Bekleidung An uns und an sich

Von den Textilien, der Mode, ihrer Wirtschaft und Kultur. Eine Rede zum 60. Geburtstag der Zeitschrift "Textilwirtschaft".

Wovon, so mögen Sie sich zu Recht fragen, soll, kann und darf ein Journalist, der ein paar Jahre in der Politik dilettierte, zu Frauen und Männern reden, deren Beruf es ist, zuzudecken, was vor Wind und Wetter schützt, vor Nacktheit und ganz anderen Blößen? Als mich Rolf Griesebach, Geschäftsführer im Verlag der Textilwirtschaft , bat, eine kleine Festrede zu halten, mag er sich eine soziokulturelle Exkursion in die Formgeschichte des mitteleuropäischen Hemdkragens vorgestellt haben. Er tritt erst Anfang des 19. Jahrhunderts in Erscheinung. Auch wollte er wohl etwas hören von den Folgen der Globalisierung in der Textilwirtschaft. Dazu werde ich kommen, etwas später, genauer gesagt: wie alle Globalisierung in der Kulturgeschichte – am Ende.

Zuerst einmal aber darf ich mich mit verspätetem Stolz vorstellen als Retter des deutschen Konfektionshandels.

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Das wird Sie genau so erstaunen, wie es mich selbst erstaunt hat, seinerzeit, als der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine, der zweifellos einen erstklassigen Schneider beschäftigt – wie notgedrungen auch Helmut Kohl oder Joschka Fischer, von Gerhard Schröder ganz zu schweigen – als Oskar Lafontaine also den Haushalt für das Jahr 2000 im Kabinett präsentierte. Ganz nebenbei wollte er die Teilwertabschreibung abschaffen; man erhoffte sich in seinem Ministerium eine Einmaleinnahme von mehr als sechs Milliarden Euro. Natürlich wusste niemand in der illustren Runde, was eine Teilwertabschreibung ist. Am wenigstens wusste es der Finanzminister. Er war und bleibt ein begnadeter Generalist.

"Die Eitelkeit des Menschen ist – in letzter Instanz – Ihr schönes Geschäft."

"Die Eitelkeit des Menschen ist – in letzter Instanz – Ihr schönes Geschäft."

Politische Generäle schicken Paragraphen an die Front. Die Gefallenen zählt man bei der nächsten Wahl. Die Möglichkeit der Teilwertabschreibung hält von 4000 deutschen Buchhandlungen ungefähr 2000 über Wasser, das war mir damals genau so bekannt wie Rolf Griesebach. Dass aber auch ungezählte Boutiquen und Kleidergeschäfte diese Steuererleichterung nutzen, das wusste ich nicht. Sie sind dem Wechsel der Moden genauso unterworfen wie die Buchhändler dem wechselnden literarischen Geschmack des Publikums. Die Lagerhaltung unverkäuflicher Klassiker gehört zum Geschäft des Buchhandels. Er darf Bestände im Voraus abschreiben. Den steuerlich gewürdigten Sprung ins Moderisiko kennt auch die Textilwirtschaft. Für den Buchhändler an sich intervenierte ich zum Erstaunen der Kabinettskollegen. Der Kanzler sprach an jenem fernen Mittwochmorgen ein Machtwort, seine Spezialität. Die Teilwertabschreibung blieb erhalten. Der nächste Mode- und Bücherherbst konnte kommen. Der Finanzminister ging schon im Frühling, wenn auch aus anderen Gründen.

Eitelkeit mögen Sie mir nun vorwerfen, aber die Eitelkeit des Menschen ist – in letzter Instanz – Ihr schönes Geschäft. Wollte ich Sie fragen, wie es denn so läuft, würden Sie mir wie der seit Jahrzehnten wachsende Verlagsbuchhandel die Antwort geben, die ich schon kenne. Schlecht, aber eigentlich auch gut. Denn kein anderer deutscher Industriezweig kann von sich mit gleichem Recht behaupten, ein durch und durch dialektischer zu sein. Er lebt, sofern es sich um Bekleidungen handelt, von den Geschmacksvorgaben des Publikums – und dieses wiederum kleidet sich nach den Mode- und Textilvorgaben der Industrie. Wäre dies nicht so, lägen die Kürschner noch vorzüglich im Geschäft. In Berlin soll es noch einen geben. Man geht nicht mehr im Bärenfell auf die Straße.

Diese seltsame dialektische Beziehung, das heißt die soziologisch schwer erklärbare Tatsache, dass sich Reversgrößen und Rocklängen, Hemdfarben und Accessoires einem unsichtbaren Dirigenten folgend, in langsamen Auf- und Abschwüngen bewegend, massenhaft durchsetzen und wieder verschwinden – diese seltsame Beziehung zwischen Textilproduktion und Textilkonsumtion nennen wir Mode. Vielleicht ist sie auch das Geheimnis der westlichen Weltgeschichte. Von der Mode leben Millionen und für sie leben Milliarden. Sie umschließt ein Menschheitsrätsel: Wie, um es auf den Punkt zu bringen, wie erklärt sich der Sachverhalt, dass sich in den frühen neunziger Jahren die umgekehrt getragene Baselballkappe gleichzeitig in nordchinesischen Dörfern mit derselben Geschwindigkeit durchsetzte wie in New Yorks Problemviertel, in der Bronx? Wo lag der so genannte "Tipping Point", der magische Augenblick, zu dem sich diese Manier zur globalen Mode mauserte? War es ein Film, eine Fernsehserie, oder gibt es ein modisches Pendant zur Grippe? Hat die massenhaft billige Produktion der Kappen sie durchgesetzt – oder war es ihre massenhafte Konsumtion? Und warum, bitte, musste der Kappenschirm im Nacken getragen werden? Darüber, also über die globale Kultur- und Modeexpansion, wollen wir später nachdenken.

