Emsdetten

"Wir haben die falschen Lehrer"

Wieder überfällt ein Jugendlicher eine Schule und tötet sich selbst, nachdem er Lehrer und Mitschüler verletzt hat. Für den Hannoveraner Pädagogen Wolfgang Bergmann ist Emsdetten keine Überraschung. Die größten Probleme sieht er an den Schulen selbst. Ein Gespräch

ZEIT online: Herr Bergmann, Sie haben vor vier Jahren prophezeit, dass wir es immer häufiger mit Gewalttaten an Schulen zu tun haben werden. Der Jugendliche in Emsdetten hat seine Tat damit begründet, dass er in der Schule nur beigebracht bekommen habe, er sei ein Versager.

Wolfgang Bergmann: Wir machen in zweifacher Hinsicht Druck auf die Kinder und Jugendlichen, und insbesondere die deutsche Schulkultur sondert Kinder mit bürokratischer Kälte aus. Das darf man nicht. Meine jüngste Tochter ist in der vierten Klasse, und da sagen die Kinder schon untereinander: Mit dir spiel ich nicht mehr, du kommst nur auf die Hauptschule. Wir nehmen vielen Jugendlichen den Rest von Zukunftsglauben und damit auch die Grundlage jeder Motivation - warum soll ich weitermachen? Es hat ja doch alles keinen Sinn mehr.

ZEIT online: Aus dieser Sinnlosigkeit entsteht die Gewalt?

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Bergmann: Das war schon bei dem Robert Steinhäuser in Erfurt der Fall. In diesen Jugendlichen wird die Hoffnungslosigkeit zur Seite gedrängt, aber irgendetwas empfinden muss ein Mensch immer, und das wird dann ersetzt durch Wutgefühle, und gleichzeitig haben diese Gefühle auch immer einen starken Charakter, sich nach innen, gegen den Jugendlichen selber zu wenden.

ZEIT online: Aber der Schuldruck allein macht aus Kindern doch keine Gewalttäter.

Bergmann: Das ist der erste Punkt. der zweite Punkt geht psychologisch ein bisschen tiefer. Moderne Kinder sind sehr viel narzisstischer als frühere Kindergenerationen. Sie wachsen in einem Klima auf, in dem alles zur Verfügung stehen sollte, in dem sie selber der Mittelpunkt sind. Dieses Verwöhnklima hat durchaus seine positiven Seiten, die negative Seite ist, dass solche Kinder, wenn sie in der Realität scheitern, sich überhaupt nicht mehr zu helfen wissen. Sie haben nicht gelernt, Niederlagen einzustecken oder dass das Leben auch mal tragische Züge haben kann, aber dann trotzdem weitergeht. Diese Kinder denken gleich: Jetzt geht gar nichts mehr weiter, alles ist aus. Der Narzissmus ist immer eine Wut, einer fast besinnungslosen Wut seelisch benachbart, und diese Wut richtet sich nach innen und außen.

ZEIT online: Hat der Jugendliche in Emsdetten deshalb, wie Robert Steinhäuser, die Waffe auf sich selbst gerichtet?

Bergmann: Das sind die zwei wesentlichen Punkte: Ich räche mich - das ist die verzweifelte Wut - und ich zerstöre mich. Ich bin völlig perspektivlos, aber ich hab keine Möglichkeit zu denken: "Ich habe etwas falsch gemacht, ich muss es anders machen." Stattdessen suche ich den Schuldigen, räche mich an ihm und zerstöre mich selber.

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Leser-Kommentare

    • 20.11.2006 um 19:17 Uhr
    • WillyF

    Man mag diese wohlfeilen Analysen von selbst ernannten Experten, die alles schon immer gewusst haben, aber - wie hier - nur durch Ex-post-Expertisen 'glänzen', kaum noch hören.

    Mich interessieren gegenwärtig nicht die Nöte und Befindlichkeiten des Amokläufers und ein etwaiges Fehlverhalten seiner Lehrer, der Opfer, sondern nur folgendes:

    Wie ist es möglich, dass ein Jugendlicher sich morgen, am 21.11.2006, vor dem Amtsgericht Rheine wegen unerlaubten Waffenbesitzes strafrechtlich verantworten sollte, aber derselbe Täter einen Tag zuvor waffenstarrend und mit Sprengsätzen versehen seine ehemalige Schule überfallen konnte? Etwaige Ankündigungen der Tat im Internet lasse ich jetzt einmal beiseite.

    Haben Polzei und Staatsanwaltschaft geschlafen und es nicht für nötig befunden, das Elternhaus des Täters nach Waffen zu durchsuchen, obwohl er ja offenbar - auch nach der Tat, die zur Anklage wegen unerlaubten Waffenbeseitzes geführt hatte, Waffen und Sprengstoff zu Hause horten konnte?

