Biomedizin Frische Stammzellen?
Die Politik ringt um einen neuen Ethikrat. Wie der aussehen soll, ist höchst umstritten - genauso wie ein neuer Vorstoß zur Stammzellforschung.
Die Freiheit und Grenzen der Biomedizin und der daran forschenden Wissenschaftler hat schon unter Rot-Grün dazu getaugt, die Regierungskoalition zu spalten und überparteiliche Bündnisse im Parlament zu schmieden. Denn hier geht es immer um ethische Grundfragen: Ab welchem Zellteilungsstadium fängt des Menschen Würde an, die in Artikel 1 des Grundgesetzes geschützt ist? Ist es andererseits zu verantworten, Forschungen zu verbieten, die womöglich in der Lage wären, Heilungschancen für schwere, lebensbedrohliche Krankheiten zu eröffnen?
Ein letztes großes Zeugnis für das Dilemma, in das solche Fragen die Politik stürzen, ist das Stammzellgesetz aus dem Jahr 2002. Der von Kanzler Schröder 2001 ersonnene, noch bis Juli 2007 existierende Nationale Ethikrat ein anderes.
Das mit hochkarätigen Köpfen besetzte Gremium hatte von Anfang an einen schweren Geburtsfehler. Ihm fehlte demokratische Legitimation. Obwohl der Name Universalität beansprucht und signalisiert, für die ganze Nation zu sprechen, hat der Ethikrat doch immer unter dem Verdacht gestanden, ein Instrument zum Zwecke der Durchsetzung Schröder'scher wirtschaftsfreundlicher Forschungsinteressen zu sein. Die Vermutung war keineswegs abwegig, da Schröder keinen Hehl daraus machte, das Parlament für zu wenig aufgeschlossen gegenüber Fortschritten der Biotechnologie zu halten und ihm Scheuklappen abnehmen wollte. Immer wieder verwies er darauf, dass in anderen Ländern Europas und der Welt das Herstellen und Zerstören von Embryonen zu Forschungszwecken erlaubt ist, in Deutschland aber durch das strikte Embryonenschutzgesetz verboten.
Bisher hat sich die deutsche Politik strikt dafür entschieden, dass Embryonen niemals zu einem anderen Zwecke als der Fortpflanzung im Labor erzeugt werden dürfen. Schon in der letzten Koalition gab es jedoch Regierungsmitglieder und Abgeordnete, denen das zu restriktiv war; seit der Bundestagswahl 2005 sind es eher mehr geworden. Manche Forscher sehen sich benachteiligt im internationalen Vergleich, auch manche Bürger verstehen die strikte Haltung der Gesetzgebung in der Embryonenforschung und Fortpflanzungsmedizin nicht, wenn gleichzeitig die Straffreiheit von Abtreibung schon lange gesellschaftlicher Konsens ist.
Keine Frage, dass hier ein Ethikrat helfen kann, diese bei genauer Betrachtung sehr unterschiedlichen ethisch-moralischen Güterabwägungen vorzubereiten, zu erläutern und zu erklären. Denn viele Abgeordnete sind mit diesen Fragen letztlich ebenso überfordert und schlecht informiert wie viele Bürger.
Noch vor Schröders Nationalem Ethikrat hatte das Parlament deswegen eine Enquete-Kommission zu Ethik und Recht in der modernen Medizin eingerichtet, die jedoch in der Natur der Sache liegend eine kurze Laufzeit hatte, da solche Fachkommissionen immer nur befristet agieren. Nun soll ein neuer Ethikrat her - besser legitimiert, weil dessen Mitglieder zur Hälfte vom Parlament berufen werden dürfen.
- Datum 15.11.2006 - 13:30 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Menschliche Eizellen sind keine Menschen, und es kommt Ihnen keine der Eigenschaften zu, die Quelle der unveräußerlichen Menschenwürde sind.
Ein Vergleich von Embryonenschutz- und Abtreibungsrecht sollte die Absurdität der Rechtslage mehr als verdeutlichen.
Der Versuch, durch immer neue Ethikräte und diffuse religiöse "Argumente" absurde Schutzrechte zu etablieren, wird nur das Gegenteil bewirken. Die Menschen werden die entstehende Gesetzgebung richtig einordnen in die Schublade der heiligen Kühe der politischen Klasse, direkt neben dem gebührenfinanzierten Fernsehen, der Wehrpflicht, und der Apothekenordnung.
Was am Ende Schaden nimmt, ist der Status der Menschenwürde Die Würde atmender, denkender, urteilender, schmerzempfindender Menschen, deren massenhafter Tod im Dritten Reich der Grund für die Formulierung von Artikel 1.1 war und für deren Schutz sich viel zu wenig Ethikräte einsetzen.
