Theater "Ich bin absolut pessimistisch"
Mit der Hamburger Uraufführung der erzdefätistischen, brutalo-komischen, anarcho-historischen Monstershow Ulrike Maria Stuart von Elfriede Jelinek kommt das "Jelinek-Syndrom", der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit, voll zur Entfaltung.
Hätte Kurt Beck im Publikum gesessen, stünde Elfriede Jelinek jetzt wegen schwerem Pessimismus am Pranger. Denn das neue Stück der österreichischen Radikaldramatikerin handelt in gewohnt schrillem Ton von nichts als dem Scheitern hehrer Menschheitsträume, von der Unmöglichkeit, die Welt zu bessern – sei es durch Güte, sei es durch Gewalt. Am Unterschichtsproblem der Hoffnungslosigkeit krankte die Nobelpreisträgerin – wie die besten Literaten seit der Blütezeit der griechischen Tragödie auch – bereits in ihren frühen Texten. Germanisten aus der Beckschen Schule des Zweckoptimismus haben dafür den Begriff »Jelinek-Syndrom« geprägt. Doch erst mit der Hamburger Uraufführung der erzdefätistischen, brutalo-komischen, anarcho-historischen Monstershow Ulrike Maria Stuart kommt es voll zur Entfaltung.
Man muss sich das Syndrom in der Theaterpraxis folgendermaßen vorstellen: Eine Schauspielerin mit Ulrike-Meinhof-Frisur und Trenchcoat schreit ins Publikum, es sei auf jeden Fall ein Jammer, Mensch zu sein, als Frau jedoch noch sehr viel mehr. Drei falsche Weiber, unter deren viel zu kurzen Röcken behaarte Männerbeine hervorsprießen, beömmeln sich über das »Emanzipationsproblem«. Dieselben drei verkappten Machoclowns (die als dreifaltige Ulrike, Maria Stuart, der junge Andreas Baader, die Prinzen und der Chor der Greise auftreten), veranstalten später als nackte RAFler revolutionäres Schlammcatchen mit Sprühsahne und Schokosoße. Und zu Holger Meins, der in schlabberiger Unterwäsche hingebungsvoll Klavier spielt, sagt aufmunternd irgendjemand den Satz, den Rudi Dutschke am Grab des echten Meins sprach, nachdem der im Stammheimer Hungerstreik gestorben war, nämlich: »Holger, der Kampf geht weiter.«
Das soll wohl heißen, dass der Kampf von Anfang an verloren war. Rückblickend und mit Jelinek betrachtet war die Baader-Meinhof-Mission wider den faschistoiden Schweinekapitalismus genauso aussichtslos wie der Versuch der unglücklichen Maria Stuart, mit ihrer Todfeindin Elisabeth Frieden zu schließen. Rückblickend war die feministische Verschwisterung der männermüden, von traditionellem Machtgehabe genervten Frauen um 1970 nicht weniger zum Scheitern verurteilt als 1587, im Jahr der Hinrichtung der schottischen Königin Maria Stuart auf Befehl der Königin von England, oder 1799, als Friedrich Schiller den Stoff zum Trauerspiel verarbeitete.
Man darf die Jelinekschen Verrücktheiten auch diesmal nicht als Späße missverstehen. Das neue Stück, das die soeben 60 Jahre alt gewordene Autorin als ihr nun wirklich allerletztes Drama, also eine Art Vermächtnis, angekündigt hat, handelt wie schon ihr Romandebüt wir sind lockvögel, baby von der großen Repression. Von dem, was die marxistische Feministin Jelinek früher unverblümt als Klassengesellschaft oder Patriarchat bezeichnet hätte. Heute präsentiert sie es uns etwas allgemeiner als die unausweichliche menschliche Katastrophe. »So«, sagt Ulrike Meinhof, »die Revolution frisst jetzt ein Kind. Mich. Wohl bekomms!«
Jelinek verquirlt ohne Skrupel zwei ganz unterschiedliche Frauenschicksale. Sie will nicht die Geschichte der RAF nacherzählen, sie will sie auch nicht unter moralischen Gesichtspunkten durchdiskutieren, sondern benutzt sie idealtypisch und ein bisschen idealisierend zur Darstellung des erfolglosen Aufbegehrens an sich. Ulrike Maria Stuart ist ein pessimistischer Kommentar zur Menschheitsgeschichte. Um das zu kapieren, muss man weder Schillers Maria Stuart noch Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex gelesen haben. Für das Verständnis der spitzfindigen Gags ist es jedoch hilfreich, wenn man Details der wahren Hergänge kennt, dass beispielsweise Holger Meins in Unterwäsche verhaftet wurde. Hilfreich ist auch, wenn man sich noch ungefähr erinnert, an welcher Stelle Schillers Elisabeth der Maria vorwirft: »Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte / Mir angekündigt? Eine Stolze find ich, / Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.« Denn darum geht es in Jelineks Rebellionsgroteske auch: wie man sich in der Niederlage einen Rest von Renitenz, ein bisschen trotzige Menschenwürde bewahrt. Übrigens ist es völlig unerheblich für die Rezeption des Stückes, ob man die RAFler als irregeleitete Statthalter der Gerechtigkeit, als einzig wahre Revolutionäre der Bundesrepublik, als durchgeknallte Salonlinke oder schlicht als Terroristen betrachtet. Maßgeblich ist allein ihr individuelles Scheitern, das Jelinek als ein Scheitern sowohl an den »Verhältnissen« als auch am jeweiligen kindischen Selbst vorführt: an Baaders Plumpheit, Meinhofs Verzagtheit, Ensslins Eitelkeit sowie dem gemeinsamen Hang zu Albernheit und Traumtänzerei.