  1. Vor mehr als 2200 Jahren schrieb Plato sinngemäß an eine Freund:
    'Nun wohlan mein Freund, wie steht es mit der Freiheit? Ist es nicht so, daß sich die Lehrer unter die Schüler setzen und an ihren Frechheiten teilnehmen, anstatt sie mit fester Hand zu erziehhen. Und so wird ihre Seele allmählich mürbe, sodaß sie schließlich nicht und niemand mehr über sich anerkennen können. und das mein Freund ist der jugendfrohe Anfang der Tyrannei'
    Sicher ist dies keineswegs falsch, aber die beschwichtigenden und beschönigende, aber vor allem tiefgründigen psychologischen Erklärungsversuche, die nur der Schule die Schuld zuschieben wollen, sind ganz gewiß nicht richtig. Sie vergessen nämlich die Erziehung der Kinder in den Familien zum 'Mittelpunkt' allen Geschehens oder das gänzliche Fehlen von Erziehung dazu, ein selbst gewählte Soiel auch zu Ende zu führen. Dazu muß eine Athmossphäre der Ruhe, der Zuwendung und einer wohlwollenden Kosequenz oder Strenge herrschen. Wenn ein Kind mit 6 Jahren nicht gelernt hat ein Spiel zu Ende zu führen, also keine 'Arbeitshaltung' besitzt, ist es in unseren Schulen Fehl am Platze, denn Erziehungsmängel dieser Art können nicht aufgeholt oder nacherzogen werden. Wenn wir die Erziehung im Elternhaus nicht 'verbessern' können, werden alle Übungen in Schulreformen zum scheiter verurteilt sein und das kann man leicht ohne tiefgründelnde Psychologie erkennen. Und das nachbearbeitente Betroffenheitstheater auf politischen und kulturpolitischen kompetenten Ebenen der Hierarchie wird da genau so wenig weiter helfen wie noch so viele wohlmeinde Gesetze zum Schutz der Kinder, sondern nur eine intelligentes und erzieherisch wirksames Umsteuern in der Erziehung, vor allem in den Elternhäusern
    Cornelius Peter
    Steinbahn 19
    53721 Siegburg

    • 20.11.2006 um 20:15 Uhr
    • Manmar

    nicht die falschen Lehrer oder die falschen Eltern, nein, die falschen Lehren, Ellenbogengesellschaft und die Macht des Kapitals, fehlendes miteinander und übermächtiges gegeneinander, wachsender Konkurrenzdruck, neue Armut und sinnentleerte Freizeitgestaltung, sind für mich der Boden solcher Verzweiflungstaten die auch durch schärfere Kontrollen strengere Waffengesetze oder mehr Polizei sicher nicht seltener passieren werden.

    • 20.11.2006 um 20:50 Uhr
    • kernig

    Das Interview erinnert mich an einen Artikel mit obigem Titel vor ein paar Wochen aus der Zeit, den ich sehr gut und treffend fand.

    So ernst die Sache ist, konnte ich mir im Hinblick darauf ein Grinsen doch nicht verkneifen. Da ist die Zeit doch selber in die Experten-Falle getappt. Nur um schnell was zum aktuellen Thema bringen zu können.

    Mal ehrlich: Äußert Herr Bergmann nicht vor allem Dinge, die jedem bekannt sind, der sich mit der Materie ein wenig beschäftigt?

    Brauchen wir noch mehr Experten, die gut reden können oder brauchen wir 'Anpacker', die Dinge verändern?

    • 20.11.2006 um 20:59 Uhr
    • WeLi

    Das sind eben die Kollateralschäden, die zynisch in Kauf genommen werden von einer Politik, die um alle Missstände weiß – und nichts tut, außer auf vermeintlich knappe Kassen zu verweisen. Ich warte schon auf das nunmehr ansetzende Kakophonie aus Betroffenheits- und Präventionsgequatsche. Wahrscheinlich werden an den Schulen wieder ein paar Videokameras mehr installiert. Ach ja, und dann kommen noch die wissenschaftlichen Apokalyptiker und Jugendversteher; ich warte schon auf Pfeiffers wohlfeile Null-Erklärungen und Christiansens verlogene Besorgnisdebatten.
    Die ganze Medienmaschine rotiert wieder einmal besinnungslos in sich selbst, und vielleicht werden sogar wieder ein paar Sozialpädagogen eingeflogen. Oder noch besser: Tanztruppen, die mit den Kids kulturelle Verständigung inszenieren....
    Na dann.... bis zum nächsten Mal.

