Mein Leben mit Musik (42) Ich entziffre Komponisten

Punktwolken bringen Schwung in die Oper! Unseren Autor, Notensetzer, lassen sie verzweifeln: Sein Computer verdaut die Moderne nicht. – Erfahrungen aus dem tönenden Alltag

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Mein Auge hat sich festgebissen an einem einzelnen Takt. Versucht, unleserliche, bleistiftschwache Notenhälse von Glissando-Linien zu unterscheiden, herauszufinden, ob das Strichlein nun ein Balken oder einen Bogen darstellen soll. Heute vormittag war das Auge noch entspannt, glitt munter über die Takte hinweg, da war die Materie auch eine andere. Da ging es um den Klavierauszug einer Oper von Antonio Salieri, Mozart-Zeitgenosse, ein amüsantes Buffa-Stück. Jetzt ist wieder Adama an der Reihe: Auch das eine Oper, aber eine zeitgenössische, anspruchsvollste grafische Notation, die Komponistin, Chaya Czernowin, ist ambitioniert und erprobt sich gerne in neuen Spieltechniken. Jetzt ist wieder der Zeitpunkt gekommen, an dem ich Musik hasse – oder jedenfalls das, was Komponisten so mit leichter Hand aufs Papier bringen. Und dabei nie an mich denken.

Ich bin nämlich Notensetzer, ich bringe das Handschriftliche der Komponisten in eine druckfähige Form. Früher, noch vor rund zwanzig Jahren, war der Notensatz ein Handwerk: Da wurden die Notenköpfe, die Fähnchen, die Schlüssel und Vorzeichen mit Hämmerchen in weiche Metallplatten gestochen, spiegelverkehrt, eine große Kunst. Mittlerweile kommen die Noten aus dem Computer, Notensatzprogramme sollen ein möglichst gestochen wirkendes Notenbild liefern. Und das tun sie auch, wenn man sie richtig bedient, wenn man ein Auge hat für Balkenwinkel, für harmonisch wirkende Abstände und organisch geführte Bögen. Dieses Auge aber, es erlahmt recht oft, wenn es um Zeitgenössisches geht. Denn alle auf dem Markt befindlichen Notensatzprogramme – lediglich zwei bis drei genügen professionellen Ansprüchen – sind auf traditionelle Notationen zugeschnitten. Mit Partituren experimenteller Art sind sie überfordert. Und darum werden diese meist von Kopisten in Form gebracht, handschriftlich. Adama jetzt ist leider eine Ausnahme.

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Vor elf Jahren habe ich mich mit einem Kollegen, den ich beim Studium der Musikwissenschaften kennengelernt hatte, zu einer kleinen Notensatzfirma zusammengetan. Seitdem arbeiten wir für Musikverlage, seltener auch für Endverbraucher. Wir setzen Notenbeispiele für wissenschaftliche Veröffentlichungen und Schulwerke für Kinder. Eine Wahlkampf-Hymne für die SPD war ebenso dabei wie ein Elmex-Zahnputzlied oder Miniaturnoten für marschierende Kapellen, ja selbst ein Stück Techno sollte mal in Notenform gebracht werden.

Ganze Opern mit dem kompletten Stimmenmaterial für alle Orchestermusiker sind dann Großprojekte, an denen man mehrere Monate sitzt. Schön, mal einen Klassiker wie Beethovens Fidelio gemacht zu haben oder jene vor wenigen Monaten erst wiederentdeckte Arie Bachs – da hat man als Setzer die Musik vor Augen, noch bevor sie zum ersten Mal im Konzertsaal erklingt. Oder vor Ohren, denn mein Mac-Computer spielt einem die Werke auch ganz anständig vor.

Wie Adama klingt, hätte man bei den diesjährigen Salzburger Festspielen hören können, die Uraufführung nutzte unser Material. Der Klavierauszug, also sozusagen die Komprimierung der Partitur auf zehn Finger, ist gerade in Arbeit – und damit das Anspruchsvollste, was ich als Notensetzer je auf den Bildschirm gebracht habe.

Ein Klavierstück von Helmut Lachenmann, vor fünf Jahren der Tastatur abgetrotzt, galt mir bislang als der Gipfel der Kompliziertheit, mit eigens entworfenen, halb schwarzen, halb weißen Notenköpfen. Aus Termingründen – stets ein Thema, wenn es um Neue Musik und anstehende Uraufführungen geht – schickte mir der Komponist seine Korrekturen per Fax, damals noch Rollpapier, viele laufende Meter, ich hätte die Wohnung tapezieren können mit Lachenmann.

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