- Datum 05.12.2008 - 11:02 Uhr
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Wenn einer sonst nichts mehr einfällt, könnte man ja mal Ulrike Meinhoff mit Maria Stuart vergleichen.
was heisst da "ulrike maria stuart" - klingt doch die maria mitten drin viel autonomer also insgesamt nach triumvirat ... durch dessen schleier die elizabeth I durchschimmert ... schimmert sie durch alle drei durch ? ... oder schlimmert sie duch durch die drei und dabei refelktiv auf sich selbst und durch den spiegel/reflektor mit durch sich durch und alle durcheinander durch ... s ist doch wohl so ... und die vier sind also durch hamburg gezogen - was ja eben nicht die "hauptstadt der unterschicht" (DIE ZEIT) ist ... denn es schimmert was ganz anderes ... die ulrike wird auf eine gleiche augenhöhe gehoben ... ein königinnendrama (wieso wird nicht auf die theaterarbeit von elfriede jelinek verwiesen aber statt dem auf prosafrühwerke - weil man damit den beck in den ... beissen will? - also freie inszenierung) ... man könnte ebsno an die königinnendramen von dario fo denken (bei dem die sog unterschicht vermutlich mentalerweise ungleich aktiver ist und dabei klug, was bei jelinek s diagnose der unterschicht im opposit diagnostiziert wird - eben andere mentalitäten) ...
.. königin ulrike ergo also sum ... es fällt leicht, wenn man es nicht gesehen hat ... und elizabeth I schimmert durch alles durcheinander ... auch durch die ulrike ... wer richtet wen und lässt hinrichten ... aber die ulrike ist die verbindung zur debatte, wenn man schon will ... wo das heim nicht heim sondern ein anderes heim es so will ... man traf sich da regelwidrig zum boule-spielen ... königin ulrike nun wollte das ganz anders lösen als elfriede ... das mit der unterschicht ... das mit dem klassenkampf ... königin ulrike glaubte dran um dann dran zu glauben ... elizabeth I - nicht das wachpersonal schimmerte durch die fenster, vergittert, gell - durcheinander ...
... und hier kommt maria ... zu spät ... königin ulrike am kreuze schon ... was die unterschicht ganz anders in der bild-zeitung nachlesend (also doch keine analphabeten, sondern beten können die schon) zufällig auf seite 1 findet ... königin ulrike hat die nicht erreicht, die popmusik dafür schon ... wir erinnern an "dieses ehrenwerte haus" das udo jürgens heute aka robbie williams damals intonierte ... udo jürgens hatte die unterschicht erkannt, unisono mit kaiserin elfriede ... mit tucholsky also eine oberlöwin ... elfriede jelinek hat das stück geschrieben - und steht doch über allem drüber - dagegen sind alle königinnen klein und keinerlei elizabeth I schimmert durch frau jelinek durcheinander, es bleibt nur die I, die durch kommt ... elfriede, prosit
Zu dem Zitat " Man könnte auch von einem Meinhof-, Tucholsky-, Heine-, Schiller- oder Müller-Syndrom sprechen." hätte Tucholsky gesagt: "Da werden Eintagsfliegen in einem Atemzug mit Löwen genannt." Das macht aus der Eintagsfliege aber noch keinen Löwen...
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