  2. Wieder einmal können sie sich nicht einigen. „Die Schule soll es richten!, sagen die einen, „Die Eltern sind zuständig!“, die anderen. Und während sie noch streiten, geht der nächste (Ex-)Schüler bewaffnet in die Schule. Dabei ist die Lösung des Problems ganz simpel: Erziehung ist eine, wie man so schön sagt, gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Lehrer, Eltern, Verwaltungsleute und Politik müssten mit einer Stimme sprechen, wenn sie gelingen sollte. Wer täglich mit Kindern zu tun hat, müsste die Folgen von Inkonsequenz eigentlich aus eigener Anschauung kennen. Erstaunlich ist weniger der Sachverhalt, dass es immer wieder zu Dramen kommt, als vielmehr der Umstand, dass eine Debatte über die Schuldfrage überhaupt führbar ist. Genau genommen kann das nur daran liegen, dass die mit Erziehung Befassten sich nicht entschließen können, ihre diversen Auffassungen am Morgen eines beliebigen 1. Januar über Bord zu kippen und sich von diesem Augenblick an bei ihrer Tätigkeit an einen gemeinsamen 10-Punkte-Erziehungs-Plan zu halten, der vom Parlament gebilligt wurde, dessen Umsetzung mehrmals wöchentlich durch den zuständigen ABV, genannt auch: Kontaktbereichsbeamten, vor Ort (also zu Hause, in der Schule, in den Clubs und Discotheken, in Musik-, Sport- und Wartehallen sowie an Straßenecken) scharf kontrolliert wird und dessen Nichteinhaltung mit nicht weniger als zwei Jahren Gefängnis zu bestrafen ist. Dann, so wage ich zu behaupten, wird es nie wieder irgendwelche Störungen im Bildungsablauf geben. Was? Sie glauben mir nicht? Sie finden meinen Vorschlag albern? Na, dann kann ich Ihen auch nicht helfen....

  3. Wir haben die falschen Lehrer? Sorry, nein! Wir haben - wenn schon - die falschen Eltern, Lehrer UND KINDER!

    Immer sind die anderen schuld - warum nicht auch mal mit dem Finger ganz direkt auf diejenigen zeigen, die sich tatsächlich falsch verhalten? Nur weil es einem schwerfällt, hier von 'falsch' zu reden? Es bleibt falsch, wenn Kinder Gleichaltrige beschimpfen, mißhandeln, ausschließen - und man (heißt in diesem Fall: Eltern und Lehrer im Verbund) müssen dafür sorgen, dass solches Verhalten nicht ungesühnt bleibt. Aber da ist der Egoismus (oder schlimmer: die Gleichgültigkeit) der Eltern vor, die natürlich ihren eigenen Blagen jeden Tadel ersparen wollen (und nebenbei mit Ellenbogen und Zähnen dafür kämpfen, dass diese Blagen später mal auf eine höhere Schule gehen können), oder denen das alles völlig egal ist. Und die Lehrer sind - nach Jahrzehnten pädagogischer Reformen - machtlos.

    Ich habe gehört, dass es in den Schulen in den USA teilweise möglich ist, als Disziplinarmaßnahme einen tageweisen Ausschluss vom Unterricht zu verhängen - die Folgen muss der Schüler selbst tragen. Vielleicht gar keine so schlechte Idee.

    • 20.11.2006 um 22:01 Uhr
    • benboe

    aber ich kann mir ziemlich sicher vorstellen das Sätze in denen vom 'Narzissmus' der heutigen Jugend gesprochen wird, vollkommener Schwachsinn sind.

    Sie wollen das soetwas nicht mehr passiert? Dann gebt den Kindern eine Perspektive, verdammt noch eins! Natürlich sagen 4t Klässler schon:' Mit Hauptschülern spiel ich nicht' und warum? Weil Ihnen von kleinauf in unserer Gesellschaft eingebleut wird, jeder sei sich selbst der nächste - und hast die flaschen Freuende, gehst Du auch unter.

    Gebt den Kindern, gebt den Eltern einen Halt (und mit Verlaub, der werte Herr Experte kann mit seinen 'Menschen die ein Leben hatten' getrost fernbleiben, die werdne die Kinder nicht nutzen), gebt Ihnen eine Aufgabe, Möglichkeit sich zu verwirklichen, jetzt, später.

    Schüler die wissen das Sie keinen Ausbildungsplatz bekommen - so sehr sie sich auch anstrengen, die sehen das Ihre Eltern sich mühen und tun und doch reicht das geld nicht, sehen wie sich unsere 'Eliten' mit einem 'Hochschulpakt' Ihre eigenen Kinder vor der Ausbildungsmisere retten - solche Schüler haben keine Hoffnung. Und nicht weil Sie (auch hier wiederspreche ich dem, in meinen Augen sehr hochnäsig dozierend klingenden, Experten) die dinge falsch sehen, nein - sondern weil es keine Hoffnung für diese Kinder gibt.

    Und solange wir nicht in der Lage sind, eine Gesellschaftsform zu finden die dies ändert, müssen wir uns auf noch viel mehr solcher Taten einstellen. Ein Blick über den großen Teich reicht. Angestllte die Chefs / Mitarbeiter hinrichten, Arbeiter die zum Mob werden und Lynchjustiz begehen.

    Die Zeiten werden noch lustig.

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