Jungs ballern gerne am Computer, nicht nur die aus bildungsfernen Problemfamilien. Für Außenstehende sind viele dieser Spiele, bei denen das Blut nur so spritzt und es Punkte fürs brutale Abschlachten gibt, abstoßend und Ekel erregend. Eltern, deren Kinder viele Stunden vor dem PC verbringen, sollten sich genauer anschauen, womit sich ihre Sprößlinge beschäftigen. Doch ein direkter Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewaltdarstellungen und real ausgeübter Gewalt ist, entgegen allen populären Vorurteilen, nicht nachgewiesen, weder bei Computerspielen noch bei Filmen und im Fernsehen. Und auch die Leistungen in der Schule leiden nicht automatisch, dem Eindruck einer aktuellen Studie zum Trotz .

Seit Computerspiele in den 1980er Jahren die deutschen Kinderzimmer eroberten, wird darüber spekuliert, ob und wie dargestellte Gewalt reale Aggressionen auslösen kann. Bei Amokläufen wird von Medien inzwischen halbautomatisch gemutmaßt, welches „Killerspiel“ der Täter denn im Regal gehabt haben könnte. Und oft findet man auf den Computern dann auch tatsächlich entsprechendes Material.

Wer am Computer verroht, wird das auch im realen Leben tun. So einfach könnte die Beweisführung sein, und ähnlich einfach haben es sich jetzt Forscher des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) gemacht. In einer breit angelegten Befragung haben sie sich mit der medialen Ausstattung von Kinderzimmern deutscher Viert- und Neuntklässler, deren Medienkonsumverhalten, Schulleistungen und ihrer Neigung zu Gewalttätigkeit beschäftigt.

Sie kommen zu vielen interessanten Ergebnissen: Wer häufig und viel Medien konsumiert, zeigt schlechtere Schulleistungen. Ein anderes Ergebnis: In Kinderzimmern, in denen Fernseher und Computer oder Spielekonsolen stehen, wird mehr Gebrauch von derartigen Geräten gemacht. Selbst die sanft entschlummernde „Unterschichtendebatte“ könnten die Forscher mit ihren Ergebnissen neu entfachen: In bestimmten gesellschaftlichen Schichten ist der Fernseher als Babysitter-Ersatz offenbar Normalzustand. Jungs sind offenbar besonders von der Medienverwahrlosung betroffen. Sie verbringen ihre Zeit häufig mit Spielen, für die sie definitiv noch zu jung sind. Ein weiterer Befund: Neuntklässler, die häufig Spiele "ab 18" gespielt haben, haben im Schnitt zwischen 0,5 und 0,7 Punkte schlechtere Noten.

Die Interpretation dieser und weiterer Ergebnisse ist jedoch der Knackpunkt: Die hannoverschen Forscher haben aus dem Datenmaterial einige Korrelationen herausgelesen. Doch ihre Interpretation ist fragwürdig – so sind zum Beispiel die Schulleistungsdaten einseitig ausgelegt worden. Der Mainzer Medienpädagoge Stefan Aufenanger begrüßt die Studie zwar grndsätzlich. Aber die Schlussfolgerungen wertet er kritisch: "Dass sich die Leistung problemlos verbessern würde, wenn der Bildschirm aus dem Zimmer verbannt wird, halte ich für fraglich." Dass gerade solche Computerspiele zum Frustabbau bei schlechten Schulnoten einladen, in denen der Spieler aus allem Kleinholz machen kann, was ihm in den Weg kommt, scheint ebenfalls nicht allzu weit hergeholt.

Ein Befund der Studie ist, dass mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Jungs sich Spiele beschaffen, die nicht für sie gedacht sind. Dabei handelt es sich um solche, die Gewalt- oder anderweitige nicht jugendfreie Darstellungen enthalten. Zum Beispiel Sexszenen, was die Forscher vollkommen ignorieren. Allerdings interessieren sich die meisten Viertklässler auch in Zeiten frühen Eintritts in die Pubertät deutlich weniger für Sex als Neuntklässler.