Irak: Kritik an Todesurteil
George W. Bush freut sich über das Todesurteil für Saddam Hussein. Er sieht darin einen "Meilenstein" für die junge irakische Demokratie. Kritik kommt dagegen von Menschenrechtlern. Die EU reagiert distanziert
Bush sagte in einer ersten Reaktion, Saddam sei »jener legale Prozess zuteil geworden, den er anderen verweigert hat«. Auch Großbritannien begrüßte das Urteil. Außenministerin Margaret Beckett sagte: »Ich begrüße, dass Saddam Hussein und die anderen Angeklagten für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden.« Der australische Premierminister John Howard nannte den Prozess gegen den früheren irakischen Präsidenten ein "Zeichen demokratischer Hoffnung".
Saddam war am Sonntag dreieinhalb Jahre nach seinem Sturz durch die US-Armee von einem irakischen Sondertribunal in Bagdad zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Iraks Ministerpräsident Nuri al-Maliki nannte das Urteil gegen Saddam eine »Lektion für alle Verbrecher und Terroristen«. An die Adresse der Sympathisanten Saddams sagte der Regierungschef: »Die Herrschaft Saddams und seiner Partei gehören nun endgültig der Vergangenheit an.«
Kritik äußerten Menschenrechtsorganisationen und der Vatikan. Amnesty International nannte den Prozess »unfair«. Das Todesurteil zeige, dass noch immer die Logik des »Auge um Auge, Zahn um Zahn« herrsche. Die EU nahm das Urteil »zur Kenntnis«. Die finnische Ratspräsidentschaft unterstrich jedoch, dass die EU die Todesstrafe ablehne. Ähnlich äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zugleich unterstrich sie die Notwendigkeit der gerichtlichen Aufarbeitung der Saddam-Ära. Italiens Ministerpräsident Romano Prodi sagte: »So grausam ein Verbrechen auch ist, so wendet sich doch unsere Tradition und unsere Ethik vom Gedanken der Todesstrafe ab.«
In Bagdad waren nach der Urteilsverkündung Freudenschüsse zu hören. In Saddams Heimatstadt Tikrit demonstrierten laut Augenzeugen trotz einer Ausgangssperre am Sonntag Hunderte seiner Anhänger gegen das Todesurteil. Bei einem Mörserangriff auf Wohnhäuser in dem vorwiegend von Sunniten bewohnten Bagdader Stadtteil Adhamija starben laut Augenzeugen mindestens 20 Menschen. Auch in Bagdad, in Mossul und Bakuba war in Erwartung des Urteils eine Ausgangssperre verhängt worden.
Das Sondertribunal für die Verbrechen des alten Regimes in Bagdad ordnete am Sonntag außerdem die Hinrichtung von Saddams Halbbruders Barsan al-Tikriti und des ehemaligen obersten Richters Awad al-Bandar an. Nach Angaben aus Justizkreisen werden alle Verurteilten Berufung gegen die Urteile einlegen, die mit »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« begründet wurden.
In Bagdad wird erwartet, dass die Revision bereits an diesem Montag eingeleitet wird. Beobachter halten es jedoch für wenig wahrscheinlich, dass die Richter der Revision stattgeben und einen neuen Prozess anordnen werden. In diesem Falle müssten Saddam, sein Halbbruder al-Tikriti und Richter al-Bandar spätestens 30 Tage, nachdem die Urteile rechtskräftig geworden sind, hingerichtet werden.
In dem ersten Prozess gegen Saddam und sieben Ex-Funktionäre seines Regimes ging es um den Tod von 148 angeblichen Verschwörern. Diese waren 1982 in der schiitischen Kleinstadt Dudschail nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf Saddam hingerichtet worden.
Saddam, den amerikanische Soldaten im Dezember 2003 in einem Erdloch auf einem Bauernhof aufgespürt hatten, nahm den Urteilsspruch relativ gelassen auf. Er rief: »Es lebe das Volk, es lebe die (islamische) Nation,
Allahu akbar
(Gott ist groß).« Al-Bandar, der seinerzeit den Prozess gegen die Schiiten aus Dudschail geleitet hatte, beschimpfte das Gericht als Versammlung von »Verrätern und Agenten«.
Gegen Saddam läuft noch ein zweiter Prozess wegen Völkermordes an den Kurden. Es ist jedoch unklar, ob dieses Verfahren, in dem es um die Angriffe auf kurdische Dörfer im Nordirak in den Jahren 1987 und 1988 geht, vor einer Hinrichtung Saddams noch beendet werden kann.





Seit der NPD Vorsitzende Udo Voigt auf einer von PDS und SPD organisierten "Friedensdemo" gegen die Demokratisierung des Irak sprechen durfte, glauben wohl nur noch wenige an "qualitative Sichtweisen". J.S.
