Tansania Der Duft des Wartens

Bahn fahren in Tansania kostet Zeit und Nerven, trainiert aber Gelassenheit. Denn fast hundert Jahre alte Schienen verlangen Geduld

Wilhelm II. hatte hier anscheinend viel vor. Ein hübsches Jagdschloss am Tanganjikasee sollte kaiserliche Großwildjägerträume wahr werden lassen. Und nebenan ließ der deutsche Kaiser einen Bahnhof errichten. Es war noch manches Geld in der Schatulle, unmittelbar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Denn der sandsteinfarbene Prachtbau wirkt hier im Städtchen Kigoma, ganz im Westen Tansanias, völlig überdimensioniert. Ausladende Balustraden und fünfzehn gewaltige Rundbögen versperren die Sicht von der Hauptstraße auf den längsten und tiefsten See Afrikas. Der Bahnhof überragt die großen Mangobäume, die allerorten Schatten spenden. Dagegen machen sich die schlanken Minarette der vielen Moscheen aus wie Zahnstocher. Aber der Kaiser kam nie. Und so beweisen die Muezzine mehrmals täglich, dass Religion beständiger ist, als es europäische Allmachtsfantasien je waren. Bis auf die Eisenbahn.

Der Bahnhof war Endpunkt der damals gerade fertig gestellten "Mittellandbahn" in Deutsch-Ostafrika. Sie verbindet Daressalam im Osten am Indischen Ozean mit dem Tanganjikasee im Westen. 1500 Kilometer lang verläuft die Strecke, parallel zum weiter nördlich gelegenen Äquator, fast so weit wie von Berlin nach Rom. Die Früchte ihres Werks konnten die deutschen Kolonialbeamten allerdings nur zwei Jahre lang genießen, dann übernahm Großbritannien, weltkriegsbedingt. Doch die deutschen Schienen sind bis heute in Betrieb. Nur die Dampfloks wurden abgeschafft. Jetzt zerreißen vor 35 Jahren in Großbritannien ausrangierte Dieselloks die sonst viel gerühmte Stille Tansanias.

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Palmen rahmen den Bahnhof von Kigoma ein. Es ist heiß und staubig. Die Bahnhofshalle ist leer. In der Mitte rostet ein Automat für Bahnsteigkarten vor sich hin, ein Relikt britischer Herrschaft. An der Wand eine Auszeichnung: Kigoma - best kept station 1965 . Hinter dem holzvergitterten Ticketschalter sitzt ein korpulenter Mann, umgeben von dicken Fahrtenbüchern. Jede Buchung wird doppelt notiert. Die letzten dreihundertfünfzig Kilometer Schiene zwischen Tansanias Hauptstadt Dodoma und Daressalam seien kaputt, brummt er beiläufig, die würden gerade ausgewechselt. Das kann Monate dauern. Da bleibt nur die Fahrt per Zug ins 900 Kilometer entfernte Dodoma, und dann in den Bus umzusteigen. Es gibt noch Tickets erster Klasse, mit Liegepritsche, für umgerechnet knapp 25 Dollar.

Um sieben Uhr morgens, zur offiziellen Abfahrtszeit, ist der sonst fast menschenleere Bahnhof plötzlich ein Hort voller Geschäftigkeit. Frauen in bunten Tüchern, ihr Baby auf dem Rücken, Männer, die abenteuerlich zusammengeschnürte Berge von Gepäck bewachen, dazwischen fliegende Händler, Bettler und Träger. Radios plärren, Kinder kreischen.

Nur die Bahn ist nicht zu sehen. Auf dem Gleis steht immerhin ein langer Güterzug. Zwei Stunden später erklingt die erste Ansage. Der Bahnhofsvorsteher scheint seinen Dienst angetreten zu haben. Heute komme der Treni erst um zehn, denn gestern gab es ein kleines Problem auf der Strecke. Er fahre dann aber heute wieder zurück, um zwölf. Labda , vielleicht. Vielleicht? "They want to give us hope" , lobt Herr Amos, ein redseliger Geschäftsmann aus dem Nachbarland Sambia, die Hinhaltetaktik der Bahnhofsvorsteher, mittlerweile derer fünf. So kann man das auch sehen. Aber es gibt ohnehin keine Reisealternativen, abgesehen von der 250 Dollar teuren Linienmaschine. Tansanias Straßen gen Osten sind unpassierbar, nicht nur in der Regenzeit, die gerade beginnt.

Die gewartete Zeit in der brechend vollen und plötzlich klein erscheinenden Bahnhofshalle lässt sich schon nach wenigen Stunden riechen. Es ist heiß, die aus der ganzen Region zusammengekommenen Menschen schwitzen, Kinder müssen mal. Zu allem Überfluss bieten hier auch die örtlichen Dagaa-Händler ihre Ware feil. Dagaa ist die Spezialität der Region: ein sardinenartiger Fisch, der gedörrt verkauft wird, heute allerdings eher roh und, so war der Plan, frisch.

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