nur laufen lassen. Damit hat er sich ein Jahr der herrschenden Logik widersetzt, dass die Konsolidierung der Staatsfinanzen nur über Gürtel-enger-schnallen gelingen kann. Und siehe da: Es hat geklappt. Warum nicht ein weiteres Jahr pragmatische Wirtschaftspolitik, warum nicht ein weiteres Jahr Aufschwung, neue Jobs und höhere Steuereinnahmen genießen?

Damit das gelingt, sollte das Kabinett auf seine Chefin Angela Merkel hören. Der Geldsegen darf nicht zum Abbau der Neuverschuldung verwendet werden und auch nicht zum Bau neuer Panzer, wie es SPD-Chef Kurt Beck forderte. Das Geld muss an die Arbeitnehmer in Form sinkender Sozialbeiträge weitergegeben werden. Denn Zweidrittel der saftigen Mehrwertsteuererhöhung werden nächstes Jahr sowieso schon zur Konsolidierung der Staatsfinanzen verwendet. Das reicht. Bereits dieses Jahr sinkt die Neuverschuldung auf 2 Prozent, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Wenn nächstes Jahr noch die Mehrwertsteuer-Milliarden dazukommen, marschiert sie in Richtung ein Prozent. Wozu mehr tun als nötig?

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Merkels Vorschlag, die zusätzlichen Einnahmen in Form sinkender Sozialbeiträge weiterzureichen, ist vernünftig und pragmatisch. Warum? Weil er am derzeitigen Hauptproblem der deutschen Wirtschaft ansetzt: Bei der Kaufkraft der Bürger. Trotz boomender Exporte, historisch hoher Unternehmensgewinne und 600.000 neuen Jobs binnen Jahrsfrist lahmt der Konsum. Weil die Löhne nicht angemessen steigen. Wahrscheinlich werden sie dieses Jahr um lediglich 1,7 Prozent erhöht. Das ist weniger als die Inflation und bedeutet somit ein weiteres Jahr geringere Nettoeinkommen in Deutschland. Kein Wunder, dass der Konsum nicht aus den Puschen kommt.

Wenn nächstes Jahr neben der Mehrwertsteuererhöhung auch noch die Sozialabgaben steigen, ist der Aufschwung in Gefahr. Wenn aber im Januar netto eine Entlastung eintritt, was ja nichts anderes bedeutet als eine faktische Lohnerhöhung, dann verbessert sich die Chance, dass der Mehrwertsteuerschock absorbiert werden kann.

Das ist auch mit Blick auf die Weltwirtschaft geboten. Amerika schwächelt. Die US-Volkwirtschaft, die seit dem Jahrtausendcrash am Aktienmarkt die Weltwirtschaft wieder auf Trab gebracht hat, pausiert. Vor allem der amerikanische Konsument kann nicht mehr. Jetzt müssen die Europäer in die Bresche springen, allen voran die Deutschen, und helfen, das Wachstum der Weltwirtschaft hoch zu halten. Aber auch ganz egoistisch muss der inländische Konsum gestützt werden. Viel zu lange hat Deutschland von der boomenden weltweiten Nachfrage gelebt. Wenn nun Amerika erschlafft, dann können die Exporte nicht mehr so rasch wachsen, dann muss die Binnennachfrage anziehen.

Aber es geht noch mehr, Frau Merkel: Noch pragmatischer wäre es, die geplante Senkung des Beitrages zur Arbeitslosenversicherung einseitig den Arbeitnehmern zukommen zu lassen. Damit wäre zum einen der Aufschwung im nächsten Jahr gesichert, ziemlich egal, wie sich der Euro und die amerikanische Wirtschaft bis dahin entwickeln werden. Zum anderen würde der Lohndumpingwettbewerb der Deutschen in Euroland abgemildert. Denn die Unternehmen, die ja auch durch die Senkung der Lohnnebenkosten entlastet werden, brauchen derzeit alles andere, nur nicht noch höhere Gewinne. Die Unternehmen bekommen ohnehin bereits Entlastung durch die Unternehmenssteuerreform sowie – noch wichtiger - durch die schwachen Lohnerhöhungen. Sie schwimmen in Milliarden und sind wettbewerbsfähig ohne Ende.

