Amoklauf White Trash
Was verbindet Sebastian, den Schulattentäter aus Emsdetten, mit Robert aus Erfurt und Dylan und Eric aus Columbine? Eine Spurensuche
Es ist nicht nur die Tatsache, dass diese Jugendlichen schwerbewaffnet ihre (frühere) Schule stürmten, mit der festen Absicht, Mitschüler, Lehrer und schließlich sich selbst zu töten, die sie verbindet. Es ist auch das Täterprofil, das sich jeweils erschreckend ähnelt.
Dazu mehrere Fakten: Wir haben es hier, erstens, nicht mit tragischen Vertretern aus so genannten „prekären Verhältnissen“ zu tun, nicht mit Mitgliedern der vor einigen Wochen massenmedial entdeckten Unterschicht. Sebastians Vater war Postbote; die Mutter kümmerte sich als Hausfrau um Eigenheim und um ihre insgesamt drei Kinder. Auch die anderen Schulmörder waren, soziologisch betrachtet, der unteren Mittelschicht zuzuordnen.
Es sind, zweitens, Täter ohne den Hauch eines Migrationshintergrundes. Bosse und Steinhäuser sind Sebastians und Roberts fast schon klischeehaft deutsch klingenden Nachnamen. Ihre Aggression richtete sich auch nicht etwa gegen Ausländer, sondern gegen die allgemeinen Umstände, die ihnen das Leben erschwerten. Sebastian machte im Internet mehrmals auf die Missstände der ihn umgebenden „Gesellschaft“ aufmerksam, bevor er zur Tat schritt. Die Erwähnung dieses Umstands soll allerdings nicht beschönigen, dass die jugendlichen Attentäter – etwa im amerikanischen Columbine – auch nationalsozialistische Symbole verwendeten und entsprechende Aufrufe tätigten.
Drittens waren Robert und Sebastian, auch Eric und Dylan, soziale Außenseiter. Absonderliche „Nerds“, wie man sie in den USA nennt. Ganz unten in der Schulhierarchie. Jeder ehemalige Schüler kennt solche armen Wunderlinge, mit denen niemand spielen und reden will. Umgeben von Halbstarken, unter denen sie offenkundig mehr psychisch als physisch litten, heckten sie, angeregt durch medialen Einfluss, immer blutigere Rachefantasien aus, die sie letztlich umsetzten.
An sich waren sie durchaus kluge, aber verzweifelte Menschen. Und offenbar völlig vereinsamt: Keiner der Attentäter hatte (jemals) eine feste Freundin.
Viertens hatten sie alle eine ausgeprägte Affinität zu zwei Sujets, die als Hobby nicht ungewöhnlich für Jugendliche ihrer Generation sind. Zum einen liebten sie Gewalt- und Horrorfilme und vor allem -spiele. Ihre Morde, auch Sebastians Posen im Internet waren Zitate an bekannte Hollywoodstreifen, an populäre Computergames. Zum anderen waren sie, das hängt mitunter mit eben Genanntem zusammen, ausgemachte Waffennarren. Seit Jahren schon fachsimpelte etwa Sebastian aus Emsdetten im Internet über Bomben und Granaten.
- Datum 23.11.2006 - 03:23 Uhr
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Wenn ich diesen Artikel lese dann frage ich mich warum der Ausdruck 'white trash' herhalten muss,gibt es keinen passendere, deutsche Bezeichnung? Die Schueler von Columbine waren keine white trash sondern Kinder aus der Mittelklasse .Unter white trash versteht man was ganz anderes.
Der Titel ist auf dem Niveau der Bildzeitung.
Der Artikel ist inhaltlich ganz ok.
White Trash wird meines Wissens nach gerne von
fleissigen Asiaten benutzt, die auf faule,
weisse amerikanische Jugendliche herabblicken.
Ja, es gibt leider zu wenige wie Biermann um den deutschen Nachrichtenspuk und den Eisberg drunter bloßzustellen. Ihn mit dem Waffen-SS-Grass zu vergleichen, ist wie den Schutzaun der Israelis mit der Berliner Mauer zu vergleichen.
P.
Natürlich sind jetzt wieder die nicht-informierten Computer-Spiel-Verbieter auf dem Plan. Leute, lasst es euch doch mal gesagt sein: Es nützt nichts. Nicht dass mir die Brutalo-Spiele fehlen würden. Aber die Sache ist doch die: In Deutschland kommen schon jetzt wegen der strengen Jugendschutzbestimmungen viele Brutalo-Spiele in abgemilderter Fassung in die Regale, ohne die extreme Brutalität der amerikanischen Fassungen. Und was machen die Kids, die sich (aufgrund von schon vorhanderer psychischer Gestörtheit) gern als blutrünstige kleine Monster vor der Kiste sitzen? Die laden sich die uneingeschränkt brutalen Versionen einfach illegal aus dem Internet. Wer sich mal neugierhalber auf den dunklen Seiten des Internets umgeschaut hat, weiß, dass das nicht das geringste Problem darstellt. Überhaupt laden gerade diese Kinder und Jugendlichen schon aus Geldmangel die meiste von ihnen benutzt Software (sowie Musik und Filme) illegal aus dem Netz. Was soll da ein Verbot schon bringen?