Ich weiss jetzt nicht ob eine Frage zu einem Kommentar hier zulässig ist. Mir ist nicht klar, wie die Bemerkung von JdotSdot gemeint ist, dass es wohl nur noch wenige Anhänger des "qualitativen Ansatzes" geben dürfte wegen des NPD Vortrags gegen eine Demokratisierung im Irak.
Aktuelle AOL-Umfrage von heute morgen: Nur 37% (von über 30.000) stimmten gegen die Todesstrafe, die große Mehrheit will Hussein hängen sehen. Es ist pervers ...
Die Diskussion jetzt ist völlig unnötig.
Natürlich wird er NICHT gehängt werden. Es ist ein typisch amerikanisches Urteil nach typisch amerikanischem Muster. Das erste Urteil fällt dort zur Beruhigung der Racheglüste scharf aus, das richtige Urteil kommt in der Berufung und ist deutlich milder bzw. den Reaktionen auf das erste angepaßt. Das IST einfach so im amerikanischen (oder amerikanisch aufgezogenen und beinnflussten) Reschtssystem. Ähnliche Muster findet man immer wieder (Tabak-Konzerne, ENRON-Chef ...)
Also erstma die Berufung abwarten ....
... macht es auch nicht besser -- das gruselige ist, dass es von so vielen gutgeheißen wird.
Die genannten US-Präsidneten haben gegen Saddam gekämpft! Wer das als Unterstützung bezeichnet, hat den Verstand verloren. Bei uns hat sich höchstens die politische Linke der Unterstützung Saddam Husseins schuldig gemacht. Saddam hat dann ja auch zuletzt nicht Bush neue Öl-Geschäfte in Aussicht gestellt, sondern z.B. uns unter der damligen Rot-Grünen Regierung! J.S.
Meiner Meinung nach zeigt sich in dieser Situation eine erstaunliche Paradoxie. Auf der einen Seite gibt es die qualitative Sichtweise. Das Recht auf Leben und Menschenwürde, die Qualität "lebendig", muss geschützt werden.
Auf der anderen Seite gibt es die Vertreter des quantitativen Ansatzes, für welche es absolut legitim ist, Menschenleben zu "opfern", um die jeweils als wichtig erachteten abstrakten Ziele oder mentalen Konzepte zu verfolgen, ob sie nun Allah oder Profit oder Staatsgrenze heissen. Wenn zwei dieser Vertreter des quantitativen Ansatzes sich im Konflikt begegnen, weil ihre Ziele nicht harmonieren, ist das Töten ein kalkuliertes Risiko und akzeptiertes "Mittel zum Zweck". Schwer nachvollziehbar für Vertreter des qualitativen Ansatzes, aber eine Tatsache und akzeptierte Teil der Spielregeln, meiner Meinung nach.
Wenn die qualitative Sichtweise wie im Falle Husseins nun zum höchsten Prinzip erhoben wird, führt das dazu, dass Vertreter des quantitativen Ansatzes, die selbst dieses höchste Prinzip ja nicht anerkennen, durch dieses davor geschützt werden, die Konsequenzen des eigenen, quantitativen Lebensansatzes am eigenen Leib zu erfahren. Sie dürfen also das Leben anderer opfern, ohne selbst in die "Verhandlungsmasse" miteinbezogen zu werden. Ein Grund wahrscheinlich, warum der Job "Präsident" oder "Staatsführer" so begehrt ist und warum manche Leute irgendwann sauer werden auf selbige. Interessant, wenn die Lebensretter dann anfangen, selbst quantitativ zu argumentieren und die jeweilige Anzahl an Toten gegeneinander aufrechnen, um den Grad an Schuldigkeit festzustellen. Wäre es nicht einfacher, zwei Gesetzgebungen zu haben? Eine für Leute, die sich dem qualitativen Lebensansatz verschreiben, d.h. Leben geht vor, zur Not kippe ich halt mein Ziel. Und eine für solche, die den quantitaven wählen, d.h. ich akzeptiere, für mein Ziel (Profit, Allah, Staat etc.) "überall und jederzeit erschiessbar zu sein", wie Imre Kertész es so prägnant formuliert hat. Jeder kriegt einen Anstecker und dann wüsste man von vorneherein, woran man ist, Risikofaktor geklärt und alle zufrieden. Oder nicht? Moi.
Zitat: ...das Bush sich freut. Ich würde ihn aber gerne neben Hussein hängen sehen. Und mit ihm Clinton und Bush senior.
P.S. Die Todesstrafe ist absolut inakzeptabel!
Schon eine tolle Logik muss man sagen, zieht sich auch durch den ganzen Kommentar.
P.S. Die B und C Waffen hatte der Irak übrigens vornehmlich aus Deutschland (sollen wir jetzt auch alle Deutschen hängen ?).
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