USA Präsidentendämmerung?
Die Kriegsmüdigkeit lässt eine Niederlage für Bush in den Kongresswahlen am Dienstag ahnen. Doch sollten die Kandidaten der Demokraten erst am Mittwoch eine Wohnung in Washington anmieten.
Stanford
Steht George W. Bush die Präsidentendämmerung bevor?
Midterm elections , also jene zwischen zwei Präsidentenwahlen, sind wie Landtagswahlen in Deutschland: mehr Barometer denn Richtungsentscheid. Fänden am Dienstag normale Kongresswahlen statt, müsste sich Präsident Bush keine Sorgen machen. Denn die Wirtschaft, die so häufig die Hauptrolle in der Wahlkabine spielt, läuft gut für ihn.
Der Benzinpreis – heute so kritisch wie der Brotpreis unter Marie Antoinette – ist in den vergangenen sechs Wochen um einen Dollar (pro Gallone, 3,6 Liter) gefallen. Der Dow-Jones hat die 12.000-Marke getoppt; das ist der höchste Stand seit dem Dotcom-Crash vor sechs Jahren. Das Wachstum ist zwar auf 1,6 Prozent abgerutscht, aber darin liegt auch eine gute Nachricht: Die Zentralbank („Fed“) hat eine Zinserhöhung verworfen; folglich bleiben Kredite und Hypotheken billig.
Nur: Das sind keine „normalen“ Kongresswahlen. Nicht die Wirtschaft, die zugunsten von Bush arbeitet, beschäftigt die Gemüter, sondern der Krieg im Irak. Im Oktober haben die USA 101 Soldaten im Terrorland verloren, mehr als je zuvor seit Januar 2005. Folglich besagt die jüngste Umfrage von NBC News/Wall Street Journal , dass der Irak alle anderen Sorgen überrage: Nur ein Fünftel der Wähler betrachtet „Jobs/Wirtschaft“ als vorrangiges Problem, aber fast vier von zehn Amerikanern setzen den Krieg an die Spitze ihrer Sorgen-Liste.
Drei weitere Zahlen müssten Bush noch etwas mehr Schlaf rauben.
1. Fast zwei Drittel der Wähler sind mit seiner Irak-Politik unzufrieden.
2. Mehr als die Hälfte wünscht sich einen Kongress, der von den Demokraten beherrscht wird (zur Zeit kontrollieren die Bush-Republikaner den Senat wie auch das Repräsentantenhaus).
3. 54 Prozent denken nunmehr, dass die Entmachtung Saddams den Preis an Blut und Gut nicht wert gewesen sei.
Folglich wetten die Auguren und Wahlexperten zumindest auf ein halbes Desaster für Bush: Die Demokraten könnten an diesem Dienstag sehr wohl die 15 Sitze erobern, die ihnen im Unterhaus die Vorherrschaft sichern würden. Beim Senat sind sie zurückhaltender. Nur theoretisch möglich sei es, dass die Opposition auch die sechs Sitze im Senat dazugewinnt, die ihr auch dort die Mehrheit verschaffen. Eher werde Bush die Mehrheit im Senat knapp retten, zumal in diesen Zwischenwahlen ohnehin nur ein Drittel der 100 Senatoren zur Wahl ansteht.
Gräbt man etwas tiefer in den Meinungsumfragen, wächst die Skepsis gegenüber jenen Demokraten, die heute schon die Transporter für den Umzug nach Washington bestellen. Eine Umfrage von
CBS News/New York Times
hat eine interessante Ambivalenz ausgelotet:
Drei Viertel (76 Prozent) aller Amerikaner glauben, die Demokraten würden „die Truppen schneller aus dem Irak zurückholen“ als die Republikaner. Aber was ist Volkes Wille? Da sagt die Mehrheit (61 Prozent) nicht etwa „raus, und je schneller, desto besser“, sondern „ein Strategiewechsel muss her“. Gerade mal 27 Prozent votieren für den Abzug.
