Weblogs Zwischen den Zeilen

Briefe aus Rungholt, Alles über China und viel Politik: Die besten Weblogs der Welt wurden in Berlin ausgezeichnet. Einige der Gewinner waren Überraschungen.

Im 14. Jahrhundert versank eine Stadt in einer Nordseesturmflut: Rungholt ist seitdem ein Mythos wie Atlantis oder Vineta. Doch ganz versunken ist es nicht. Rungholt liegt heute in einem Kibbuz nahe der israelischen Hafenstadt Haifa.

Die in Deutschland geborene Bloggerin „Lila“ berichtet von dort in ihrem Weblog „ Letters from Rungholt“ über das tägliche Leben. Seit 2004 bloggt sie unter Pseudonym über Raketeneinschläge in der Nachbarschaft, die innerisraelische Sicht auf Attentate, über Deutschland, die Kibbuzpolitik und nicht zuletzt auch über Privates. „"Meine eigene Welt ist versunken wie Rungholt“, so erläutert die erstaunte Gewinnerin den einprägsamen Namen ihres Blogs. „Das Deutschland, in das ich würde zurückkehren wollen, gibt es nicht mehr – und ich sehe mich als jemand, der auf die Wellen guckt und darunter eine Stadt sieht und Glocken läuten hört.“

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Weil sie über ein schwieriges Thema schreibt, hatte sie zuerst Bedenken, in deutscher Sprache zu bloggen. „Eine vollkommen unbegründete Angst sei das gewesen, sagt sie heute. „Es gibt viele intelligente, ehrliche und freundliche Leser, die meine Meinungen zur Kenntnis nehmen und sie als Baustein für eine eigene, oft ganz andere Meinung benutzen - und genau das will ich ja.“

So wie Lila leisten rund um den Globus Millionen von Bloggern ihre kleinen Beiträge zur Meinungsbildung, auf ganz verschiedenen Ebenen. Einige von ihnen wurden gestern in Berlin ausgezeichnet. Der deutsche Auslandssender Deutsche Welle verlieh zum dritten Mal die „Best of Blogs“-Awards (kurz: BOBs). Die Nutzer waren aufgerufen, Vorschläge für die Preise einzureichen. Es wurde nach den interessantesten Projekten in zehn verschiedenen Sprachen Ausschau gehalten und die Ergebnisse sprechen für sich: In jedem Sprachraum finden sich hervorragende Weblogs.

Als das beste Weblog überhaupt wurde das Blog der Sunlight Foundation ausgezeichnet. Die Autoren setzen sich für mehr Transparenz in politischen Prozessen in den USA ein, betreiben Kampagnen und sind Anlaufstelle für Interessierte. „Sie haben die Bürger ermutigt, investigativ tätig zu werden, sagte Laudator und Jurymitglied Mark Glaser, selbst Blogger und Journalist. Die Jury sah das Sunlightblog als vorbildliches Projekt an –und ermutigte Blogger in aller Welt, es nachzuahmen.

In der Jury der BOBs fanden sich zahlreiche namhafte Blogger und Journalisten. Intensiv habe man diskutiert, teilte die Jury bei der Bekanntgabe mit, doch letzten Endes hätten vor allem die Inhalte, neue Ideen und schließlich auch das Design entschieden. Dass die BOBs ein politischer Preis für Meinungsfreiheit und Völkerverständigung sind, ist angesichts der Preisträger und der Jurybesetzung offensichtlich und gewollt: So wurde als bestes persisches Blog „ z8un.com “ ausgezeichnet, ein Blog, das sich politischen und gesellschaftlichen Diskussionen widmet.

Der russischsprachige Preisträger hat sich das wechselseitige Verständnis zur Aufgabe gemacht: „ Wsjo o Kitae “ („Alles über China“) heißt das Blog, dass sich mit dem großen südöstlichen Nachbarn Russlands beschäftigt. Im größten Land der Welt sind Vorurteile gegen Chinesen populär, in den entlegenen und angrenzenden Teilen des demografisch schrumpfenden Russlands gibt es eine steigende Zahl chinesischer Immigranten. „Das Blog leistet einen wichtigen Beitrag dazu, unsere Nachbarn zu verstehen,“ sagte die russische Jurorin Marina Litwinowitsch.

