JubiläumQuietschend fidel

Lärmend verstörte das Globe Unity Orchestra 1966 sein Publikum. Nach 40 Jahren treffen sich die alten Helden wieder: Wie klingt Free Jazz heute? von Maxi Sickert

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Im Zug aus Berlin sitzt Ernst-Ludwig Petrowsky. Er hat nicht viel Gepäck dabei, nur sein Saxofon in einem kleinen, schon weit gereisten Koffer und die Querflöte. "Je weniger, desto besser", sagt er. Viele der Musiker des Globe Unity Orchestra hat er schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Kenny Wheeler, den Trompeter. Oder Paul Rutherford, den Posaunisten. Der Free Jazz hat sich verzweigt über die Jahre. 1966 fand das Orchester erstmals zusammen, Ende der Achtziger ging man auseinander.

Zeit für eine Bestandsaufnahme. Das Globe Unity Orchestra, vor 40 Jahren von dem damals 28-jährigen Berliner Pianisten Alexander von Schlippenbach gegründet, hat sich in Baden-Baden versammelt, im Studio 1 des Südwestrundfunks. Es ist nicht nur ein historisches Datum, auch ein historischer Ort. Joachim-Ernst Berendt, Jazzpublizist, Produzent und Gründer der Berliner Jazztage, des heutigen JazzFests, entwickelte auch die Jazzredaktion des SWR und produzierte die erste Aufnahme des Orchesters. Berendt hatte Schlippenbach damals mit einer Auftragskomposition die Möglichkeit gegeben, bei den Jazztagen 1966 in der Berliner Philharmonie erstmals Free Jazz mit einem großen Ensemble aufzuführen.

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Von den Reaktionen auf dieses Konzert erzählen die Musiker heute noch gern. Von Tumulten ist da die Rede, von wütenden Beschimpfungen und begeistertem Zuspruch. Der deutsche Free Jazz der sechziger Jahre spaltete das Publikum in die einen, die nur Krach hörten, und die anderen, die Aufbruch hörten, neue Zusammenhänge, Wildes, Widerständiges, etwas ganz Neues, Unerhörtes.
Bald wuchsen überall in Europa Keimzellen der neuen, freien Musik heran, auch in Warschau und Ost-Berlin. Und die Pioniere vernetzten sich, traten gemeinsam auf und begannen, sich zu organisieren.

Im Globe Unity Orchestra trafen Musiker aus Europa und Amerika aufeinander, um nach neuen Möglichkeiten zu suchen und individuelle Erfahrungen miteinander zu teilen. Die Klangästhetik und Formensprache des Free Jazz beeinflussten auch die Neue Musik. Es folgten sogar Auftritte des Orchesters bei den Donaueschinger Musiktagen . Die Jazzmusiker suchten überdies nach anderem Material. Sie fanden es in einem verklärten Ideal des Proletariats, in Zimmermannshosen und schweren Stiefeln, in den Solidaritätsliedern von Kurt Weill und in der Volksmusik, etwa griechischer Folklore. Die Übersetzung in den Free Jazz verlief nicht ohne Schwierigkeiten und hinterließ eine Spur aus Siebziger-Jahre-Kitsch, selbst gebatikten Tüchern und Leinentaschen. Paul Lovens inspirierte das später zu seiner selbstironischen Komposition Kitsch Period From Wuppertal.

Das Globe Unity Orchestra reiste in den achtziger Jahren im Auftrag des Goethe-Instituts als deutsches Kulturgut um die Welt. Die Hörgewohnheiten hatten sich verändert, der Free Jazz hatte ein Publikum gefunden. Nur in den außereuropäischen Ländern liefen die Zuhörer scharenweise aus den Konzerten, hielten sich die Ohren zu oder schwenkten, wie 1989 in Chicago, weiße Fahnen zum Zeichen der Kapitulation vor dem Krächzen, Tuten, Hämmern und Quietschen, das Musik sein sollte. Sie waren keinen Free Jazz aus Europa gewöhnt.

Das Chicagoer Konzert war der letzte große Auftritt des Globe Unity Orchestra, dann fiel die Mauer. Man stellte die Berlin-Subventionen ein, und damit wurde es auch für das Orchester schwierig. Alexander von Schlippenbach spielte häufiger im Trio mit dem englischen Saxofonisten Evan Parker und dem Schlagzeuger Paul Lovens, konzentrierte sich auf Duett-Projekte und die Einspielung des Gesamtwerks von Thelonious Monk mit der Berliner Band Die Enttäuschung.

Für ein Konzert in Aachen formierte sich das Globe Unity Orchester 2002 erneut. Die Schweizer Plattenfirma Intakt veröffentlichte eine Aufnahme davon. Es folgten weitere Auftritte, so auch das Konzert 2005 in Lissabon, das dem verstorbenen Posaunisten und Mitstreiter Albert Mangelsdorff gewidmet war.

Über die Jahre hat das Orchester seine Besetzung verändert und auch verjüngt. Der Bassklarinettist Rudi Mahall und der Trompeter Axel Dörner aus Berlin und der Posaunist Jeb Bishop aus Chicago sind Anfang 40.

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