Medien

Schon dein „Zine“ gemacht?

Für einige Trendsetter sind Blogs von gestern: In Großbritannien boomt die „kleine Presse“. Immer mehr Magazine und „Fanzines“ drängen auf den Markt. Eine kleine, feine „Old-media“-Revolte.

Sie heißen Marlamade und Meat wie alltägliche Nahrungsmittel, nennen sich prätentiös Plan B und Satan’s FishTank , oder Amelia’s Magazine und Karen wie ihre Macherinnen. Solche unabhängigen und von Laien gemachten Magazine oder „Fanzines“, kurz „Zines“ genannt, boomen seit kurzem in Großbritannien – startet ein neues Heft mit 300 Exemplaren auf dem Markt, verkaufen die Macher oft schon mit der zweiten Ausgabe 5000 Stück.

Das Phänomen an sich ist nicht neu. Schon in den 1960er Jahren gründete in London die Hippie-Szene einzelne Untergrundblätter wie die International Times (IT) oder das Skandalblatt Oz . Doch dieser jüngste Boom ist anders: Dank moderner Computergrafik sieht die neue „small press“ – von Hochglanz bis per-Hand-fotokopiert – fast so professionell aus wie die etablierten Massen-Magazine. Viele von ihnen sind offen das, was sie schon in den 1960er de facto waren: Talentschule für zukünftige Blattmacher, Fotografen, Zeichner, Designer und Autoren. Denn die großen der Medienbranche beobachten die Blättchen mit wachem Auge. Das britische Verlagshaus emap ( Grazia, Heat, FHM ) kürte beispielsweise 2004 und 2005 mit seinen „Fanzine Awards“ die besten Magazine in Kategorien wie Mode und Musik, Lifestyle und Sport.

„Es geht darum, etwas selbst zu machen, das man in der Hand halten kann“, sagt Richard Burdett, Chefredakteur von The Pavement , einem Gratisblatt für Obdachlose in London, und Gründer von indyandink , einer internationalen Gesellschaft unabhängiger Verleger, die Zines ein Forum zum Erfahrungsaustausch bietet. Es zählt bereits über 40 Mitglieder und wächst stetig.

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Ein Fanzine bringt seinen Machern heute zudem viel Prestige: Marmalade , das Magazin für „gut aussehende, kluge Menschen“, herausgegeben von Kirsty Robinson and Sandra Spencer Trace, hat es bereits zu einer schicken Adresse im Londoner Stadtteil Fitzrovia und blasierten Telefonmanieren gebracht. Marmalade konzentriert sich auf die „Kreativindustrie“, bietet regelmäßig Unbekannten Raum, die auf den Hochglanzseiten buchstäblich ihre Visitenkarte abgeben, und unterhält Rubriken wie „Beurteile ein Buch nach dem Cover“.

Für Amelia Gregory, deren Amelia’s Magazine “ für seine aufwändigen Titel bekannt ist – zuletzt zierten kleine Glitzersteinchen das geschwungene „A“ von „Amelia“ –, ist die neue „Magazinexplosion“ keine Überraschung. „Trotz Internet wollen wir doch alle etwas sammeln und besitzen, wir leben nach wie vor in einer sehr materialistischen Gesellschaft“, sagt die Fotografin und Designerin, deren hochklassig gestaltetes, quadratisches Heft trotz einer Reihe von Mitstreitern im Kern ein Ein-Frau-Unternehmen ist und das vor allem durch ungewöhnliche Modefotografie und Trendgespür auffällt.

In einer früheren Nummer druckte Gregory beispielsweise das Tagebuch des damals weitgehend unbekannten Sänger und Gitarristen Pete Doherty ab, lange bevor er mit einem Supermodel liiert war und im Zusammenspiel mit den Boulevardmedien so etwas wie einen öffentlichen Selbstmord auf Raten inszenierte. „Damals fand ich ihn interessant“, sagt Gregory, „heute wäre er viel zu ‚ mainstream ‘ für mich.“

Der ungewöhnliche Boom erklärt sich vor allem daraus, dass die krisengeschüttelten und von Zukunftsangst befallenen, dazu von Sparzwängen personell ausgedünnten „alten Medien“ in ihren Themenangeboten immer konformer werden. Die neuen Zines schaffen aus dem Alltäglichen und Unbekannten ein Gegengewicht.

Am extremsten und beeindruckendsten macht das Karen vor. Von emap 2005 bizarrerweise als bestes Lifestyle-Magazin gekürt und von der Sonntagszeitung The Observer kürzlich als eines der „bestgehüteten Kunstgeheimnisse“ gelobt, dokumentiert Karen Lubbock mit gradliniger Fotografie das Gewöhnliche („made out of the ordinary“): Weisheiten ihrer Nachbarn im kleinen Dorf in der Grafschaft Wiltshire, wo sie heute wohnt (bevor sie ihre zweite Karriere als Grafikerin begann, arbeitete sie zehn Jahre lang als Sozialarbeiterin in London), Imbissverpackungen, Obstsalat aus der Dose.

„Meine Inspiration kommt von den Leuten, die ich treffe“, sagt Lubbock, „mich interessieren die kleinen Dinge, die Details des Lebens – leise Stimmen, die etwas Treffendes oder Lustiges sagen.“ Die Faszination von Zines liege darin, „dass DU es machen kannst, auf eigene Faust“. Gleichzeitig habe das Internet diese Art von Publikationen bekannter gemacht, aber das erkläre den Boom nur teilweise: „Am Ende kommt es auf den Inhalt an, und Zeitungen, gerade in England, verlieren immer mehr an Qualität. Die Presse versucht, dieses ‚counterculture‘-Ding einzufangen, aber am Ende geht es nicht zusammen.“

Auch das Internet ist für die neue kleine gedruckte Presse-Welt nicht nutzlos: Es vereinfacht den Vertrieb. Außerdem spült das Web neue Leser und mögliche Autoren an. Es gibt allerdings auch einige wenige reine Online-Magazine, so genannte E-Zines wie Nth Position oder Twohundredby200 aus dem schottischen Rosyth. Die Gründe: Druckkosten und Umweltschutz.

Weitere Infos:

Zum Zine-Festival in Manchester »
und zum Zine-Symposium in London »

Kunst, Künstler, Kultur - Feuilleton auf ZEIT online »

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Leser-Kommentare

  1. hallo herr hoff,

    danke für den text. die ziemlich umfangreiche zine-szene sprang mir in london auch ins auge. mindestens 30 publikationen gibt`s da im gut sortierten magazinladen. und wenn mich nicht alles täuscht schwappt die freude am heftchenmachen langsam auch nach deutschland. denn bei tausenden von blogs möchte man am ende des tages dann doch vielleicht lieber ein echtes heft auf der kommode liegen sehen - zum mit in die badewanne nehmen. nach dem schönen fanzine no.1 gibt es jetzt auch NEUE PROBLEME - das magazin mit heissen geschichten. 80 seiten, 22 abbildungen, 5 euro.

    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

    best regards,

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