Eine Sonderkategorie bildet der „Reporter ohne Grenzen“-Preis. Mit ihm werden besonders mutige Blogger ausgezeichnet. Gewinner waren in diesem Jahr zwei iranische Blogs: zum einen das Fotoblog kosoof.com , zum anderen das Blog Tanine Sokut – das heute online nicht mehr zu erreichen war. Julien Pain von Reporter ohne Grenzen ist sich der politischen Bedeutung des Preises bewusst: „Die Auszeichnung ist in erster Linie unser bescheidener Tribut an die Tapferkeit dieser Leute.“ Zur Unterstützung gefährdeter Kollegen bietet die Organisation nun auch selbst Bloghostingdienste an .

China war gleichfalls vertreten. In ihrem Weblog beschreibt die frühere Gastrojournalistin Shuweicao über ihr Leben mit Magenkrebs – und darüber, wie es nach der operativen Entfernung des Organs für sie weitergeht. „Wir haben viele Beschränkungen, aber wir geben niemals auf“, sagte der chinesische Blogger und Juror Michael Anti. In China würden sehr viele gute Blogs von Journalisten verfasst, die privat etwas freier schreiben dürften. Es seien auch und gerade die Medienmitarbeiter, unter denen sich in China etwas zu ändern beginne.

Der bekannte iranische Blogger Hossein Derakshan reflektierte den Umstand, dass politische Kritik auch zu Problemen führe. Am Beispiel seines Landes illustrierte er, dass zum Beispiel offene Kritik an der Politik des Präsidenten Ahmadineschad in Blogs geäußert würde – als Kronzeugen für die Politik der US-Regierung zu gelten, dagegen würden sich die meisten iranischen Blogger jedoch verwahren.

Ob es in Frankreich um die Wiederansiedlung von Bären oder in Brasilien um eine bessere Verkehrsplanung geht – die Themen kommen aus der Bevölkerung und meist ohne Filter auf den Bildschirm der Mitbürger. Auch im kleineren Maßstab sind Blogs häufig politisch, manchmal explizit, manchmal implizit. „Blogs sind nicht mehr etwas, das man mit den Worten 'da sitzen Leute in Pyjamas vor ihren Computern und schreiben irgendetwas' kommentieren könnte“, stellte Mark Glaser fest. Auch wenn sicherlich manche der interessanteren Blogeinträge auf genau diese Art geschrieben werden.

„ Letters from Rungholt “ bekam den Preis für das beste deutschsprachige Weblog. Und einen Nebeneffekt bekommt Bloggerin Lila nun schon zu spüren: Bekanntheit hat auch ihre Schattenseiten. Sie freut sich zwar sehr über die Auszeichnung. Doch ein Geschenk seien die nun in den Kommentaren zu ihren Einträgen schreibenden neuen Nutzer leider nicht alle.

Alle Preisträger:

Arabisch: jarelkamar.manalaa.net (Ägypten)
Portugiesisch: apocalipsemotorizado.blogspot.com (Brasilien)
Chinesisch: blog.sina.com.cn/m/shuweicao (China)
Niederländisch: bureaubelgrado.blogspot.com (Serbien)
Englisch: paidcontent.org (USA)
Französisch: www.loup-ours-berger.org (Frankreich)
Deutsch: rungholt.wordpress.com (Israel)
Persisch: z8un.com (Iran)
Russisch: community.livejournal.com/magazeta/ (Russland)
Spanisch: lahuelladigital.blogspot.com (Spanien)

Reporter ohne Grenzen-Preis:
kosoof.com und Tanine Sokut (beide Iran)


Best Corporate Weblog:
Fußballblog von Wassilij Utkin (Russland)

Bester Podcast:
Muzimei Studio (China)

Blogwurst-Preis:
Aref-Adib.com

Mehr zum Thema Weblogs finden Sie unter zeit.de/computer und in unseren Weblogs

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 12.11.2006 um 19:52 Uhr

    Wenn man nun schon keinen Winkel des Lebens mehr ohne Ranking und ohne Prämierung lassen kann, dann fällt mir nur ein Blog ein, das ich mit Riesengewinn lese: das ist Mumie's Blog über Kairo hier auf Der Zeit.

    Mumie hat einen unbestechlichen Blick hinter die Oberfläche, für das typische, für das schlagartige Aufblitzen der Wahrheit und ihrer Widersprüchlicheit.

    Ihr Blog macht ihre Welt in einer Intensität erlebbar, die eindrücklich und lehrreich ist.

  1. Also, bei aller Qualität, die nominiert und ausgezeichnet wurde, ist die Darstellung der Preisträger als "beste Blogs der Welt" ungefähr so fair wie die Beschreibung von Oscarpreisträgern als "beste Schauspieler der Welt" - die Welt der Blogs ist zu groß für solche Verkürzungen...

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