Tatsächlich glaube ich, dass es ohnehin zu spät und Artikel 1.1 mittlerweile argumentativ verbrannt ist. Was dem Stammtisch sein "Sowas gehört doch verboten!" ist, ist dem Interlektuellen sein "Verletzt die Menschenwürde!". Die Vokabel Menschenwürde wird längst jederzeit gerne ins Feld geführt, um Verbote dort durchzusetzen wo keine Opfer erkennbar sind, und Gesetze oder gar die "harten" Grundrechtsartikel partout nichts hergeben. Geht es nun um Eizellen oder Big Brother und demnächst vielleicht um die Abschaffung (oder Bestandsgarantie) des Musikantenstadls.
Wie soll man sich da noch auf die Menschenwürde berufen, um etwa die Aufweichung des Folterverbots zu verhindern, ohne bloß Hohn zu ernten?
Zitatbeginn:
auch manche Bürger verstehen die strikte Haltung der Gesetzgebung in der Embryonenforschung und Fortpflanzungsmedizin nicht, wenn gleichzeitig die Straffreiheit von Abtreibung schon lange gesellschaftlicher Konsens ist.
Zitatende.
Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen. Darüberhinaus habe ich Zweifel, ob es wirklich nur 'manche' Bürger sind, die die strikte Gesetzgebung vor dem geschilderten Hintergrund nicht verstehen.
Herzlichst Crest
Ende 2001 begann ich mit dem Studium in Deutschland - Biotechnologie. Heute arbeite ich in der Schweiz mit embryonalen Stammzellen. Ich kann mich gut an die Diskussionen damals erinnern und nun bin ich gespannt, die Diskussionen aus der ferne mitzuerleben.
Warum ich das tue, was ich tue? Weil ich einen Sinn darin sehe, weil auch dieser winzige Teil molekularbiologischer Forschung wichtig ist und weil die Alternativen keine wirklichen Alternativen darstellen. Nichts ersetzt eine ES-Zelle und der Umgang mit den Zellkulturen ist vergleichsweise problemlos und effizient.
Im Gegensatz dazu sehe ich keinen Sinn in ewig kryonisierten Embryonen, die irgendwo lagern, längst vergessen von ihren Erzeugern und doch irgendwann entsorgt werden müssen. Und schon vor 5 Jahren fand ich die Ausrede mehr als lau, ES-Zellen aus dem Ausland importieren zu können, aber sie bloss nicht in Deutschland zu generieren. Findet denn die deutsche Regierung, dass ausländische Embryonen ok, deutsche aber mehr schützenswert seien?
Ich halte es für dringend notwendig einen handlungsfähigen Ethikrat zu etablieren und eine ausgewogene Diskussion zu führen. Sollte sich nicht auch jemand darum kümmern, dass die breite öffentlichkeit sich auch mit ausgewogener Berichterstattung und verständlicher Wortwahl informieren kann?
Geht ein Forscher auf die Straße und frägt einen beliebigen (unvoreingenommenen!) Bürger, nennen wir ihn Hans Meier, ob etwas dagegen habe, dass er forsche. Der antwortet ihm, um das beurteilen zu können, müsser er erst wissen, ob denn jemand durch des Forschers Arbeit zu schaden kommt oder kommen könnte. Nein, niemandem wird dadurch ein Leid zugefügt, keinem Menschen und keinem Tier, ich experimentiere nur mit ein paar Zellen. Was wird nun Hans Meier dem Forscher auf den Weg geben? Er wird ihm sagen: "Forschen Sie nur weiter, haben Sie Spaß an Ihrer selbst gewählten Arbeit."
- Für was, verdammt noch mal brauchen wir Ethikkommissionen, die sich ihre eigenen Werte erfinden? Was den Menschen ausmacht, ist doch nicht seine Erbinformation!
Zitatbeginn:
auch manche Bürger verstehen die strikte Haltung der Gesetzgebung in der Embryonenforschung und Fortpflanzungsmedizin nicht, wenn gleichzeitig die Straffreiheit von Abtreibung schon lange gesellschaftlicher Konsens ist.
Zitatende.
Dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen - oder kann mir jemand darlegen, warum das Rechtsgut der Heilungsmöglichkeit (vieler Patienten) durch Stammzellenforschung offensichtlich weniger wert ist als das Rechtsgut der Selbstverwirklichung (einzelner Individuen) im Fall von Abtreibungen?
Herzlichst Crest
Ich sehe keinen Wirklich zwingenden Grund die Institution EthikRat zu verwerfen, er hat sich als fundierte, moralisch integre und nicht durch Industrie und Forschungsinteressen (davon sitzen schon genug im Bundestag) geleitete Beratungsquelle bewährt.