Daraus darf man folgern, dass die Kriegsmüdigkeit der Wähler nicht groß genug ist, um en masse zu den Demokraten überzulaufen, denen sie mit überwältigender Mehrheit (76 Prozent) dezidierte Abzugsgelüste unterstellen. Deshalb dürfen die Bushisten zumindest darauf hoffen, dass die Welle des Unbehagens, auf der die Demokraten in den Kongress zu reiten hoffen, in letzter Minute gebrochen wird. Die Abneigung gegen den Krieg wächst zwar, aber all jene Amerikaner (61 Prozent), die bloß einen „Strategiewechsel“ wünschen, scheinen damit zu auszudrücken, dass noch schlimmer als der Krieg die schmähliche Kapitulation vor dem Terror sei.
Doch ist es nicht nur schiere Hoffnung, die den Depressionspegel der Republikaner etwas absenkt. In einem Land mit reinem Verhältniswahlrecht (so viele Sitze wie Prozente) würde aufgrund der jüngsten Umfragen ein kleiner Erdrutsch auf dem Programm stehen. In Amerika herrscht aber Mehrheitswahlrecht, und es gewinnt die Partei das Unterhaus, die als erste in 218 von 435 Bezirken durchs Ziel läuft. Da wiegen örtliche Eigenheiten – Kandidat oder Lokalpatriotismus – oft schwerer als nationale Belange wie die Wut auf den Präsidenten.
Eine weitere Eigenart: Die Mehrheitspartei in den 50 Staaten – das sind die Republikaner – schneidert die Geografie der Wahlbezirke zurecht. Und das tut sie logischerweise so, dass die Wähler der Opposition gezielt marginalisiert und die eigenen favorisiert werden. Wer also die Macht hat, kann dafür sorgen, dass er sie auch behält.
Schließlich: Zwischenwahlen wie die vom Dienstag zeichnen sich durch geringe Wahlbeteiligung aus (etwa auf dem Niveau der Europawahlen, um die 40 Prozent). Folglich gewinnt die Partei, die ihre Getreuen besser mobilisieren und ins Wahllokal bringen kann. Dieser strategische Vorteil liegt seit Jahren bei den Republikanern.
Prognose: Gut möglich, dass die Demokraten das Unterhaus erobern; gut möglich, dass die Republikaner den Senat erfolgreich verteidigen. Dann wäre Bush in den beiden letzten Jahren seiner Amtszeit nur eine halb-lahme Ente, aber keine gelähmte. Alle Angaben gelten nur bis Dienstagnacht.
Lesen Sie auch zum Thema
Irak
-
Muss Washington auf eine sunnitische Militärjunta setzen? Von Josef Joffe »
Transatlantische Beziehungen
-
George W. Bush ist für Amerikas Freunde eine schwere Belastung. Von Michael Naumann »
Die amerikanische Kongresswahl 2006
-
Ein Schwerpunkt »
Weitere Artikel von
Josef Joffe »
- Anmerkungen zur Außenpolitik von Ulrich Speck »
- Datum 03.11.2006 - 02:33 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





hätten sie Herz und Verstand, müssten Sie sich Bushs Niederlage herbeisehnen! Doch dazu gehört Mut und Ehrlichkeit.
"Der Benzinpreis heute so kritisch wie der Brotpreis unter Marie Antoinette ist in den vergangenen sechs Wochen um einen Dollar (pro Gallone, 3,6 Liter) gefallen."
Nochmal langsam zum Verständnis: die Öl-Lobby (in welcher Branche sind eigentlich die Bushs und Cheney tätig?) hat in den letzten 6 Wochen VOR den Kongresswahlen den Benzinpreis um 1$ - also ca. 30% - GESENKT.
Ein Schuft wer Böses dabei denkt.