Eltern, die selbst Probleme haben und ihre Kinder vor dem PC parken anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen, und die nicht erziehen, keine Grenzen setzen - diese Eltern sind ein Teil des Problems.
Ein anderer gravierender Punkt ist die in den Schulen lange Zeit verbreitete Angst von Schulleitern und Lehrern, irgendwie 'dumm' aufzufallen. 'An unserer Schule gibt es keine Gewalt!' war doch lange genug die Devise - nicht zuletzt geschürt und befördert, wenn nicht geradezu erpresst von Schulaufsichtsbeamten und Politikern, die keine 'schlechten' Schlagzeilen über die Schulen sehen wollten.
Erst in den letzten Jahren scheint ja in diesem Punkt langsam ein Umdenken einzusetzen. Den Lehrern der Berliner Rütli-Schule gehört für ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, in diesem Zusammenhang ein Denkmal gesetzt! Endlich scheint man in diesem Land zu kapieren, dass man mit Totschweigen keine Probleme aus der Welt schafft - im Gegenteil.
Was not tut, sind Eltern und Lehrer, die hinschauen und handeln, die vernünftige Grenzen setzen, die Mobbing und offene Gewalt im Keim ersticken und deutlich machen, dass solch ein Verhalten weder gesellschaftlich noch moralisch akzeptabel ist. Und darüber hinaus eine Gesellschaft, die endlich wieder Zivilcourage entwickelt. Die 'Da misch ich mich nicht ein, das geht mich nichts an'-Haltung muss aufhören. Ohne eine wieder einsetzende soziale Kontrolle wird das Problem nicht in akzeptable Bahnen zu lenken sein. Die Wertebeliebigkeit muss aufhören. Es GIBT ein allgemein verbindliches 'Falsch' und 'Richtig', auch wenn man allzu lange so getan hat, als sei dies nicht der Fall. Man kann einfach nicht alles der persönlichen Entscheidung überlassen. Ohne Werte, Grenzen und moralische Richtlinien sind Kinder, Jugendliche und auch viele Erwachsene überfordert. Das kristallisiert sich immer deutlicher heraus. Es wird Zeit, umzudenken und zu handeln.
White Trash ist ein rassistischer Begriff. Wenn die ZEIT-Redaktion damit keine Probleme hat, wird sie es schwer haben, eine überzeugende Begründung zu finden, die Benutzung von Vokabeln wie Black Trash oder Jewish Trash zu unterbinden.
Wenn Ihnen meine Ansichten zu politisch korrekt erscheinen, dann bitte ich wenigsten um eine ehrliche Eindeutschung als Menschenmüll. Ist auch viel einfacher zu schreiben als 'abgehängtes Prekariat'.
'White Trash' geht also, aber ein Begriff wie Arschlöcher muss mit Sternchen verfremdet werden?
Nerd ist im Text gemeint vermute ich, nicht nurd. Unnötiger Fehler, der die Qualität des Artikels keineswegs steigert.
Wer selbst ein Nerd oder Geek war/ist wird sich erinnern und wissen wie es an deutschen Schulen zugeht, wenn man nicht in das 08/15 Weltbild der anderen passt. Dem Rest der Welt der immer angepasst mit durchkam kann man das weder erklären noch vermitteln. Erst als Erwachsener kann man auch als Nerd glücklich werden, wäre nur toll, wenn man das vorher wüsste und einem das das Leben an deutschen Schulen einfacher machen würde.
zu den meisten zeit schreiberlingen passt ein zitat von wolf biermann:
'Der schwärmerische Respekt vor dem Fremdländischen ist nur Bequemlichkeit und Hochmut. Ich sehe im Multikulti-Geschwärme meiner alternativen Zeitgenossen die seitenverkehrte Version des Rassedünkels von gestern.“
Wenn ich es recht erinnere, hatten wir in den vergleichsweise libralen 1970/80ern keine solch exessiven Gewaltasubrüche einzelner gegen Gemeinschaften, jedoch in den von einem autoritären öffentlichen Klima geprägten 1950/60ern und seit den 1990ern.
Der Blick auf den Täter wirkt daher weniger erhellend, der Blick auf das (öffentliche) Umfeld könnte weiterführen. Also: Gibt es sozialklimatische Ähnlichkeiten im öffentlichen Umfeld der Täter, die solche Taten gedeihen lassen? Das allerdings heiße, die in diesem Umfeld Macht-Habenden in die Untersuchung mit einzubeziehen.
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