Die materiellen Kulturwissenschaftler gehen davon aus, dass die Kleider der Menschheit immer schon ein Instrument für den Aufbau sozialer Beziehungen darstellten, dass Geschlechterrollen und gesellschaftliche Hierarchien, Berufe und Repräsentationszwänge die Menschen von jeher zu Nadel und Faden greifen ließen. Die Geschichte, so behaupten die Gelehrten also, ist ein ziemlich unsortierter Kleiderschrank, in den sie Ordnung bringen wollen. Dafür steht zum Beispiel das Germanische Museum in Nürnberg mit seiner opulenten, nach dem Krieg wiederaufgebauten Textilsammlung oder das 2002 eröffnete Modemuseum in Antwerpen. Und wünschte man sich nicht, dass Adolf Hitler in diesem Schrank der Geschichte nur Lederhosen, nichts als Lederhosen gefunden hätte? Er wäre über die Isar nicht hinaus gekommen. Oder, in der vierfach verschlungenen Sprache der Kulturanthropologie: "Der bekleidete Körper erzeugt unweigerlich ein Bild für sich und für andere. Diese Darstellungsweise trägt zur Konstruktion des Selbst bei und macht dadurch den Körper kulturell kommunizierbar." Übersetzt heißt dies: Jeder zeigt sich selbst in seiner Kleidung den anderen; sie ist ein Ausdruck seiner Entscheidungsfreiheit, seines Mutes zur eigenen Identität – aber auch seines Bekenntnisses zur unvermeidlichen Tatsache, nicht allein zu sein.

Im modernen Kampf zwischen der Freiheit des Individuums und dem sozialen Diktat der Gleichheit soll die Mode vermittelnd eingreifen, und manchmal geht das schief. Heute wissen wir: Die Abschaffung des modisch konstruierten Selbst war von jeher die Hoffnung totalitären Denkens: Die agrarrevolutionären "Levellers", einer religiös-politischen Sekte des 17. Jahrhunderts in England, wollten die erlöste Menschheit im Namen der Gleichheit ganz in Weiß kleiden.

Der französische Utopist Saint-Simon wiederum stellte sich vor, dass in seiner Idealgesellschaft jedermann seine Kleidung auf dem Rücken zuknöpfen lassen musste, so dass er stets daran erinnert werde, nicht allein auf der Welt zu leben. Und in der Tat mussten die schwarzen Arbeiter des südafrikanischen Goldminenkonzerns Anglo-American, die im Münzbereich tätig waren, weiße Arbeitsanzüge tragen, die nur von hinten geöffnet werden konnten – allerdings nicht aus utopischen Gründen, sondern zur Minimierung des Golddiebstahls am Arbeitsplatz. Über ihnen thronte auf einem Schiedsrichterstuhl des örtlichen Tennisvereins von Prätoria ein Aufpasser; er war weiß, trug aber einen schwarzen Anzug.

Revolution und Mode sind untrennbare Begriffe – seit der richtigen Revolution von 1789. Die Sansculloten im hoch eleganten Paris machten auf sich selbst aufmerksam mit groben, lose sitzenden Hosen bäuerlichen Ursprungs. Sie sollten die Idee des einfachen Volkes verkörpern, und ihre Nachfahren, die Blue Jeans Kaliforniens, haben die Idee der praktischen Schlichtkleidung zur globalen Realität erhoben. Dass sie auch die Dienstkleidung der 68er Generation waren, ist fast vergessen. Die Hosen der Sansculotten jedenfalls hatten einen unbedingt politischen Charakter, der auch unter revolutionär gestimmten irischen Aristokraten kurzfristig Aufsehen erregten – man demonstrierte in Kutschfahrten durch Dublin gegen die englische Herrschaft, in Sackleinen gewandet, mit Jakobinermütze (und beließ es dabei).

Heute, nach Jahrzehnten totalitärer Herrschaft, wissen wir eines ziemlich genau: Wenn erst einmal nach gewonnener politischer Schlacht das eigenwillige Selbst, das subjektiv empfindende freie Individuum der politisierten Mode einer neuen, zentral gesteuerten Massengesellschaft im Wege steht, verschwindet das Selbst in der amtlich diktierten Mao-Uniform, im blauen Einheitsdress – oder in der braunen SA-Uniform. Die Folgen sind schrecklich. Dabei wären sie in der Sprache schon absehbar gewesen.

Denn die Revolutionsrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts behauptete, dass es vor allem darum ginge, mit dem Anarchisten Kropotkin gesprochen, den "Geschichtsfaden" zu kappen, also den Kleiderschrank zuzuknallen, völlig neu anzufangen, ohne zu ahnen, in welcher Schneider-Metapher sie sich verstrickte.