Joffe scheint kein Investor zu sein. Sonst müsste er wissen, dass der DOW zwar die 12.000-Marke erreicht/übesprungen hat; dass das aber nicht bedeutet, er läge jetzt auf dem alten Stand.
Joffe vergisst die Dollar-Abwertung von 2000 bis 2006!
Wäre der DOW auf dem gleichen Niveau wie im Frühjahr 2000, müsste er jetzt etwa 13.700 Punkte aufweisen. Tut er aber nicht.
Mit Bush haben die Kongresswahlen nur indirekt zu tun; er wird auch weiterhin sein Veto behalten, egal wie die Wahlen ausgehen.
Ein etwas oberflächlicher Artikel, finde ich.
Zunächst einmal: Gibt es in Amerika eine neues Parlament? Soweit ich gehört habe, nicht. Und deshalb heißt die erste Kammer des amerikanischen Kongresses in deutscher Übersetzung nicht "Unterhaus" (wie in Großbritannien), sondern "Repräsentantenhaus".
Zur Geographie und zum "Zurechtschneidern" der Wahlbezirke: Das muss man relativieren. Möglich ist dieses sog. Gerrymandering nur bei den Wahlen zum Repräsentatntenhaus, weil es da Wahlkreise gibt. Bei den Senats- und Gouverneurswahlen treten die Kandidaten aber innerhalb eines Gliedstaates an. Und die Grenzen der Staaten sind nun einmal festgelegt, ob es einem passen mag, oder nicht. Daran kann man nicht viel herumschnipseln.
Schlussendlich: Der Senat wird nicht nur "bei diesen Zwischenwahlen" zu einem Drittel neu gewählt, sondern generell. Im zweijährigen Turnus muss sich ein Drittel der Senatoren der Wahl stellen, so daß die Amtszeit eines Senators sechs Jahre beträgt.
Ich finde, man sollte bei solchen Artikeln genauer sein, wenn man sie schreibt.
mit Gewissen, Mut und Ehrlichkeit würden Sie sich nichts anders herbeiwünschen, als dass die Zeit dieses Despoten endlich abgelaufen ist.
Selbst auf die (begründete) Gefahr hin, dass nichts besseres nachkommt.
Da Sie Ihr "Forum" jedoch dazu nicht nutzen, kann Ihnen nur unterstellt werden, dass Sie offenen Auges denn blind sind Sie sicherlich nicht Unrecht stützen, Propaganda betreiben und sich schlimmstenfalls auch noch Vorteile davon versprechen!
Wenn die Vorhersagen stimmen ist dies durchaus eine "normale" Kongresswahl. In den letzten 100 Jahren war es in fast jeder midterm election der Fall, dass die Partei des Praesidenten mehr oder weniger kraeftig verloren hat. Das nennt man den "midterm cycle," der uns nun auch dieses Jahr wieder ansteht. Der Grund fuer den cycle ist mit der Idee der Gewaltenteilung verknuepft, mit "checks and balances." Wenn also beim letzten Mal die republikanische Partei zulegen konnte, so ist das historisch gesehen die Ausnahme und nicht die Regel.
Das einzige was historisch gesehen etwas ungewoehlich ist in diesem Jahr ist die sehr extreme momentane Machtkonstellation (republ. Praesident und beide Kammern im Kongress republikanisch bestimmt); also der Ausganspunkt fuer den cycle und nicht der cycle selbst. Zuletzt war das war unter umgekehrten Vorzeichen 1994 der Fall, und da ging's wie erwartet nach unten fuer die Demokraten.
(Und uebrigens, und 1 gallon = 3.785411784 Liter, nicht 3.6).
Wenn Sie bei "Hama hat Recht" auf die Bewertungspunkte klicken, öffnet sich darunter der eigentliche und nicht mehr verkürzte post. Offenbar war dort auch ein link auf eine andere website enthalten, den hat die Rdaktion gelöscht, weil sie ihn NICHT überprüfen kann. Wiue das? Dauert nur fünf Sekunden!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren