Onkologie "Auch Jungs impfen!"

Tumorforscher Harald zur Hausen spricht über Möglichkeiten, Probleme und die Profitgier im Kampf gegen Krebsviren

DIE ZEIT: Sie schreiben in Ihrem neuen Buch Infections Causing Human Cancer, dass etwa jede fünfte Krebserkrankung durch Infektionen bedingt ist. Was sind die wichtigsten Erreger?

Harald zur Hausen: Nur vier Gruppen von Mikroben verursachen jährlich etwa zwei Millionen Krebserkrankungen weltweit. Der größte Anteil von 37 Prozent der Fälle geht auf das Konto von Bakterien namens Helicobacter pylori. Sie rufen Magenkrebs hervor. Dann folgen mit 28 Prozent der Krankheitsfälle Warzen- oder Papillomviren, kurz HPV. Sie verursachen hauptsächlich Gebärmutterhalskrebs und ein Viertel aller Mundhöhlenkrebse. Hepatitisviren vom Typ B und C führen zu Leberkrebs, sie bewirken fast 25 Prozent der infektionsbedingten bösartigen Wucherungen. Die restlichen zehn Prozent sind einer Art von Herpesviren, den Epstein-Barr Viren EBV anzulasten. Sie führen zu Krebs im Nasenrachenraum, im Magen und in Lymphknoten, zu Lymphomen.

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ZEIT: Ihre gute Nachricht lautet jedoch: die weitaus meisten dieser Krebserkrankungen lassen sich einfach durch Vorbeugen vermeiden.

zur Hausen: Ja. Beispielsweise bekämpfen Antibiotika wirksam Helicobacter und damit wohl auch Magenkrebs, Impfen beugt Hepatitis B und Leberkrebs vor und jetzt schützen auch Impfstoffe vor HPV und Gebärmutterhalskrebs.

ZEIT: Warum wird die neue Impfung gegen Papillomviren nur Frauen empfohlen, obwohl Männer genauso von Warzenviren befallen werden und sie sexuell übertragen? Ist das nicht unlogisch, wo bleibt die Partnerschaft?

zur Hausen: Vollkommen richtig. Auch ich halte es für falsch, sie wie in den USA nur für Frauen zu empfehlen. Sie wäre auch für Männer wichtig. Grund für die Situation waren Bedenken in Amerika, es lägen keine Studien für Männer vor. Wegen anderer Schleimhautverhältnisse wisse man nicht, ob die Impfung bei Männern genauso wirksam sei wie bei Frauen.

ZEIT: Stimmt das denn?

zur Hausen: Ich halte das für ein Scheinargument. Männer haben zwar keine Gebärmutter, aber die Haut des Penis dürfte sich kaum unterscheiden von jener des äußeren weiblichen Genitales, der Vulva. Die Daten der laufenden klinischen Studien belegen inzwischen, dass die Impfung nicht nur die Krebsvorstufen an der Gebärmutter, sondern auch an der Vulva verhindert.

ZEIT: Wie häufig ist Peniskrebs?

zur Hausen: Bei uns hierzulande ist sein Auftreten sehr gering. In anderen Ländern, etwa in Thailand, bei der unbeschnittenen Bevölkerung in Kenia oder in Südamerika tritt er deutlich häufiger auf. Das liegt vor allem an schlechten hygienischen Verhältnissen.

ZEIT: Plädieren sie für Studien an Männern?

zur Hausen: Ja, aber auch dafür, Männer ohne Studien zu impfen.

ZEIT: Aus Gründen der Solidarität?

zur Hausen: Absolut. Ich kann keinen Grund erkennen, warum man Männer nicht impfen soll. Wenn wir ganze Populationen impfen, könnten wir diese Viren vielleicht sogar ausrotten. Dass ich mit meiner Auffassung nicht alleine stehe, das zeigt die frisch erfolgte Zulassung des Impfstoffs für Europa. Sie gilt zwar nicht für Männer, aber immerhin in der Altersklasse 9 bis 15 Jahre geschlechtsneutral für Jugendliche. Somit dürfen auch Jungs sich impfen lassen. Es ist besonders wichtig, dass der Schutz bereits greift möglichst vor Einsetzen der sexuellen Aktivität. Das ist für die Krebsvorbeugung am besten.