Eines steht jedenfalls fest: Moderne Gesellschaften definieren sich in Sprache, Gesetz, in Religion – und in Mode. Der Kopftuchstreit – noch in den 50er Jahren war das Kopftuch im bäuerlichen Deutschland de rigeur - , der heute wie eine epochenversetzte Religionsdebatte einherkommt, ist nichts weniger als ein Mode- und Identitätsstreit der Bundesrepublik. Wer sind wir? Wie ertragen wir die anderen? Und sind die anderen nicht ein Teil von uns? Seit wann können Richter Moden bestimmen? Sie tun es jedenfalls. Doch wie und warum Moden sich durchsetzen, bleibt so rätselhaft wie jene muslimischen Frauen, die unter der Burka dem männlichen Blick entzogen bleiben.

Doch ehe wir ins Reich der Spekulation abgleiten – für jeden Journalisten ein freudig getragenes Berufsrisiko – ein paar Zahlen, die diesen Laien zumindest erstaunten: "Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch an Bekleidungstextilien liegt in der Bundesrepublik Deutschland bei ca. 10.5 Kilogramm." Jährlich werden hierzulande 870.000 Tonnen Kleidung verbraucht, von denen ca. 580.000 Tonnen recycelt werden. Diese Zahlen entnehme ich einem Aufsatz über die Textil- und Modeindustrie von Anne-Marie Grundmeier. Von ihr lernen wir, dass nur 30 Prozent der Textilproduktion in Deutschland zur Weiterverarbeitung im Bekleidungsbereich verbraucht werden; weitere 30 Prozent entfallen auf Heim- und Haustextilien. Der Rest, also 40 Prozent, "sind so genannte technische Textilien, denen die größten Wachstumschancen eingeräumt werden."

Die ökologischen und demnächst wahrscheinlich auch medizinischen Probleme der modernen Textilindustrie sind durch neue Verordnungen und Empfehlungen aus Brüssel in das Licht öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt – jedenfalls für diejenigen, die nicht in den 50er Jahren in der Textilstadt Wuppertal gelebt haben, in jener von Goethe so genannten "Sektenschlucht", in der sich die Farbe des Flusses von Tag zu Tag ändern konnte – von dunkelrot bis azurblau, je nach Auftragseingang in der damals noch blühenden Industriestadt. In ihr lebte einst der junge Textilfabrikanten-Sohn Friedrich Engels, von dem ein Gedicht überliefert ist: "Oh Jesus Christus, Gottes Sohn, komm herab von deinem Thron – und rette meine Seele." Kurz darauf zog seine Weberei nach Engelskirchen um – dort war Kinderarbeit, anders als im preußischen Barmen und Elberfeld, wie später dann in Manchester erlaubt: Ein früher Fall von menschenverachtender Arbeitsplatzverlagerung aufgrund niedrigerer Lohnkosten. Kein Wort darüber in Engels Briefen an Karl Marx.

Bestürzend ist heute der Rückgang der Beschäftigtenzahl in der eigentlichen Bekleidungsindustrie; 45.000 waren es im Jahr 2004, mehr als acht Prozent unter dem Vorjahr – und inzwischen werden es wohl noch weniger sein. Vielleicht werden die deutschen Arbeitnehmer in den nächsten Jahren gänzlich ersetzt von so genannten tariffreien Chinesen – wie in Norditalien, wo mehr als 10.000 von ihnen bereits beim Zuschneiden und Nähen von Hemden und Anzügen beschäftigt sein sollen. Wer von uns Älteren erinnert sich heute nicht täglich an die apokalyptische Warnung Kurt Georg Kiesingers, der 1970 durch die Wahlkampfarenen des Landes mit den Worten zog: "Ich sage nur China, China, China...."? "Auch bei uns in Unterpaffenhofen?" rief damals ein frecher Juso in den Saal. Heute wissen wir, allgemein gesprochen: "Auch bei uns in Unterpfaffenhofen".

Umgekehrt läuft die Globalisierung freilich auch nicht schlecht für die Deutschen. Im Export von Kunststoff-Faser-Produktionsanlagen führen die Deutschen mit weitem Abstand; Exportweltmeister war Deutschland noch 1998 bei Textilien – bis die Produktionsanlagen in Windeseile ins Ausland abwanderten, nicht wenige Richtung China, wo heute über 25.000 Textil- und Kleidungsbetriebe arbeiten. Wie auch immer - weltweit beschäftigen die Deutschen rund 450.000 Menschen in der Textil- und Bekleidungsindustrie, ein Drittel davon im Inland.

Jährlich werden in der Textilveredlung, so das Jahrbuch für Textil, Bekleidung und Handel (2004), 204.000 Tonnen Chemikalien, 102.000 Tonnen Hilfsmittel und 13.000 Tonnen Farbstoff verwendet. Dass in naher Zukunft womöglich Antibiotika zwecks Schweißdämpfung in die Kleider Einzug halten können, bestürzt manche Ärzte, zumal die Dermatologen: Eine keimfreie, sich selbst reinigende Bekleidungsumwelt führt zu immunologischen Schwächen, ganz abgesehen vom Abbau menschlichen Geruchs, der, so wissen wir spätestens seit Patrick Süskinds Roman "Parfüm", zu fatalen Folgen führen kann.

