Peter Zehentner, der das "Projekt Krisenintervention" in München leitet und bei dem Anschlag in der Erfurter Schule vor vier Jahren geholfen hatte, sagt, nach einer solchen Katastrophe hätten alle Beteiligten erst einmal das Gefühl: "Alles ist anders." Nichts stimmt mehr. Kinder haben Angst vor dem Schulgebäude, sie sind verunsichert über die eigene Zukunft. Wieso? Wo ist der Sinn?, fragen sie. Das Wichtigste in diesem Stadium sei nicht so sehr, den Einzelnen zu therapieren, sondern die Gruppe zu stützen, da der Zusammenhalt stärkt.

Polizei und Behörden sind nach den Erfahrungen von Erfurt auf solche grausigen Geschehen und ihre Bewältigung inzwischen vorbereitet. Gleich mit dem Einsatzbefehl wurden auch in diesem Fall am Montagmorgen Notfallseelsorger alarmiert. 60 von ihnen, Pfarrer, katholische Priester, Psychologen und Sozialarbeiter, eilten sofort zur "ersten Hilfe für die Seele", wie es Andreas Finke nennt, ein evangelischer Pfarrer, der die psychologische und seelsorgerische Betreuung in Emsdetten mitorganisiert hat.

Die Rolle der Helfer bestand zunächst vor allem darin, sagt Finke, ein "Fels in der Brandung zu sein", die Kinder genauso wie die Lehrer zum Sprechen zu bewegen. Ihnen zu vermitteln, dass sie nicht verrückt sind, wenn sie weinen, von Schüttelfrost geplagt werden oder apathisch in der Ecke sitzen. Finke beschreibt, die meisten hätten zunächst das Gefühl, "im falschen Film zu sein". Erste Fragen kamen auf: Wie komme ich morgen wieder sicher in die Schule? Was wäre, wenn mir das passiert wäre?

Die Schule ist seit der Bluttat geschlossen. Schüler und Lehrer treffen sich seitdem im Kulturzentrum der Stadt, abgeschieden von den Medien und der übrigen Umwelt, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Der Bedarf ist groß. Von 700 Schülern kamen schon am ersten Tag rund 500, um beieinander zu sein. Während die Lehrer zunächst beraten wurden, um sie auf die Gespräche mit den Kindern vorzubereiten, versammelten sich die Schüler und halfen einander. Dass die Notfallseelsorger zuerst die Lehrer "coachten", hat einen einfachen Grund: denn sie gehen wieder weg, die Lehrer müssen bleiben und die Kinder auf ihrem Weg zurück in die Schule und das normale Leben begleiten. Finke berichtet, wie Eltern fremde Kinder in den Arm nahmen, "harte Jungs" sich gegenseitig stützten, körperlich und seelisch. Auch ehemalige Schüler kamen, die den Täter gekannt hatten und nun reden wollten.

Wie spricht man mit den Kindern, wie hilft man ihnen, mit dem traumatischen Erlebnis fertig zu werden? Denen, die mit ansehen mussten, wie Mitschüler verletzt wurden, die selber in Gefahr gerieten oder verletzt wurden, die miterlebten, wie der Amokläufer sich erschoss? Peter Zehentner empfiehlt, ihre Fragen abzuwarten. Denn Kinder wüssten sehr genau, was sie wissen wollten und was nicht, was sie bräuchten und wann es ihnen zu viel werde. Und man solle ihnen ihre Vorstellungen zum Beispiel vom Tod lassen. Wenn ein Kind als erstes Fußball spielen will statt zu reden, sei das auch in Ordnung. Pietätvolles Verhalten ist nicht gefragt.