>Das mit hochkarätigen Köpfen besetzte Gremium hatte von Anfang an einen schweren Geburtsfehler. Ihm fehlte demokratische Legitimation. Obwohl der Name Universalität beansprucht und signalisiert, für die ganze Nation zu sprechen, hat der Ethikrat doch immer unter dem Verdacht gestanden, ein Instrument zum Zwecke der Durchsetzung Schröder'scher wirtschaftsfreundlicher Forschungsinteressen zu sein. Die Vermutung war keineswegs abwegig,<
Die Vermutung hat sich ja aber wohl nicht bestätigt, wenn man sich die Stellungnahmen der Kommision ansieht, auch wenn man sich die Mitglieder einmal betrachtet hätte, war die Vermutung völlig unbegründet.
Ein Wichtiger Punkt, der hier angesprochen wird:
>auch manche Bürger verstehen die strikte Haltung der Gesetzgebung in der Embryonenforschung und Fortpflanzungsmedizin nicht, wenn gleichzeitig die Straffreiheit von Abtreibung schon lange gesellschaftlicher Konsens ist.<
Man sieht ganz eindeutig, dass beide Gesetzt in ihrer Konsequenz nicht aus einem Guss sind, aber den gleichen Grundgedanken beinhalten: Der Embryo ist menschliches Leben und somit schützenswert. Eine Abtreibung ist wieder die moral und das Gesetz! Aber im Zuge der Emanzipationsbewegung der Frau wurde die Straffreiheit für Abtreibungen im Gesetz verankert. Das der gute Gedanke hinter der Straffreiheit mittlerweile häufig zur Fahrlässigkeit verleitet, war nicht im Sinne der Gesetzgeber. Eiertanz trifft das ganz gut, wie man sich dreht, wo man auch hintritt, ist schnell Wertvolles zerstört!
Die geforderte demokratische Legitimation des Ethikrates ist ein guter Zusatz, aber nicht zwingend, denn er hat, wie der Name schon sagt, nur beratende Funktion, keine Gesetzgebende. Und daher ist auch der Einwand von Wolfgang Wodarg und den Greppenanträglern unbegründet, denn dieser Rat soll ja denen, die nicht genügend informationen zur Beurteilung und Fundierung von moralischen Positionen haben, eben diese liefern. Wer das nicht will, der braucht sich die Stellungnahmen ja nicht durchlesen, ausserdem ist keiner der Abgeordneten durch die Existenz eines beratenden Gremiums vom eigenständigen und kritischen Nachdenken befreit - nein sie sind gerade zu dazu aufgefordert dadurch selbst in die Debatte mit ihren Kollegen zu treten.
Und @TobiausBayern:
>...nein, niemandem wird dadurch ein Leid zugefügt, keinem Menschen und keinem Tier, ich experimentiere nur mit ein paar Zellen.<
Würde der Forscher aber hinzu fügen, dass diese Zellen aus einem Embryo ('so wie früher ihr kind im Bauche ihrer Frau', Herr Meier)gewonnen wurden - der nur zu diesem Zwecke hergestellt wurde und möglicherweise danach stirbt - der sich unter natürlichen Bedingungen zu einem Menschen entwickelt hätte, würden Herrn Meiers Reaktionen vielleicht anders ausfallen.
Und was macht denn den Menschen als Organismus denn noch notwendigerweise zum Menschen?
MfG
Im Artikel wird argumentiert, dass eine staerkere Beteiligung des Parlaments wuenschenswert waere. Aber vertritt das Parlament in dieser Frage wirklich das Volk? Selbst in den eher konservativen USA spricht sich die Mehrheit der Bevoelkerung fuer Stammzellforschung aus und auch der republikanische Gouvernor Schwarzenegger foerdert die Stammzellforschung in Kalifornien nach Kraeften. Ich denke bei Umfragen in Deutschland waere die Mehrheit fuer Stammzellforschung noch deutlicher als in den USA zumal ein Drittel der Bevoelkerung hier konfessionslos ist.
Die Politik ist sich anscheinend der Auswirkungen ihrer Gesetze nicht bewusst. Jedes Gesetz das Forschung in Deutschland schwieriger macht als im Ausland fuehrt zum Ausscheiden Deutschlands im internationalen Wettbewerb. Bei Patenten gibt keinen zweiten Platz! Das derzeitige Gesetz hat also die gleiche Wirkung wie ein vollstaendiges Verbot der Stammzellforschung: Wer in diesem Gebiet arbeiten will verlaesst Deutschland. Hier in Grossbritannien werden Stammzellforscher aus Deutschland mit offenen Armen empfangen.
Und wieder eine weitere Zukunftstechnologie von der sich Deutschland verabschiedet hat. Ob Deutschland in 20 Jahren wohl auch den Import von durch Stammzellforschung entwickelten Medikamenten blockiert? Das waere jedenfalls wirklich konsequent!
Wo sind denn unsere Kommentare hin verschwunden? Waren die denn 'beleidigend, strafbar oder obszön'? Wohl eher niocht, oder? Ach, der Webmaster hat nur Mist gebaut beim Update? Na, dann mal fröhliches Backup suchen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren