Bundeswehr-Skandal "Ein schlechtes Gewissen hatten alle"

Ein Zeuge berichtet, wie es zu der Totenschändung in Afghanistan kam. Unterdessen wurden die ersten Beteiligten suspendiert.

Verteidigungsminister Franz-Josef Jung sagte am Freitag in Berlin, zwei der insgesamt sechs an den Vorfällen beteiligten Soldaten sei die Ausübung des Dienstes untersagt worden. Im zweiten Fall, der durch neue Bilder belegt wurde, seien in der Zwischenzeit drei Tatverdächtige ermittelt worden.

Jung beauftragte den für Erziehung und Ausbildung bei der Bundeswehr zuständigen Offizier, sofort nach Kabul zu fliegen, um sich über Motivation und Ausbildungsstand der knapp 3000 Bundeswehrsoldaten zu informieren. Der Minister kündigte an, er werde schnellstmöglich dafür Sorge tragen, dass alle als Täter identifizierten Soldaten aus der Bundeswehr entlassen werden.

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In der Bild- Zeitung hatte ein Zeuge den Hergang der Vorfälle geschildert. Der 2003 geschändete Totenschädel stamme nicht von einem Friedhof. Vielmehr müsse man sich das Gelände vorstellen "wie eine große Kiesgrube", sagte der Mann, der anonym bleiben wollte. Dort hätten Einheimische Lehm für Ziegel abgegraben - "dabei kamen diese ganzen Knochen raus".

Auf die Frage, ob es bei der Schändung eine Art Gruppenzwang gegeben habe, antwortete der Zeuge: "Zwang würde ich nicht sagen. Aber es war schon so: Wenn man das nicht mitmacht, heißt es: Du Weichei, was stellst du dich so an." Auch Afghanen, die in der Grube Lehm für ihre Häuser geholt hätten, hätten "regelmäßig das Zeug umeinandergeworfen". Da die Einheimischen das nicht "als besonders schlimm" empfunden hätten, habe sich die Patrouille "auch nicht weiter etwas dabei gedacht".

Als Grund für den empörenden Vorfall vermutet der Zeuge, dass durch den Einsatz in Afghanistan auch "die Hemmschwelle" heruntergesetzt gewesen sei. Es zerre an den Nerven, wenn sowohl Leute von der eigenen Armee als auch von den alliierten Truppen regelmäßig verletzt werden oder sterben. Zu seinen eigenen Empfindungen betonte er: "Dumm gelaufen, Blödsinn gemacht. Sollte man nicht tun. Ich hätte es besser damals auch nicht getan. Oder wäre besser nicht mit dabei gewesen." Er fügte hinzu: "Ein schlechtes Gewissen, denke ich, hatten sie alle."

Leser-Kommentare
  1. Guten Tag,

    es ist widerlich und nur zu typisch, wie ein recht breiter Teil der Bevölkerung (ausweislich der hier vorgetragenen Kommentierungen) versucht, mit Bagatellisierung zu reagieren. Gar von Ventilfunktion in solchem Zusammenhang zu sprechen, zeugt von mangelnder Reife und charakterlicher Festigkeit.

    Nun was die Bilder betrifft und die dort gezeigten Täter, so ist folgendes zu sagen:

    Wer Soldat ist, sollte wissen, wie schmal der Grat zwischen leben und Tod ist, und sicherlich möchte auch er im Fall der Fälle ein anständiges Begräbnis. Und selbst meinem unterlegenem Gegner muß eine letzte RUHE gewährt und gewahrt werden. Das sollte auch mindestens jedem Mannschaftsdienstgrad klar sein. Die Offiziere und Ausbilder aber sind doch, auch wenn nicht fotodokumentiert, oftmals in viel bedenklicherer Verfassung. Zu sagen, man habe nichts gewusst, ist pure Schutzbehauptung, denn entweder man fand es selber komisch oder irgendwie belustigend, oder man ist seiner Dienstaufsicht nicht nachgekommen. Der militärische Leiter muß sein Ohr an der Truppe haben und muß wissen, was den Männern auf die Seele schlägt und entsprechend anleiten oder gegebenenfalls eingreifen. Viele sind doch aber viel mehr mit ihrer eigenen Beförderung beschäftigt.