Dass so genannte "intelligente Textilien" mit eingebautem Geruchsschutz, wasserdicht und atmungsaktiv, ausgestattet mit MP3-Player im Kragen plus Bluetooth-Modul im elektrisch leitfähigen Unterfutter, Mikrophon in der Kragenjacke und GPS-Empfänger im Knopfloch schon in den nächsten Tagen in die Geschäfte drängen werden, wird niemanden mehr überraschen, außer die Telekom. "Wearable Electronics" heißt der Trend – demnächst werden nahtlochlose, verklebte Anzüge sich selbst unterhalten können über die Vorteile von 3D-Bodyscannern, die mit ihrer Körpervermessungstechnologie den Pseudo-Maßanzug möglich machen, am bestens aus re-zykliertem Polyethylenerephthalat (PET), hergestellt aus aufgeschmolzenen Plastik-Getränkeflaschen, was dem alten Werbespruch "Ich war eine Dose" zu neuem Glanz verhelfen könnte: "Ich war ein Joghurtbecher" stimmt ja bereits für die zeitgenössische Yachtbau-Industrie.

Die Skepsis, meine Damen und Herren, die Sie hier zu Recht vermuten, ist freilich nicht einer modischen Technikfeindlichkeit geschuldet, sondern strömt in alle Reflexion über die Textilwirtschaft ganz ungerechterweise aus den jahrelangen Leser-, besser, Blätter-Erlebnissen mit den zeitgenössischen Mode-Journalen der höheren Einkommensklasse: Sie gestatten einen Einblick in die absolut selbstverliebte, selbst-reflexive Welt einer Bild-Ästhetik, deren parfümierte Opulenz nur äußerlich wirkt wie erotisierte Dekadenz, die in Wirklichkeit aber bar allen Raffinements ihr bauchnabelfreies Gegenteil darstellt. Sie erzeugt nicht neugierige Konsumfreude, was wohl ihr eigentlicher Zweck sein sollte, sondern die Ahnung von einer desorientierten Bekleidungsindustrie der feineren Art, in der nichts mehr stimmt außer der ziemlich dauerhaften Modefarbe schwarz. In schwarzen Tüchern gehen wir zur Beerdigung.

Die normale Modeberichterstattung stammt nicht selten aus demselben Nirwana einer geschlossenen Welt. Wie sonst sollte ich die Bildunterschrift einer Modebeilage vom 23. September in einer großen Tageszeitung deuten? "Wuchtiger Pelzkragen und brave Mütze: Der neue Mann setzt im Winter seine Gratwanderung zwischen Bestie und Bubi fort"? Der so genannte neue Mann ist aber nur das alte androgyne Wesen, das inzwischen die Laufstege beherrscht und im wahren Leben so selten ist wie eine Damenhandtasche, in die alles, wirklich alles passt. Auch sie, nebenbei bemerkt, ist so rätselhaft wie die Gesundheitsreform: Was hinein geht, kommt nicht wieder heraus, wenn man es braucht.

Wer aber ist die Bestie namens Bubi? Wir sehen ein männliches, achtzehn bis zwanzigjähriges Model, dessen Gesichtsausdruck an verbrannten Griesbrei erinnert: Der Schmollmund markiert Bubi, sein zielloser Blick erinnert freilich weniger an eine Bestie als an einen Berliner Taxifahrer, der gerade zur Kenntnis nimmt, dass es drei Goethestraßen in der Hauptstadt gibt. Das Ganz steckt in einem Mantel, der drei Nummern zu groß ist. Der immens breiten Silberfuchskragen (oder ist es Silberfuchs-PET?) könnte seine Neujahrsdienste an Stelle des Tigerfells in "Dinner for One" leisten. Wenn ich zugleich in der "Textilwirtschaft" im Juni 2006 lese: "Schlichte Zeiten. Der junge Markt setzt auf einen cleanen Look", dann fällt mir nur Franz Beckenbauers Allzweck-Vokabel ein: Sauber! Oder – "schaun wir mal".

Meine Damen und Herren, ehe ich mich den ernsthaften Fragen der Mode-Anthropologie zuwende, und mit ihr den anfangs erörterten Problemen der Globalisierung bzw. der Weltkleiderordnung, gestatten Sie mir, meinen Vorurteilen Raum zu geben angesichts der Anzeigenpassagen, die in diesen Tagen wie schon seit einigen Jahren ein Frauenbild konstruieren, das geprägt ist durch Anorexie und – überraschenderweise – den Bauchnabel an und für sich. Noch in den 50er Jahren hatte der deutsche Emigrant in Kalifornien Ludwig (nicht Herbert!) Marcuse behauptet, dass eine ganze Generation junger amerikanischer Männer dank <em>Playboy</em> in der Annahme aufwachse, dass Frauen in der Mitte des Körpers Heftklammern hätten. Heute wissen sie: Es sind Bauchnabel. Genauer gesagt: Postmoderne Bauchnabel. Schauen wir auf Ralph Laurens Model aus der Serie "Blue Label": Der Duster, fellgefüttert, fällt über Wildlederjeans mit Indianergürtel. Die Dame, für schwere Wetter gerüstet, trägt eine plissierte Dirndlbluse, und zwischen der Bluse und der Hose – Bauchnabel. Der allerdings ist im Zuge einer Keuschheitskampagne der amerikanischen Christen wegretuschiert worden. So hat man sich die biblische Eva vorzustellen. Die Stiefel stammen von Winnetou.

Nächste Seite, wir blättern in <em>Elle</em>: Eine Chinesin, ohne Bauchnabel, hat das Depot der Sowjetarmee geplündert und präsentiert sich im fahlen Licht als Repräsentantin von Miu Miu. Dass der Military-Look nun schon seit zweihundert Jahren in Wirklichkeit Männer- wie Frauenmode heimlich definiert, wissen wir: Der Krieg ist seit der Erfindung der Webmaschine der Vater aller Moden. Weiter: Jill Sander. Ein Mantel aus der Palette des Surrealisten Magritte, das Model muss eine Schwester von Bubi sein. Der gezähmten Bestie. Boss zeigt eine gedämpft gekleidete Amerikanerin, deren Beine, überlang, die erstaunlichen Möglichkeiten des Softwareprogramms "Photoshop" demonstrieren. Und Dior zeigt Kate Moss. Ich hatte schon befürchtet, es könne ihr etwas zugestoßen sein. Ihr seltsames Gesicht ohne Eigenschaften begleitet die Modewelt seit zwanzig Jahren. Inzwischen wird es von anderen Models reproduziert und gleicht dem Original wie ein Knopf dem anderen.

Oft habe ich mich gefragt, warum – nach den verkorksten und verkoksten Auftritten der Junkie-Models der 80er und 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts – der abgrundtief ausdruckslose Ausdruck, die trauerlose Melancholie, die starre physiognomische Monotonie der männlichen und weiblichen Mannequins schier unbesiegbar geworden ist. Die Antwort könnte ein alter Text der Kulturkritiker Horkheimer und Adorno liefern. In der "Dialektik der Aufklärung" heißt es:

"In der Kulturindustrie ist das Individuum eine Illusion, und das nicht nur wegen der Standardisierung der Produktionsmethoden. .. . Die Reserviertheit oder die elegante Erscheinung eines öffentlich auftretenden Individuums ist Massenware." Dass hinter dieser Behauptung die Absage der Autoren an die kapitalistischen Produktionsbedingungen der Moderne stand, ist bekannt. Dass beide Autoren gleichzeitig großen Wert auf ihre gepflegte Erscheinung legten – kein Professor erscheint heute mehr im edlen Dreiteiler im Hörsaal – ist allerdings auch kein Geheimnis. Kurzum: Die Ausdruckslosigkeit, der gespielte Ekel, den die Models unserer Tage vorführen, könnte nichts anderes sein als der Versuch, gepflegte Reserviertheit zu zeigen, also eine aristokratische Individualität, die allerdings in dem Augenblick flöten geht, in dem sie alle die identische Miene zum alten Spiel machen. Dass hinter solcher physiognomischen Massenproduktion womöglich die nackte Verzweiflung der Haute Couture sich verbirgt, wurde an dem Tag wahrscheinlich, an dem Karl Lagerfeld zu H&M desertierte.

Wir begehen heute den 60jährigen Geburtstag der Zeitschrift <em>Textilwirtschaft</em>. Die Namen der deutschen Nachkriegscouturiers in den frühen Ausgaben sind allenfalls meiner Generation noch bekannt. Wir wuchsen mit dem so genannten "Fräuleinwunder" im frei schwingenden Glockenrock auf und mit der Einführung der Strumpfhose. Das eine schien das Gegenteil des anderen zu sein. In den sechzig Jahren seiner illustren Existenz gelang es der Zeitschrift allerdings niemals, die Frage zu beantworten, die eine Modebeilage der <em>Financial Times</em> soeben und wieder einmal gestellt hat: "Who is pulling your strings?" Wer bestimmt, was wir anziehen, welche Schuhe wir tragen und wo wir einkaufen?

Natürlich kann das seriöse Blatt die Fragen nicht wirklich beantworten, schon aus Platzmangel nicht. Aber, meine Damen und Herren, ich will es dennoch versuchen. Wer also bestimmt die Mode? Um es kurz zu machen, es sind die Männer. Wir wollen es das Fasanen-Prinzip nennen. Es funktioniert seit dem Mittelalter. Tadellos, berechenbar und passgenau genäht. Seit zweihundert Jahren tragen die Männer das gleiche Kostüm, den Herrenanzug. Seine modische Autorität ist unbestritten. Die Vorstellung, dass ein indischer Premier im Dhoti gleich dem Staatsgründer Ghandi vor den Vereinten Nationen sprechen könnte, ist grotesk. Das chinesische Politbüro, der japanische Tenno, Vladimir Putin – Maßanzüge, wohin man blickt. In der Herren-Abteilung der Kulturgeschichte liegt der Clash of Civilizations weit zurück. Hier hat der Westen gewonnen. Der klassische Herrenanzug ist ein Kind des europäischen Klassizismus und des Geists der bürgerlichen Revolution, geboren zwischen 1780 und 1820; er hat die Variationen der Spätromantik und des Viktorianismus überstanden, auch der Jugendstil ging an ihm vorbei – Schnittmuster änderten sich, aber die Grundform blieb. Warum?

"Die Bekleidung der Männer war seit dem Mittelalter formal interessanter und innovativer und weniger konservativ als die der Frauen," schreibt die amerikanische Kunstwissenschaftlerin Anne Hollander (in ihrem Buch "Anzug und Eros") und in gleichsam bauchnabelfreier amerikanischer Direktheit behauptet sie, dass dies an der sexuellen Konnotation der Herrenkleider lag und dass sich daran auch nichts verändert habe. Nun, lassen wir sie selbst sprechen: "Arme, Beine und Gesäß werden sichtbar markiert, aber nicht eng umschlossen, so dass schwungvolle Bewegungen keinen unangenehmen Druck auf Nähte oder Verschlüsse ausüben und die Unregelmäßigkeiten der individuellen Körperoberfläche harmonisch überspielt, doch nie emphatisch modelliert werden." Anders die Frauenmode: "Sie demonstrierte weiterhin den primären und häufig geheiligten ursprünglichen Zweck der Kleidung, nämlich mit selbst auferlegten und auffälligen körperlichen Applikationen die spirituellen Bestrebungen, die imaginativen Projektionen und die praktischen Opfer zu repräsentieren, durch die sich ihrer selbst bewusste Erwachsene von sorglosen Kindern und unschuldigen Tieren unterscheiden. Das ist eine große und bedeutende Idee, aber sie ist nicht modern."

Frauenmode, sagt Frau Holländer, war jahrelang nichts anderes als die Imitation des modernen männlichen Schemas. Und in der Tat hat sich inzwischen der Hosenanzug weltweit durchgesetzt; wer zum Beispiel den eleganten Auftritt der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth anlässlich der Verleihung des Friedenspreises in der Paulskiche beobachten konnte, musste zugeben: Gott sei Dank!

Männer, sagt die zweifellos unfeministisch argumentierende gelehrte Amerikanerin, konnten zwei Jahrhunderte lang nichts "grundlegend Neues und Interessantes aus der Frauenkleidung lernen; ihre Modernisierung war bereits komplett. Sie hatten Kosmetik, sorgfältig gelocktes Haar, problematische Schuhe und kompliziertes schmückendes Beiwerk seit langem hinter sich gelassen." Den Frauen blieb es überlassen, "die ganze Last bewusster persönlicher Phantasie zu tragen", und so wurde die Mode zur "Mode", "zu einer der riesigen neuen Industrien, die speziell auf weibliche Konsumenten zielen, statt etwas zu sein, an dem Männer und Frauen dasselbe Interesse zeigten." "Die meisten Männer ignorieren noch immer ... die Herrenmode in ihren Showbusiness-Aspekten, und sie haben das Gefühl, dass sie ihnen nicht wirklich zur Verfügung steht, nicht wirklich an sie adressiert ist." Man kann es auch anders sagen: Die guten alten Herrenanzügen demonstrieren seit zwei Jahrhunderten die realen Machtverhältnisse in der Gesellschaft; und so lange die sich nicht ändern, überlebt der Anzug, ob mit breiten oder schmalen Revers, ob mit Blech-, Holz- oder Silberknöpfen, ob tailliert oder trapezförmig. Stets zeigt die Herrenmode, dass "visuelle Befriedigung ihre eigenen eindeutigen Gesetze hat und dass diese in ihrer imaginativen Sprache mit der Sexualität verwandt sind." (Hollander) Bubi will eben auch gerne Bestie sein.

Dass sich inzwischen die Frauen in der Nachfolge von Jeanne d’Arc das männliche Bekleidungsrepertoire aneignen, markiert ein neues Kapitel in der Emanzipationsgeschichte. Aber manchmal zeigt sie ihren paradoxen Wesenszug. Dass es zum Beispiel "vor kurzem noch schick für junge Frauen war, Hosen zu tragen, die ein bisschen von der Unterhose sehen ließen und von den Hüften zu fallen schienen – (war) eine Anspielung auf das weibliche Vokabular der Entblößung, das es zuvor nicht gegeben hatte" (Hollander). Und warum ist dieser Trend schon wieder verschwunden? Mit der verblassten Haute Couture und ihren saisonalen Diktaturen hatte dies ja nichts zu tun, mit einer womöglich untergründig wirksamen neuen Sittlichkeit vielleicht alles. Wer weiß?

Wer diesen Wandel und viele andere modische Wellen wirtchaftswissenschaftlich prognostizieren kann, wird zum Gewinner. Doch bis dahin gilt: Überraschung ist immer noch das Gesetz der Frauen-, Kontinuität das der Männermode. Unterworfen aber sind beide den scheinbar naturwüchsigen Gesetzen der kulturellen Globalisierung. Hier geht es nicht nur um Finanzströme.

Der gelehrten Aufmerksamkeit ist das Phänomen der Kulturexpansion natürlich nicht entgangen. Wir wissen mittlerweile, wie sich die Schubkarre ausgebreitet hat, wie Sternenbeobachter voneinander lernten und stahlen, dass die Impfung ein kulturelles Verdienst asiatischer Zivilisationen ist und dass, wollen wir Werner Sombart glauben, der unvermittelte Banken-Aufstieg des modernen Kapitalismus der Erfindung eines neumodischen Diamantenschliffs zu verdanken sei, der die Kleiderordnung an Europas Barockhöfen aufs teuerste infizierte. Konzentrisch um spanische Häfen nahm die erste europäische Inflation ihren Ausgang: Das aus Amerika importierte Gold verdarb die Preise, ehe es unsere Kultur nachhaltig prägte. Kurzum: So ganz hart und unvorbereitet trifft uns die kulturelle Globalisierung nicht.

Neu ist aber ihre Durchsetzungsgeschwindigkeit. Ein stilbildendes Unterfangen, zum Beispiel die Verbreitung von Benneton-Pullovern, das früher – bei den Römern, den Osmanen oder den Han-Chinesen – Jahrhunderte in Anspruch genommen hätte, kann heute innerhalb einiger Monate, allenfalls einiger Jahre abgeschlossen werden. Wobei es Historikern, gegenwärtigen und künftigen, vorbehalten sein mag, festzuhalten, wie lange der jeweils neue Kulturstand als stabil zu bewerten ist. Manches deutet darauf hin, dass zumindest die Frauenmoden immer härteren Verfallsgeboten und damit immer geringeren Halbwertzeiten unterliegen. Es spricht zudem vieles für die Vermutung, dass die jeweilige Ausbreitungsgeschwindigkeit sich umgekehrt proportional zum Gewicht der Botschaft verhält. Dabei treffen ein Turnschuh und eine Baseballkappe zwangsläufig auf weniger Widerstand als die Transsubstantiationslehre.

Der zweite Aspekt, der neu erscheint, betrifft die Dimension der Akzeptanz, genauer: den Verlust widerständiger Traditionen. Hier gilt die schlichte Einsicht: Der Markt leistet lächelnd, was kein Terror zustande bringt oder je zustande brachte. Die vornehmlich durchs Fernsehen in die weite Welt ausgestrahlten Botschaften des Konsumverhaltens werden mit einer begeisterten Willfährigkeit, ja fast schon enthusiastischer Demut empfangen, weiterverbreitet und befolgt. Es ist eine Akzeptanz, die anderen missionarischen Unternehmungen vorenthalten blieb.

Die Richtung der Ausbreitung ist fast beliebig. Für die zahllosen Videoclips, die von Westen nach Osten, vom Norden in den Süden ihre Leuchtspur ziehen, kann man andere Artefakte nennen, die den umgekehrten Weg eingeschlagen haben: koreanische Kampfsportarten etwa oder die so genannte traditionelle chinesische Medizin, der kulturelle Exportschlager aus dem Reich der Mitte. Woher die Seide kommt, weiss auch jedermann.

In der Altstadt von Sarajevo traf ein bekannter Kulturkritiker kurz vor Ende des Krieges im halbzerstörten Eingang des dortigen Standesamtes auf eine jener bekannten Volksmusikgruppen aus den Anden, die dort für ein bosnisches Hochzeitspaar »EI condor pasa« spielte. Ihre feingestrickten Mützchen waren von der örtlichen Babymode kaum zu unterscheiden.

Woher stammt diese Akzeptanz, die jedes Fremde, wenn es nur nicht zu teuer ist, akzeptiert, als wäre es ein Eigenes? Ist es Toleranz? Wohl kaum. Ist es ennui angesichts des immer gleichen? Oder ist es etwas ganz anderes, nämlich die Lust an der bricolage, der mythischen Bastelarbeit, die im täglichen Kampf der Weltinterpretation alles aufgreift, was auf dem Boden und den Regalen der mythographischen Werkstatt herumliegt? Je umfangreicher das Bildmaterial der Modeindustrie wird, umso bunter wird die Palette der Designer. Die Haltbarkeit der Stoffe schafft ein Übriges: Wer genug Platz im Kleiderschrank hat, kann kombinieren, was ihm gefällt. Die edle Kaschmirjacke über den billigen Jeans ist eine Erfindung amerikanischer College-Kids. Sie illustriert die Luxustheorien des Soziologen Thorsten Veblen, der vor einem Jahrhundert behauptete, dass die mächtigen Vorgärten der Millionärsvillen von Kalifornien nur eines signalisierten: Man habe so viel Weideland, dass man sich auch eine Wiese ohne grasende Kühe leisten könne. Nicht anders der College-Absolvent: In seinem Schrank hängen soviele Kaschmir-Jacken, dass er zumindest eine auch bei der Arbeit in Jeans tragen kann, ohne sich Sorgen um ihren Verschleiß zu machen. Die Jeans wiederum sind auch nur eine Metapher: Wenn’s drauf ankommt, könnte der Täger auch das Öl seiner Corvette wechseln. Kleider sind Kostüme, und die Besitzer spielen mit ihnen ihre Rollenträume durch.

