Italien "Il Sistema"

In der neapolitanischen Bronx können Kinder im Monat 1500 Euro verdienen, wenn sie einen Drogenumschlagplatz bewachen. Die italienische Politik hat sich an solche Zustände längst gewöhnt

Man konnte Romano Prodi ansehen, wie leid er es war, vor laufenden Kameras wieder zu dem neapolitanischen Notstand Position beziehen zu müssen.

Zu den 66 Morden allein in diesem Jahr - sechs davon von Killern, die dank der Regierungsamnestie auf freien Fuß gesetzt worden waren - zu den 756 Raubüberfällen, den 4000 Vorbestraften, den 20 Camorraclans, zum Drogenhandel unter freiem Himmel und zur illegalen Giftmüllverklappung, zu den 16 Milliarden Euro Geschäftsumsatz der Camorra, jener spezifisch neapolitanischen Ausformung der organisierten Kriminalität.

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Alles hatte der Ministerpräsident zugesichert, eine verstärkte Justiz und mehr Finanzpolizisten, mehr Erziehung zur Legalität und die Schaffung von Sozialzentren, hundert von EU-Geldern finanzierte Schulen, sogar einen runden Tisch für die wirtschaftliche Entwicklung Neapels hatte er beschworen.

Und weil das alles offenbar noch nicht reichte, und ihm auch noch sein eigener Minister, der ehemalige Staatsanwalt Antonio di Pietro mit der Bemerkung in den Rücken fiel, dass es eine Verbindung gäbe zwischen der von der Prodi-Regierung durchgesetzten Strafamnestie und der neapolitanischen Krise, da entfuhr ihm ein Stoßseufzer. Ach. Alle wüssten doch so gut wie er, dass diese Notstände wie Wellen über Neapel hinwegzögen.

Ein Wetterleuchten. Ein Ungewitter. Vielen italienischen Politikern geht es ähnlich, sie möchten in dem neapolitanischen Blutbad nichts anderes sehen als ein Naturereignis. Bandenkriege, die kommen und gehen. Prodis Justizminister Mastella zögerte nicht, darauf hinzuweisen, dass es die Camorra in Neapel immer schon gegeben habe – was für einen Justizminister eine etwas dürftige Antwort auf die Fragen Neapels ist.

Clemente Mastella hat sich schon in der ersten Berlusconi-Regierung verdient gemacht – er gilt nicht nur als glühender Anhänger von Giulio Andreotti, sondern verfügt auch über eine gewisse Vertrautheit im Umgang mit organisierter Kriminalität: Im Jahr 2000 war er Trauzeuge auf der Hochzeit des sizilianischen Mafiosos Francesco Campanella, der nach seiner Festnahme nicht zögerte, zur Justiz überzulaufen.

Leser-Kommentare
  1. Da sowohl die italienische Politik als auch deren Judikative und Executive nicht Willens und vermögens sind das Problem zu lösen, bleibt aus meiner Sicht nur das Vertrauen auf die Naturgewalt in Form des Vesuv :-).

  2. Mit der Camorra, Cosa Nostra, Mafia etc. wird nur fertig, wer Italien zurück ins 15. Jahrhundert versetzt. Und da dies schlicht unmöglich ist, geht es nur darum, Auswüchse der Brutalos zu bremsen. Für ehrliche Polizisten eine Sisyphos-Arbeit.

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