ZEIT: Allerdings ist die europäische Zulassung nicht bindend für die Praxis in den Ländern. Werden die Ständige Impfkommission, die deutschen Kassen und Gesundheitspolitiker nun die gefährlichen Warzenviren mit Nachdruck bekämpfen?

zur Hausen: Das steht noch in den Sternen, ist aber sehr zu hoffen. Denn es geht um sehr viel menschliches Leid. Einige nüchterne Zahlen lassen das erahnen: So gibt es jährlich trotz intensiver Vorsorgeuntersuchungen in Deutschland 6500 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs, 2500 Frauen sterben daran. Die Dimension des Problems wird deutlich an den bei der Vorsorge entdeckten drei Vorstufen des Krebses: An den ersten beiden Vorstufen erkranken jedes Jahr etwa 400 00, an der gefährlichsten dritten 100.000 Frauen. Rund 500.000 Frauen müssen also belastende Untersuchungen, viele Ängste und oft Eingriffe durchstehen, die künftige Schwangerschaften und Entbindungen belasten können. All dies wäre vermeidbar, wir könnten möglicherweise künftig die Krankheit ausrotten wie die Pocken und die Kinderlähmung.

ZEIT: In Deutschland grassiert aber eine große Impfmüdigkeit und -skepsis. Liegt das daran, dass die meisten Menschen Krankheitsbilder wie Diphterie, Polio, Tetanus oder die von Warzenviren verursachten Krebse der Gebärmutter, Mundhöhle, , im Anal- und Genitalbereich gar nicht kennen und deshalb die Gefahr nicht einschätzen können?

zur Hausen: Unkenntnis ist gewiss ein wichtiger Aspekt des Problems. Aber es geht auch um innere Einstellungen. Ich habe kürzlich bei einem Treffen der Panamerican Health Organisation gesehen, mit welchem Einsatz man von Nord- bis Südamerika, von Alaska bis Feuerland Masern, Mumps, Röteln und Polio bekämpft hat, mit einem Riesenerfolg. Viele dieser Infektionen existieren in ganz Amerika nicht mehr. Und als Deutscher wird man misstrauisch beäugt, ob man wieder die Masern einschleppt.

ZEIT: Wieviel bezahlen die Amerikaner für die neue HPV-Impfung?

zur Hausen: Zu viel!

ZEIT: Das heißt?

zur Hausen: Sie kostet in den USA 360 Dollar für die benötigten drei Impfungen, die im Abstand von null, zwei und sechs Monaten erfolgen, dann aber relativ lange wirksam sind. Inzwischen laufen die klinischen Studien schon fünf Jahre. Sie belegen, dass der Schutz erhalten bleibt. Aus ähnlichen Erfahrungen mit der Hepatitis-B-Impfung lässt sich abschätzen, dass der Schutz noch deutlich länger halten wird. Die Impfung dürfte sich also auf mittlere Sicht auch wirtschaftlich lohnen.

ZEIT: Damit rechnen die Europäer wohl auch. Nach Angaben der Firma Sanofi Pasteur MSD, die den HPV-Impfstoff ab Mitte Oktober in Deutschland anbietet, wird er dreimal 155, also 465 Euro kosten – zwei Drittel mehr als in den USA.

zur Hausen: Das wäre haarsträubend.

ZEIT: Müsste ein hoher Preis Sie nicht erfreuen, als einer der Väter und Erfinder? Sind Sie nicht über Lizenzeinnahmen beteiligt?

zur Hausen: Nein, ich bereichere mich nicht persönlich am Impfen. Das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ ist über eine geringe Lizenzeinnahme beteiligt. Die ist gewiss nicht preisbestimmend, sondern liegt im Promillebereich.

ZEIT: Des Fabrik- oder des Apothekenpreises? Laut Sanofi kostet der Impfstoff ab Fabrik 100 Euro, in der Apotheke dann schon 155.

zur Hausen: Offen gestanden, ich weiß das nicht. Ich bin kein Unternehmer, da müssen sie nebenan im DKFZ nachfragen.

ZEIT: Dennoch hat es einen jahrelangen Rechtstreit gegeben zwischen dem DKFZ und den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA, den NIH. Warum?

zur Hausen: Wir hatten unsere Erkenntnisse und Materialien Anfang der achtziger Jahre offen weitergegeben an alle interessierten Wissenschaftler. Zunächst war unsere Entdeckung, dass Papillomviren Gebärmutterhalskrebs auslösen ja auf große Skepsis gestoßen. Auch wir hatten zuvor nach anderen Erregern gesucht. Da war es das Beste, zweifelnde Forscher unsere Befunde selbst nachprüfen zu lassen. Wir haben ihnen unsere Isolate der Viren zur Prüfung geschickt verbunden mit dem Hinweis, die Nutzung dürfe nicht kommerziellen Zwecken dienen.

