Amoklauf White TrashSeite 2/2
Fünftens waren alle technikaffin. Sie informierten sich über das Internet, posierten vor Digicams, produzierten makabere Clips für Youtube und Konsorten. Ihnen ging es nicht nur um die bloße Tat, sondern auch um deren Dokumentation für die Nachwelt. Wenn man so will, entsprangen ihre Taten aufgestauter Unzufriedenheit und dem Wunsch, wenigstens einmal die totale Aufmerksamkeit zu erlangen - durch ihren Amoklauf und ihren inszenierten Tod. Ein Motiv, das in der Geschichte schon viele Menschen zu Verbrechern machte. Es ist davon auszugehen, dass Sebastian die „Menschen“ deshalb „verachtete“, wie er in seinem Abschiedsbrief schrieb, weil er selbst mit Verachtung und Marginalisierung aufwuchs.
Wenn man schnell genug war, schneller als die Polizei, die Sebastians Homepage inzwischen gesperrt hat, konnte man die Entwicklung seines kurzen Lebens im Wortsinn unheimlich gut nachvollziehen. Seit Jahren schon tippte er – auf seiner Webpage und in den diversen Chatforen - seine Frustration in die virtuelle Welt des Cyberspace hinein. Lehrer nervten, Mitschüler drangsalierten ihn. Dabei konnte Sebastian durchaus einfühlsam und zuweilen tatsächlich witzig formulieren, und er hatte eine gewisse Wirkung auf andere. Viele Netz-Diskussionen regte er unter seinem Pseudonym „resistantX“ an.
Im Web erzählte er von den Projekten seiner diversen Film- und Sportgruppen: „Es entstand ein kleiner Verein von jungen Burschen, welche mit ihren Springpistolen und Baumarktbrillen zu spielen begannen“, oder: „Wir planen gerade unser neues Projekt. Es wird eine Szene geben, in der ein junger Mensch Selbstmord begeht.“ Retrospektiv muss man aber hinterfragen (und einige der Chatpartner taten das damals bereits), ob es dieses gemeinschaftliche Umfeld wirklich gegeben hat oder ob da nicht einer fantasierte, der sich kaum etwas mehr wünschte als eine verlässliche Gemeinschaft.
Sebastian brauchte Hilfe, und er suchte sie. Bereits im Juni 2004 schrieb der Emsdetter Attentäter an eine Beratungsstelle: Meine „Angst schlägt so langsam in Wut um. Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen, und mich an all den Arschl**hern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben. (...) Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf! Ich weiß nicht, woran ich bin, ich weiß nicht mehr weiter, bitte helft mir.“
Am Montag erlebten wir folglich einen angekündigten, öffentlichen Selbstmord. Motiviert war er durch persönlich erfahrener Ablehnung, Selbstmitleid und Selbstübersteigerung und durch Verzweiflung an der Gesellschaft. All das erinnert in gewissem Sinne an die Leiden des jungen Werthers. Auch wenn Goethes Held edelmütiger war als die Killer der Schulhöfe des 21. Jahrhunderts.
Über das Leben Sebastians liest man nun mit einer gewissen Faszination. Diese Aufmerksamkeit hätte ihm früher besser getan. Der Vergleich der Täterprofile hat gezeigt, dass es nicht die materielle Verwahrlosung oder Armut war, die die Täter antrieb. Es waren banale, alltägliche Fälle, natürlich Einzelfälle, aber mit einer beunruhigenden gesellschaftlichen Antriebskomponente. Sebastian, Robert, Eric und Dylan waren psychisch gestörte, sadistisch veranlagte Jungs, die inmitten einer leicht zugänglichen Trashkultur aufwuchsen.
Zum Thema
Tragen die so genannten Killer-Computerspiele zur Gewaltbereitschaft von Jugendlichen bei?
Hintergründe zur aktuellen Debatte »
- Datum 23.11.2006 - 03:23 Uhr
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Wenn ich diesen Artikel lese dann frage ich mich warum der Ausdruck 'white trash' herhalten muss,gibt es keinen passendere, deutsche Bezeichnung? Die Schueler von Columbine waren keine white trash sondern Kinder aus der Mittelklasse .Unter white trash versteht man was ganz anderes.
Der Titel ist auf dem Niveau der Bildzeitung.
Der Artikel ist inhaltlich ganz ok.
White Trash wird meines Wissens nach gerne von
fleissigen Asiaten benutzt, die auf faule,
weisse amerikanische Jugendliche herabblicken.
Ja, es gibt leider zu wenige wie Biermann um den deutschen Nachrichtenspuk und den Eisberg drunter bloßzustellen. Ihn mit dem Waffen-SS-Grass zu vergleichen, ist wie den Schutzaun der Israelis mit der Berliner Mauer zu vergleichen.
P.