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Leser-Kommentare
  1. Ich bin kein Wirtschaftsfachmann, vielleicht deshalb meine Schwierigkeiten, das alles zu verstehen.
    Einer der grössten Ausgabenposten im Bundeshaushalt stellen seit Jahren die Zinszahlungen für die hohe Verschuldung dar. Das bedeutet, dass von jedem Euro, der an Steuer bezahlt wird, ein hoher Anteil an Kreditgeber geht. Also an Leute, die genug Geld zum Verleihen an den Staat haben. Das ist zunächst mal nicht sehr sozial.
    Jetzt wird dazu aufgerufen, die endlich mal sprudelnden Einnahmen nicht zur Senkung der Schuld zu verwenden. Ein Verringerung der Neuverschuldung sei ja schon ein grosser Erfolg . Was bedeutet das denn ? Die Aufnahme neuer Schulden im Verhältnis zu den Einnahmen wird zwar geringer, der gesamte Schuldenberg und damit die Zinslast für kommende Generationen steigt jedoch weiter.

    Herr Heusinger konstatiert am Ende des Artikels, das die Unternehmen in Milliarden schwimmen und konkurenzfähig ohne Ende seien, nicht zuletzt durch die schwache Lohnentwicklung.

    Wer ist jetzt also am Zuge, etwas für die Zukunft der Gesellschaft zu tun ?

    Ist es da nicht auch eine Option, den Konsum durch höhere Löhne anzukurbeln und die höheren Steuereinnahmen zur Schuldentilgung einzusetzen ? Es trüge zur Zukunftssicheruung der Jungen bei und wäre gleichzeitig ein Schritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

    • etiam
    • 02.11.2006 um 11:27 Uhr

    Sicherlich kann man mit Fug und Recht die Meinung vertreten, dass bei nunmehr verbesserter Konjunktur der Imperativ der Antizyklik vermehrtes Sparen fordern würde - ob wir vor dem Hintergrund der kommenden Steuererhöhung schon so fest im Sattel sitzen, darf aber wohl bezweifelt werden und für gewisse Zeit muss die ohnehin automtisch einsetzende Reduktion der Neuverschuldung nicht auch noch aktiv unterstützt werden - bis dahin d'accord.
    Die Diskussion wird bei den beiden Möglichkeiten, das Geld zu sparen (entschulden) oder auszugeben, auf der Ausgabeseite lediglich auf die sehr phantasielose Verteilung mit der Gießkanne verkürzt - einfach für alle Sozialversicherten, so dass auf die Besserverdienenden mit jetzt schon >10% Sparquote dann auch noch mehr entfällt. So nett das aus privater Sicht sein mag, so fragwürdig scheint es mir aus konjunktureller Sicht. Wenn man das Gelkd schon ausgeben möchte,sollte man aber doch das tun, was im prozyklischen Eichelschen Sparwahn versäumt wurde und jetzt nachzuholen wäre: staatliche Investitionen. Investitionen in Bildung, Forschung oder Kinderbetreuung sind nachhaltiger als solche in Flachbildfernseher oder Kaffeevollautomaten (zumal in solche, die im Ausland produziert wurden)- aber kurzfristig ebenso konjunkturwirksam und, im Gegensatz zur Lohnnebenkosten nach Kassenlage, langfristig auch. Jeder Arbeitsplatz, der durch solche Investitionen geschaffen wird, entlastet die Sozialversicherungen doppelt nämlich über Beitragssteigerung und Leistungsabnahme (ALG), schafft ferner Konsum (ab dem 345ten monatlichen Euro fliessen noch viele zunächst in Konsum statt aufs Konto) und tut was für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit von morgen. Nachdem sich einem gerade hier appokalyptische Zukunftvisionen aufdrängen, verbietet sich das Merkelsche Buschfeuer meines Erachtens nach geradezu!

  2. Immer noch 4,1 Millionen Arbeitslose (offiziell), das macht sich beim immer noch schwachen Konsum bemerkbar. Ich denke, eine möglichst vollständige Verwendung der Mehrwertsteuererhöhung für die Entlastung der Sozialversicherungsbeiträge von versicherungsfremden Leistungen ist daher eine gute Sache.