ZEIT: Und da waren die Amerikaner fixer als die Deutschen und haben ein Patent angemeldet?

zur Hausen: So ungefähr, so mancher hat den Hinweis schlicht vergessen. Wir waren damals etwas naiv. Ich forschte noch an der Uni Freiburg, da achtete man noch nicht so auf Patentschutz. Vor einem Jahr hat das DKFZ den Rechtstreit bereinigt und mit den NIH einen Vergleich geschlossen. Doch unabhängig von irgendwelchen Lizenzen werde ich mich dafür einsetzen, dass der Impfstoff wesentlich billiger wird. Da muss etwas geschehen.

ZEIT: Warum, damit würden Sie ja die finanziellen Interessen des DKFZ unterlaufen?

zur Hausen: Weil ungleich Wichtigeres auf dem Spiel steht. Wir verzeichnen weltweit jährlich etwa 500.000 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs, davon 83 Prozent in der Dritten Welt. Ohne medizinische Versorgung führt er zu einem qualvollen Tod.

ZEIT: Was ist der Grund?

zur Hausen: Dieses Karzinom wächst sehr schnell, befällt auch Darm und Blase. Bald sind die Ausscheidungen blockiert, es kommt zu blutenden Durchbrüchen mit übel riechenden Infektionen. Ich habe in Kenia selbst gesehen, wie in der Verzweiflung Frauen nach zu später Bestrahlung von Strahlenschäden geplagt wurden. Es war grauenvoll. In Afrika herrschen in dieser Hinsicht teilweise katastrophale Zustände. Ich halte es für extrem wichtig, dass man mit einem billigeren Impfstoff solches Leid vermeiden kann.

ZEIT: Was geschieht konkret?

zur Hausen: Professor Gissmann zum Beispiel hier am DKFZ entwickelt gemeinsam mit amerikanischen Kollegen in Denver einen neuen, einfacheren Impfstoff, der sich leichter und billiger in Bakterien herstellen und auch einfacher reinigen lässt. Die derzeitigen Vakzine enthalten große Proteine, quasi die leeren Hüllen der Viren ohne deren Erbgut. Die neue Variante enthält nur Bestandteile dieser Hüllproteine. Erste Tests zeigen, dass sie immunologisch mindestens so wirksam sind wie die bisherigen teuren Stoffe.

ZEIT: Schützt HPV-Impfung auch vor Warzen?

zur Hausen: Ja, derzeit aber nur vor Genitalwarzen, nicht vor gewöhnlichen Hautwarzen. Die Vakzine richtet sich gegen Viren in der Schleimhaut. Die Haut oder Haarwurzeln werden von einer anderen Gruppe von Papillomviren befallen. Buchstäblich von jeder Stelle etwa des menschlichen Arms kann man mehrere solcher Virustypen isolieren.

ZEIT: Wieviele HPV-Typen gibt es überhaupt?

zur Hausen: Derzeit sind mehr als hundert verschiedene bekannt. Ich schätze jedoch, dass es tatsächlich mehr als doppelt so viele sein dürften.

ZEIT: Wo so viele noch unbekannte Erreger lauern, könnte da der Anteil infektionsbedingter Krebserkrankungen noch deutlich höher sein als die von Ihnen eingangs genannten 20 Prozent?

zur Hausen: Die 20 Prozent sind meines Erachtens nur eine Untergrenze. Noch vor 30 Jahren wurde die Idee, dass Infektionen Krebs auslösen, überwiegend belächelt. Inzwischen ist dies allgemein akzeptiert. Im vergangenen Jahr gab es den Nobelpreis für die Entdeckung und Bekämpfung von Helicobacter pylori als Verursacher von Magengeschwüren. Ich hoffe, dass die deutschen Gynäkologen nach langem, von manchen erbittert geleistetem Widerstand gegen den Befund, dass HPV Zervixkarzinome auslöst, nun mitziehen beim Impfen.

ZEIT: Warum gab es diese Auseinandersetzungen?

zur Hausen: Das lag zum Teil an Personen und an unserer Kultur, in den USA hat sich die Erkenntnis wesentlich rascher ausgebreitet als bei uns. Die Papillomviren passten nicht in das Bild konventioneller Erreger, die sich gemäss den Koch’schen Postulaten in Reinkultur isolieren lassen und in geeigneten Versuchstieren ein analoges Krankheitsbild auslösen sollten. In den meisten Fällen verläuft die Infektion eben harmlos und führt nicht zu Krebs. Zum Glück, denn die weitaus meisten Menschen infizieren sich im Lauf ihres Lebens mit Papillomviren.