So wahr es wohl ist, dass sich in der globalen Kultur bei entsprechendem Druck auf den Markt quasi geklonte Produkte überall ausbreiten, so wahr ist es auch, dass die lokalen Deutungsmuster diese Produkte gleichsam »einkulturieren« oder »kontextualisieren«. So, wie die chinesische Küche in Spanien spanisch, in München dagegen bayrisch schmeckt, so findet auch in vielen anderen Fällen die lokale Kultur Mittel und Wege, den Import mit spezifischen Bordüren des Hausgemachten zu umgeben. Oder sie erklärt den Import flink zum eigenen Produkt: Der Samowar gilt den Bewohnern des Iran längst als eine genauso autochthone Erfindung wie der Tee. Die chinesischen Mathematiker des 17. Jahrhunderts gaben Euklid einen würdevollen chinesischen Namen und erklärten ihn zu einem ihrer leiblichen Vorfahren. Der griechische Kaffee ist genausowenig griechisch wie der türkische türkisch, sondern stammt aus Mokka im Jemen. Und dass andere Länder auch guten Käse zubereiten, dürfte den Schweizern und Franzosen immer noch unwahrscheinlich vorkommen.

Auf der Bühne der Phänomene betrachtet, kann der Prozess der kulturellen Globalisierung keinen so rechten Schrecken mehr einjagen. Es ist schließlich eine Eigenschaft von Kultur, bedroht zu sein, das Fragile, das Verletzbare macht einen ihrer Reize aus. Noch etwas zugespitzter gesagt: Mode auch in den Zeiten der Globalisierung kann nur intellektuelle oder künstlerische Verbindungen erleichtern oder aufrechterhalten, die andere Kräfte – aus welchen Motiven auch immer – gerne stillgelegt hätten. Völlig abwegig erscheint zudem der Gedanke an die Einführung einer Art Reinheitsgebot für kulturelle Belange. Insofern stehe ich dem Abwehrverhalten unserer Europäischen Union, die sich hinter dem Begriff einer schützenswerten europäischen »diversite culturelle« in WTO- Verhandlungen verbirgt, eher skeptisch gegenüber. Das »Generalsekretariat für die Genauigkeit der Seele«, mit Robert Musil gesprochen, ist nach diesem deutschen Jahrhundert keine Option mehr. Man muss dazu gar nicht erst die Beispiele des europäischen Totalitarismus beschwören, man kann einfach darauf verweisen, wie notwendig für jedes Biotop unseres Planeten der Austausch ist. Und es spricht ja vieles für die Vermutung, dass künftige Kulturformationen eher einen ungenauen Mosaikcharakter tragen, dass sie also nicht zu jenen monolithischen Gebilden werden, wie sie uns Samuel Huntington dramatisch beschworen hat.

Das neue Gespenst, das um die Welt zieht, heißt Komponentenkultur. Hier klebt zusammen, was zusammenklebt, und die Mode mitsamt ihren Unberechenbarkeiten ist dafür der schönste Beleg.

Die vehementesten Kritiker dieser Entwicklung verbinden ihre Klage mit heftigen Vorwürfen gegen die Exportpolitik der Vereinigten Staaten. Die »kulturelle Amerikanisierung«, die Verbreitung von T-Shirt, Jeans und Baseballkappen bildet sozusagen den Grundakkord in den aktuellen Diskussionen um jene Globalisierung und gilt bereits als empirisches Argument jenseits aller Kritik. Die ökonomisch und technisch am weitesten entwickelte Macht dieser Erde, so lautet die Botschaft, sei willens und imstande, ihre eigenen Normen der Kultur weltweit durchzusetzen. Ich kann dieser Klage nur schwer folgen. Denn wer sind eigentlich die großen Gewinner dieses Prozesses der Globalisierung, und wer sind die Verlierer?

Auf dem Gebiet der Kultur, und zu ihr zähle ich die Mode, kann ich mir – anders als in der Wirtschaft – vielmehr eine größere Zahl von Gewinnern vorstellen. Denn der vorhin beschriebene Trend zur Uniformierung der Kultur wird zweifelsohne eine Gegentendenz zur Nischenbildung befördern. Das Auskleiden der Nischen wird durch die neuen Techniken der Verbreitung und der Reproduktion erleichtert. Monopole auf Kultur werden sich nicht sichern lassen. Das Elitäre, soll heißen: das Neue und Unbequeme, das Ungesicherte und Provokative, das Phantasievolle und Verrückte, also all das, was immer noch Kunst und Mode konstituiert, wird ein anderes Versteck suchen und finden. Ob dieser Vorgang zu begrüßen ist oder ob wir die Hände über dem Kopf zusammenschlagen sollten (ein kultureller Vorgang, der auch ziemlich aus der Mode gekommen ist), wollen wir erst dann entscheiden, wenn es soweit gekommen ist. Voraussagen, Hochrechnungen gar haben in der Kultur stets unverschämt kurze Beine. Wer wüsste das besser als die Mode-Designer und ihre Auftraggeber ...

Den Einfall des Globus verdanken wir dem griechischen Philosophen Anaximander. Ptolemäus hat später dann die Einzelheiten hinzugefügt. Anaximander, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert lebte, obwohl er das natürlich nicht wusste, glaubte an einen Urstoff und an eine endlose Aufeinanderfolge von Weltbildungen. Diese Urmaterie war ihrer Beschaffenheit nach unbestimmt, ihrer Ausdehnung nach unend1ich. Klingt uns das nicht vertraut? Können wir uns eine schönere Definition von Kultur, aber auch von Mode an sich vorstellen als jene, die auch noch von dem Erdenker des Globus stammt?

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Geduld.

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