    So hätte man im Jahre 2003 die Beiträge zur Rentenversicherung von 19,5% auf 17,6% reduzieren können, wenn man sie vollständig von den versicherungsfremden Leistungen befreit hätte, rechnet der Wirtschaftsweise Peter Bofinger in seinem Buch "Wir sind besser als wir glauben" vor.
    Die Arbeitslosenversicherung besteht sogar zur Hälfte aus versicherungsfremden Leistungen. Die Belastung der Arbeit mit Lohnnebenkosten wäre erheblich geringer, hätte die Politik die Sozialversicherungsabgaben nicht so oft als Schattenhaushalt zur Finanzierung anderer öffentlicher Ausgaben missbraucht.

    Niedrigere SV-Beiträge verringern die Arbeitskosten und wirken somit tendenziell in die Richtung einer höheren Nachfrage nach Arbeit. Man könnte dadurch mehr Beschäftigung erreichen, was eben auch mehr SV-Beitragszahler und Steuerzahler und weniger Transferleistungsempfänger bedeutet. Zu den großen Ausgabeposten in den öffentlichen Haushalten gehören eben auch die Sozialtransfers. Nur auf diesem Wege ließe sich auch das strukturelle Defizit der öffentlichen Haushalte im Zaum halten.

    Mehr Beschäftigung und weniger Arbeitslosigkeit heißt aber auch wieder mehr Geld bei den privaten Haushalten insgesamt, die mehr Geld für den Konsum haben und dadurch eine stärkere Binnennachfrage erzeugen. Und last but not least würde der Konsum auch durch die Entlastung der Arbeitnehmerhaushalte bei den Sozialversicherungsbeiträgen gestützt, was aber davon abhängt, wie weit der Preisanstieg durch die erhöhte Mehrwertsteuererhöhung durch die Entlastung bei den SV-Abgaben kompensiert werden kann.

    Höhere Löhne dagegen würden den privaten Konsum nicht zwangsläufig in dem Maße unterstützen, da sie tendenziell die Nachfrage nach Arbeit dämpfen und der Lohnzuwachs durch eine abnehmende Nachfrage nach Arbeit überkompensiert werden könnte.

    • Jeju
    • 01.11.2006 um 16:20 Uhr

    @Troll05: Das ist doch genau der Punkt von Heusingers Artikel! Die Lohnnebenkosten senken --- aber nur fuer die Arbeitnehmer! Wenn die Industrie das nicht "freiwillig" macht durch hoehere Brutto-Loehne, dann hilft halt der Staat indem er die Lohnnebenkosten nur fuer Arbeitnehmer senkt. Die Lohnkosten fuer die Industrie bleiben dieselben (sie ist ja laut Heusinger wettbewerbsfaehig genug), aber es kommt Netto mehr bei rum.

  3. Da kann ich nur widersprechen. Da kommt nun endlich etwas kohle in die leeren Staatskassen, da wollen schon wieder alle was abhaben von dem Kuchen.
    Es währe doch Sinnvoll die Neuverschuldung endlich mal auf NULL zu drücken und die Schuldenberge mal wieder zu tilgen.

  4. eins haben Sie aber vergessen: dadurch, dass endlich mal steuereinnahmen und nicht nur Beiträge auf Arbeit und Renten zur finanzierung der sozialen sicherung eingesetzt werden, werden langfristig auch die, z. T. strukturell bedingten, ständigen steigerungen der beitragssätze (vornehmlich für GKV und GRV), abgemildert. was dann dem Konsum auch langfristig helfen dürfte. Als Sidekick wird nochdazu die Finanzierungbasis der sozialen Sicherung endlich stabilisiert und es ist noch dazu gerechter, über Steuereinnahmen, Einkünfte (auch Kapitaleinkünfte) auch über den Beitragbemessungsgrenzen zur Finanzierung heranzuziehen.

    also was will man mehr von einer reform....
    bleibt nur zu hoffen, daß stoiber nicht wieder einen strich durch die rechnung macht...

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