ZEIT: Was muss denn hinzukommen, damit Krebs entsteht?

zur Hausen: Es müssen mehrere Faktoren erfüllt sein, deshalb dauert es meist auch zwei bis drei Jahrzehnte bis zum Einsetzen der bösartigen Wucherungen. So wirkt Rauchen begünstigend, oder das Kauen von Bethel-Nüssen kann Mundhöhlenkrebs begünstigen. In der Zelle müssen bestimmte Gene an- oder ausgeschaltet werden. Mit der Entdeckung von Genen, die in der Zelle Krebs auslösen oder unterdrücken können oder sie in die Selbstzerstörung treiben können, glaubte man molekularbiologisch das gesamte Krebsgeschehen erklären zu können. Da störte die Idee nur, dass auch noch Viren daran beteiligt sein könnten. Bis heute sind die Prozesse noch nicht in allen Details verstanden. Deshalb war es auch ein hartes Stück Überzeugungsarbeit, bis Firmen bereit waren, einen Impfstoff zu entwickeln.

ZEIT: Gab es auch da Widerstände?

zur Hausen: Oh ja. Ich habe damals beispielsweise versucht, die traditionsreichen Marburger Behring­werke davon zu überzeugen. Sie haben auch zeitweise unsere Forschung unterstützt, mir dann aber mitgeteilt, dass sie Wichtigeres zu tun hätten als einen HPV-Impfstoff zu entwickeln.

ZEIT: Haben dann die Amerikaner die Idee aufgegriffen?

zur Hausen: Ja, Merck und MedImmun, letztere verkaufte die Papillomvirus-Vakzine an Glaxo-Smith-Kline, die bald einen zweiten Impfstoff namens Cervarix auf den Markt bringen wollen.

ZEIT: Inzwischen wurden Sie mehrfach für den Nobelpreis nominiert. Was würden Sie tun, falls er Ihnen zugesprochen wird?

zur Hausen: Darüber will ich nicht spekulieren.

ZEIT: Aber Sie haben doch gewiss Zukunftspläne?

zur Hausen: Klar. Ich habe zu viele Festvorträge über Papillomviren gehalten und freue mich darauf, wieder mehr forschen zu können.

ZEIT: Was treibt Sie diesmal um?

zur Hausen: Wir arbeiten hier an einer Hypothese, dass bestimmte Viren wie die TT-Viren, die nach den Initialen eines japanischen Patienten benannt wurden, in der Zelle Umlagerungen von Erbgut, den Chromosomen verursachen können und dadurch möglicherweise Krebs auslösen. Wenn solche Chromosomenumlagerungen stattfinden, dann wäre die Rate der infektionsbedingten Krebserkrankungen noch wesentlich höher als bisher angenommen. Auf dieser Basis könnten zum Beispiel kindliche Leukämien ausgelöst werden. Beispielsweise die rätselhaften Häufungen von Blutkrebs um das Kernkraftwerk Krümmel, die manche Kernkraftgegner erhöhter Strahlung zuordnen, wofür es aber trotz aufwändiger Suche keine Hinweise gibt.

ZEIT: Sie schreiben in Ihrem Buch, Sie hätten Ihre Familie deswegen vernachlässigt. Wird ein solches Riesenforschungsprojekt das Problem nicht verschärfen?

zur Hausen: Nein, meine Frau Ethel-Michele de Villiers leitet eine Forschungsabteilung hier am DKFZ und arbeitet intensiv an Projekten der Virus-bedingten Krebsforschung. Und meine mittlerweile 13jährige Enkelin scheint sich bereits für das Labor zu begeistern. Die Vernachlässigung war im Wesentlichen eine Folge des Buchschreibens.

Das Gespräch führte Hans Schuh

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Leser-Kommentare
    • keox
    • 29.10.2006 um 18:04 Uhr
    1. viren

    "Mit der Entdeckung von Genen, die in der Zelle Krebs auslösen oder unterdrücken können oder sie in die Selbstzerstörung treiben können, glaubte man molekularbiologisch das gesamte Krebsgeschehen erklären zu können. Da störte die Idee nur, dass auch noch Viren daran beteiligt sein könnten."

    merkwürdig. viren tun doch auch nix anderes.

  1. Im Artikel wird immer nur von der Impfung von Mädchen gesprochen. Wie sieht es bei Frauen über 26 Jahren aus? Empfiehlt sich da eine Impfung? Vielleicht kann jemand weiterhelfen.

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