Natürlich sind jetzt wieder die nicht-informierten Computer-Spiel-Verbieter auf dem Plan. Leute, lasst es euch doch mal gesagt sein: Es nützt nichts. Nicht dass mir die Brutalo-Spiele fehlen würden. Aber die Sache ist doch die: In Deutschland kommen schon jetzt wegen der strengen Jugendschutzbestimmungen viele Brutalo-Spiele in abgemilderter Fassung in die Regale, ohne die extreme Brutalität der amerikanischen Fassungen. Und was machen die Kids, die sich (aufgrund von schon vorhanderer psychischer Gestörtheit) gern als blutrünstige kleine Monster vor der Kiste sitzen? Die laden sich die uneingeschränkt brutalen Versionen einfach illegal aus dem Internet. Wer sich mal neugierhalber auf den dunklen Seiten des Internets umgeschaut hat, weiß, dass das nicht das geringste Problem darstellt. Überhaupt laden gerade diese Kinder und Jugendlichen schon aus Geldmangel die meiste von ihnen benutzt Software (sowie Musik und Filme) illegal aus dem Netz. Was soll da ein Verbot schon bringen?
Eltern, die selbst Probleme haben und ihre Kinder vor dem PC parken anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen, und die nicht erziehen, keine Grenzen setzen - diese Eltern sind ein Teil des Problems.
Ein anderer gravierender Punkt ist die in den Schulen lange Zeit verbreitete Angst von Schulleitern und Lehrern, irgendwie 'dumm' aufzufallen. 'An unserer Schule gibt es keine Gewalt!' war doch lange genug die Devise - nicht zuletzt geschürt und befördert, wenn nicht geradezu erpresst von Schulaufsichtsbeamten und Politikern, die keine 'schlechten' Schlagzeilen über die Schulen sehen wollten.
Erst in den letzten Jahren scheint ja in diesem Punkt langsam ein Umdenken einzusetzen. Den Lehrern der Berliner Rütli-Schule gehört für ihren Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, in diesem Zusammenhang ein Denkmal gesetzt! Endlich scheint man in diesem Land zu kapieren, dass man mit Totschweigen keine Probleme aus der Welt schafft - im Gegenteil.
Was not tut, sind Eltern und Lehrer, die hinschauen und handeln, die vernünftige Grenzen setzen, die Mobbing und offene Gewalt im Keim ersticken und deutlich machen, dass solch ein Verhalten weder gesellschaftlich noch moralisch akzeptabel ist. Und darüber hinaus eine Gesellschaft, die endlich wieder Zivilcourage entwickelt. Die 'Da misch ich mich nicht ein, das geht mich nichts an'-Haltung muss aufhören. Ohne eine wieder einsetzende soziale Kontrolle wird das Problem nicht in akzeptable Bahnen zu lenken sein. Die Wertebeliebigkeit muss aufhören. Es GIBT ein allgemein verbindliches 'Falsch' und 'Richtig', auch wenn man allzu lange so getan hat, als sei dies nicht der Fall. Man kann einfach nicht alles der persönlichen Entscheidung überlassen. Ohne Werte, Grenzen und moralische Richtlinien sind Kinder, Jugendliche und auch viele Erwachsene überfordert. Das kristallisiert sich immer deutlicher heraus. Es wird Zeit, umzudenken und zu handeln.
White Trash ist ein rassistischer Begriff. Wenn die ZEIT-Redaktion damit keine Probleme hat, wird sie es schwer haben, eine überzeugende Begründung zu finden, die Benutzung von Vokabeln wie Black Trash oder Jewish Trash zu unterbinden.
Wenn Ihnen meine Ansichten zu politisch korrekt erscheinen, dann bitte ich wenigsten um eine ehrliche Eindeutschung als Menschenmüll. Ist auch viel einfacher zu schreiben als 'abgehängtes Prekariat'.
'White Trash' geht also, aber ein Begriff wie Arschlöcher muss mit Sternchen verfremdet werden?
Nerd ist im Text gemeint vermute ich, nicht nurd. Unnötiger Fehler, der die Qualität des Artikels keineswegs steigert.
Wer selbst ein Nerd oder Geek war/ist wird sich erinnern und wissen wie es an deutschen Schulen zugeht, wenn man nicht in das 08/15 Weltbild der anderen passt. Dem Rest der Welt der immer angepasst mit durchkam kann man das weder erklären noch vermitteln. Erst als Erwachsener kann man auch als Nerd glücklich werden, wäre nur toll, wenn man das vorher wüsste und einem das das Leben an deutschen Schulen einfacher machen würde.
zu den meisten zeit schreiberlingen passt ein zitat von wolf biermann:
'Der schwärmerische Respekt vor dem Fremdländischen ist nur Bequemlichkeit und Hochmut. Ich sehe im Multikulti-Geschwärme meiner alternativen Zeitgenossen die seitenverkehrte Version des Rassedünkels von gestern.“
Wenn ich es recht erinnere, hatten wir in den vergleichsweise libralen 1970/80ern keine solch exessiven Gewaltasubrüche einzelner gegen Gemeinschaften, jedoch in den von einem autoritären öffentlichen Klima geprägten 1950/60ern und seit den 1990ern.
Der Blick auf den Täter wirkt daher weniger erhellend, der Blick auf das (öffentliche) Umfeld könnte weiterführen. Also: Gibt es sozialklimatische Ähnlichkeiten im öffentlichen Umfeld der Täter, die solche Taten gedeihen lassen? Das allerdings heiße, die in diesem Umfeld Macht-Habenden in die Untersuchung mit einzubeziehen.
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