Bekleidung An uns und an sich
Von den Textilien, der Mode, ihrer Wirtschaft und Kultur. Eine Rede zum 60. Geburtstag der Zeitschrift "Textilwirtschaft".
Wovon, so mögen Sie sich zu Recht fragen, soll, kann und darf ein Journalist, der ein paar Jahre in der Politik dilettierte, zu Frauen und Männern reden, deren Beruf es ist, zuzudecken, was vor Wind und Wetter schützt, vor Nacktheit und ganz anderen Blößen? Als mich Rolf Griesebach, Geschäftsführer im Verlag der Textilwirtschaft , bat, eine kleine Festrede zu halten, mag er sich eine soziokulturelle Exkursion in die Formgeschichte des mitteleuropäischen Hemdkragens vorgestellt haben. Er tritt erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Erscheinung. Auch wollte er wohl etwas hören von den Folgen der Globalisierung in der Textilwirtschaft. Dazu werde ich kommen, etwas später, genauer gesagt: wie alle Globalisierung in der Kulturgeschichte am Ende.
Zuerst einmal aber darf ich mich mit verspätetem Stolz vorstellen als Retter des deutschen Konfektionshandels.
Das wird Sie genau so erstaunen, wie es mich selbst erstaunt hat, seinerzeit, als der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine, der zweifellos einen erstklassigen Schneider beschäftigt wie notgedrungen auch Helmut Kohl oder Joschka Fischer, von Gerhard Schröder ganz zu schweigen als Oskar Lafontaine also den Haushalt für das Jahr 2000 im Kabinett präsentierte. Ganz nebenbei wollte er die Teilwertabschreibung abschaffen; man erhoffte sich in seinem Ministerium eine Einmaleinnahme von mehr als sechs Milliarden Euro. Natürlich wusste niemand in der illustren Runde, was eine Teilwertabschreibung ist. Am wenigstens wusste es der Finanzminister. Er war und bleibt ein begnadeter Generalist.
"Die Eitelkeit des Menschen ist in letzter Instanz Ihr schönes Geschäft."
Politische Generäle schicken Paragraphen an die Front. Die Gefallenen zählt man bei der nächsten Wahl. Die Möglichkeit der Teilwertabschreibung hält von 4000 deutschen Buchhandlungen ungefähr 2000 über Wasser, das war mir damals genau so bekannt wie Rolf Griesebach. Dass aber auch ungezählte Boutiquen und Kleidergeschäfte diese Steuererleichterung nutzen, das wusste ich nicht. Sie sind dem Wechsel der Moden genauso unterworfen wie die Buchhändler dem wechselnden literarischen Geschmack des Publikums. Die Lagerhaltung unverkäuflicher Klassiker gehört zum Geschäft des Buchhandels. Er darf Bestände im Voraus abschreiben. Den steuerlich gewürdigten Sprung ins Moderisiko kennt auch die Textilwirtschaft. Für den Buchhändler an sich intervenierte ich zum Erstaunen der Kabinettskollegen. Der Kanzler sprach an jenem fernen Mittwochmorgen ein Machtwort, seine Spezialität. Die Teilwertabschreibung blieb erhalten. Der nächste Mode- und Bücherherbst konnte kommen. Der Finanzminister ging schon im Frühling, wenn auch aus anderen Gründen.
Eitelkeit mögen Sie mir nun vorwerfen, aber die Eitelkeit des Menschen ist in letzter Instanz Ihr schönes Geschäft. Wollte ich Sie fragen, wie es denn so läuft, würden Sie mir wie der seit Jahrzehnten wachsende Verlagsbuchhandel die Antwort geben, die ich schon kenne. Schlecht, aber eigentlich auch gut. Denn kein anderer deutscher Industriezweig kann von sich mit gleichem Recht behaupten, ein durch und durch dialektischer zu sein. Er lebt, sofern es sich um Bekleidungen handelt, von den Geschmacksvorgaben des Publikums und dieses wiederum kleidet sich nach den Mode- und Textilvorgaben der Industrie. Wäre dies nicht so, lägen die Kürschner noch vorzüglich im Geschäft. In Berlin soll es noch einen geben. Man geht nicht mehr im Bärenfell auf die Straße.
Diese seltsame dialektische Beziehung, das heißt die soziologisch schwer erklärbare Tatsache, dass sich Reversgrößen und Rocklängen, Hemdfarben und Accessoires einem unsichtbaren Dirigenten folgend, in langsamen Auf- und Abschwüngen bewegend, massenhaft durchsetzen und wieder verschwinden diese seltsame Beziehung zwischen Textilproduktion und Textilkonsumtion nennen wir Mode. Vielleicht ist sie auch das Geheimnis der westlichen Weltgeschichte. Von der Mode leben Millionen und für sie leben Milliarden. Sie umschließt ein Menschheitsrätsel: Wie, um es auf den Punkt zu bringen, wie erklärt sich der Sachverhalt, dass sich in den frühen neunziger Jahren die umgekehrt getragene Baselballkappe gleichzeitig in nordchinesischen Dörfern mit derselben Geschwindigkeit durchsetzte wie in New Yorks Problemviertel, in der Bronx? Wo lag der so genannte "Tipping Point", der magische Augenblick, zu dem sich diese Manier zur globalen Mode mauserte? War es ein Film, eine Fernsehserie, oder gibt es ein modisches Pendant zur Grippe? Hat die massenhaft billige Produktion der Kappen sie durchgesetzt oder war es ihre massenhafte Konsumtion? Und warum, bitte, musste der Kappenschirm im Nacken getragen werden? Darüber, also über die globale Kultur- und Modeexpansion, wollen wir später nachdenken.
Die materiellen Kulturwissenschaftler gehen davon aus, dass die Kleider der Menschheit immer schon ein Instrument für den Aufbau sozialer Beziehungen darstellten, dass Geschlechterrollen und gesellschaftliche Hierarchien, Berufe und Repräsentationszwänge die Menschen von jeher zu Nadel und Faden greifen ließen. Die Geschichte, so behaupten die Gelehrten also, ist ein ziemlich unsortierter Kleiderschrank, in den sie Ordnung bringen wollen. Dafür steht zum Beispiel das Germanische Museum in Nürnberg mit seiner opulenten, nach dem Krieg wiederaufgebauten Textilsammlung oder das 2002 eröffnete Modemuseum in Antwerpen. Und wünschte man sich nicht, dass Adolf Hitler in diesem Schrank der Geschichte nur Lederhosen, nichts als Lederhosen gefunden hätte? Er wäre über die Isar nicht hinaus gekommen. Oder, in der vierfach verschlungenen Sprache der Kulturanthropologie: "Der bekleidete Körper erzeugt unweigerlich ein Bild für sich und für andere. Diese Darstellungsweise trägt zur Konstruktion des Selbst bei und macht dadurch den Körper kulturell kommunizierbar." Übersetzt heißt dies: Jeder zeigt sich selbst in seiner Kleidung den anderen; sie ist ein Ausdruck seiner Entscheidungsfreiheit, seines Mutes zur eigenen Identität aber auch seines Bekenntnisses zur unvermeidlichen Tatsache, nicht allein zu sein.
- Datum 27.10.2006 - 03:35 Uhr
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