Fairer Handel Sieben Siegel
Immer öfter kaufen Verbraucher fair gehandelte Produkte. Aber was heißt fair? Die Vielfalt der Siegel stiftet Verwirrung. Manches nutzt nur Handelskonzernen - zur Imagepflege
121 Millionen Euro. Für diese Summe kauften Verbraucher im vergangenen Jahr fair gehandelte Waren. Noch vor zehn Jahren hätte niemand von solchen Zahlen zu träumen gewagt. Doch aus dem Fairen Handel, einst das Projekt einiger Bewegter, ist ein eigenständiger Wirtschaftszweig geworden. Und der Markt für fair gehandelten Kaffee, Bananen und Tee wächst – obwohl die Produkte zu einem höheren Preis verkauft werden, um die Lebensgrundlage der Produzenten zu sichern.
Für 2006 vermeldete jüngst das Netzwerk Forum Fairer Handel nochmals Umsatzsteigerungen von 15 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugleich wird die Produktpalette immer vielfältiger.
Damit eine Ware als fair gelten kann, muss sie zertifiziert sein. Doch ein solches Siegel bekommt das Produkt nur, wenn die Hersteller sich verpflichten, soziale und ökologische Standards einzuhalten. Diese Standards sind allerdings nicht einheitlich festgelegt. Umso dringlicher wird bei wachsenden Umsätzen die Frage, welche Siegel es überhaupt gibt. Und, was sie für Verbraucher und Handel bedeuten.
Vertreter des Fairen Handels trafen sich am Mittwoch in Oberhausen, um die Entwicklung ihrer Branche zu diskutieren unter dem Motto „Fairer Handel zwischen Marke und Siegel“. Die erfreuliche Nachricht vorweg: Seit Anfang 2003 kennzeichnet ein international einheitliches Logo, das Fair-Trade-Siegel, die Produkte. Vergeben wird es von den Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), einer internationalen Dachorganisation, die regelmäßig die Herstellung der Ware überprüft. Voraussetzung für die Vergabe des Fair-Trade-Logos ist der direkte Handel mit den Produzentengruppen. Fairer Handel garantiert Mindestpreise, die nicht nur die Produktionskosten decken, sondern zugleich soziale Projekte und Umweltschutz unterstützen. Dazu gibt es ein Benefit oder eine Prämie. Wichtig ist zudem, dass langfristige Lieferverträge geschlossen und ethische Grundsätze befolgt werden. Kinder- und Zwangsarbeit sind verboten, die Arbeitsplätze müssen sicher sein. Auch Gewerkschaftsfreiheit und die Einhaltung der Menschenrechte werden durch das Siegel garantiert.
In der FLO arbeiten 20 nationale Siegelorganisationen zusammen. Sie beschränken sich auf die Auszeichnung der Produkte. Mit den Waren selbst handeln sie nicht. Der Prototyp der Zertifizierung stammt aus den Niederlanden. Dort vergab die Organisation Max Havelaar schon in den achtziger Jahren das gleichnamige Siegel gegen eine Lizenzgebühr. In Deutschland kümmert sich die Organisation Transfair e.V. seit 1991 um die Vergabe des Siegels, in Großbritannien übernimmt das die Fairtrade Foundation.
Das einheitliche Siegel soll nun die notwendige Transparenz für den Verbraucher schaffen. Allerdings werden nicht die Handelsunternehmen selbst, sondern nur die jeweiligen Plantagen oder Farmen zertifiziert. Seitdem sich große Warenkonzerne für den Fairen Handel öffnen, sorgt diese Reglung für Unmut. Vor allem Lidl zieht sich den Zorn einiger Vertreter des Fairen Handels zu. Der Discounter bietet mit Fairglobe eine eigene Produktpalette an – „alles zur Imageaufbesserung“, wie ihm die gegnerische Seite vorhält.
Das Warenangebot ist erheblich gewachsen. Beschränkte sich der Handel mit Fairen Produkten lange Zeit auf Kaffee, Bananen und Kunsthandwerk, so gibt es inzwischen auch Reis, Tee, Bonbons, Orangensaft, Honig, Ananas, Blumen, Schokolade und Wein. Fair Fashion ist der neueste Trend in der Branche: Öko-Mode sozusagen. Nicht nur für das gute Gewissen, denn die Hersteller versuchen seit einigen Jahren, mit der besseren Qualität der Produkte zu werben. Sogar fair gehandelte Fußbälle kann man inzwischen kaufen – hier gibt es für die Produzenten aber lediglich den kostendeckenden Mindestpreis.
Einige Organisationen haben sich der FLO allerdings nicht angeschlossen. So die Rapunzel Naturkost AG, die das Hand-in-Hand-Label nur an Hersteller vergibt, die den Gedanken des Fairen Handels mit dem des ökologischen Landbaus verknüpfen. Alle Betriebe müssen 100-prozentige Biobetriebe sein. Der gezahlte Preis soll die Produktions- und Lebenshaltungskosten decken, ist aber nicht wie beim FLO-System auf eine Produktgruppe festgelegt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die Zertifizierung bei Rapunzel Naturkost kostenlos ist. Ansonsten gibt es auch hier eine Prämie für Entwicklungsprojekte. Allerdings dürfen die Produzenten nicht selbst über deren Verwendung entscheiden.
Die Rainforest Alliance ist eine US-amerikanische Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz und Erhalt von Ökosystemen bei der Produktion landwirtschaftlicher Exportgüter einsetzt. Der nachhaltige Umweltschutz soll vor allem der einheimischen Bevölkerung zugute kommen. Die Zertifikate werden überwiegend für die Bananen- und Kaffeeproduktion vergeben. Feste Mindestpreise bekommen die Bauern jedoch nicht für ihre Ware; auch keine Prämie für soziale Projekte, was bei den anderen Organisationen durchaus üblich ist. Schließlich gibt es noch den gemeinnützigen Verein Flower Label Programm, der sich dafür einsetzt, dass nur solche Ware in den Blumenladen kommt, die unter menschenwürdigen und umweltschonenden Bedingungen hergestellt wird. Zertifikate werden an Produzenten, Großmarktfloristen und Händler vergeben. Und zuletzt Rugmark, eine Initiative gegen illegale Kinderarbeit, die sich inzwischen auch für die Verbesserung der Produktionsbedingungen einsetzt. Das Siegel dieser Organisation findet sich ausschließlich bei Teppichen.
Die Anzahl verschiedener Siegel ist also groß, und eine Einigung auf einheitliche Standards über die FLO hinaus bislang nicht in Sicht. Immerhin hat das EU-Parlament im vergangenen Sommer die Kommission aufgefordert, eine klare Empfehlung zugunsten des Fairen Handels herauszugeben. Ein erster Schritt wäre damit getan.
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- Datum 23.11.2006 - 13:37 Uhr
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