    Und was passiert beim BMVg? Hier stellt man Empörung vor Kamera und Mikrofon zur Schau, obgleich man sicherlich viel mehr und schon viel eher wusste. Wer gegenteiliges behauptet, würde ja die Jungs vom MAD als Schlafmützen denunzieren. Aber es ist immer das selbe unsinnige Spiel, hoffen, es wird schon nichts oder erst viel später rauskommen. Es sind ja nur Einzelfälle... Wie oft haben wir solches schon gehört. Viele dieser und ähnlicher Einzelfälle aber werden zum Regelfall vom Verlust der Menschlichkeit.

    Im BMVg müssten einige ihren Hut nehmen, anstatt die kleinen Soldaten zu entfernen. Sicher eine Disziplinarstrafe und sagen wir 6 Monate Soldkürzung um 25 Prozent und gegebenenfalls eine strafgerichtliche Geldstrafe von 40 Tagessätzen, aber doch keinen Rausschmiß, wenn die alten Herren Generäle und Abteilungsleiter bleiben. Die Fischfrau vom Markt sagt immer, daß der Fisch vom Kopf an zu stinken beginnt.

    Mfg

  2. ausgerechnet Minister Jung ...

  3. Das hat mir mein Ausbildner beim Bundesheer beigebracht. Mit dem Nachsatz, daß er nichts mehr verabscheue als Krieg, und daß wir alles tun müssen, um Krieg von uns fern zu halten. Dazu können nun mal auch militärische Mittel zählen, aber die Dinge, die in den aktuellen Krisengebieten zur Zeit angeblich passieren, zählen nicht dazu.
    Tote können sich nicht wehren, aus diesem Grund sollte man sie in Ruhe lassen, egal was ihnen angelastet wird. Sie können sich nicht mehr rechtfertigen. Apropos rechtfertigen, auch das die einheimische Bevölkerung mit diesen Totenköpfen aus der Lehmgrube herumgespielt hat, erlaubt es, diesen gleich zu tun.
    Der Tod ist die letzte Instanz, die haben die Lebenden zu respektieren. Auch wenn Krieg ist....... .

  4. Mensch, das sind junge Leute - wir haben alle 'mal Blödsinn gemacht (und später dann oft allerdings nicht bedauert). Sicher ist es nicht angenehm, mit solchen Bildern im Ausland präsent zu sein, aber ich denke, dass in alle Ländern zu jeder Zeit, auch außerhalb von Kriegen und Besatzungssituationen, junge Männer solch einen sehr bedauerlichen Blödsinn machen. Es wäre sehr erfrischend und beruhigend, wenn ein deutscher Spitzenpolitiker diesen Vorfall ebenso kommentieren könnte. Warum wohl bleibt die arabische Welt diesmal ruhig? Weil Sie nichts davon weiß (Selbstverständlich hat Aljazeera die Fotos auch veröffentlicht)? Weil sie ehrlicher ist? Mir reicht der Kommentar des hier genannten Zeugen völlig, und unser Staat und die Natoführung sollten Ruhe bewahren.

  5. ach du je, hoffentlich kommt nie raus, was wir braven mädels vom lyceeum mit dem knochenkerl in unserem bio-saal(dank der universitätsklinik ein echter, jawoll, meine herrn soldaten!) so alles angestellt haben... gut, dass es 1970 noch keine fotohandys gab

    • Anonym
    • 27.10.2006 um 12:47 Uhr

    Es ist schon interessant, wie aufgeregt überall reagiert wird. Wegen der "Totenschändung" oder weil diese alten Vorfälle öffentlich wurden?? An anderer Stelle las ich die treffende Erklärung eines Psychologen, daß es wohl vergleichbare Fälle gegeben haben wird und wörtlich: Aber von denen erfahre man "wegen der Abgeschlossenheit der Bundeswehr" in der Regel nichts. Nun ist Herr Robbe als Wehrbeauftragter "enttäuscht", war an anderer Stelle zu lesen. Als ich mich als Angehöriger eine früheren Bundeswehrangehörigen wegen Verletzung der ZDv durch Disziplinarvorgesetzte an Herrn Robbe wandet, war auch ich "enttäuscht". Zunächst war nichts zu beanstanden. Als meine konkreten Fragen wohl nicht angenehm waren, teilte mir schließlich der "Leitender Beamter" mit: "...dass die Bearbeitung in diesem Haus abgeschlossen ist." Deswegen empfinde ich die jetztige Aufgeregtheit schlicht und einfach als Heuchelei.

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