Film Schande über Borat!

Der britische Komiker Sacha Baron Cohen hat in seinem Film "Borat" die Einwohner des Heimatdorfes seiner Figur getäuscht. Sie wussten nicht, dass sie für ein paar britische Pfund als Nutten und Antisemiten dargestellt würden.

Bis vor kurzem war nicht zu erkennen, was es über Borat , die Fake-Doku (oder, neues Wort: "Mockumentary" - von "to mock": spotten, verarschen) des britischen Komikers Sacha Baron Cohen, viel zu diskutieren gegeben hätte. So ganz neu schien der politisch inkorrekte Humor zwischen britischer Tabubruchkomik in der Tradition von Monty Python bis Ricky Gervais ( The Office , Extras ) und Little Britain auf der einen und amerikanischem Körperklamauk ( Jackass , Farrelly Brothers) auf der anderen Seite auch nicht zu sein. Und die so genannten Debatten in den Medien erschöpften sich ja in relativ argumentationsfreier Gutfinderei unterschiedlich hysterischen Ausmaßes.

Das ist spätestens ab Faschingsbeginn anders. Am 11. November erschien nämlich in der Daily Mail eine Reportage von Bojan Pancevski und Carmiola Ionescu, die im rumänischen Ort Glod recherchiert hatten jenem Dorf also, das in Borat als das rückständige kasachische Kaff des Titelhelden herhalten muss. Pancevski und Ionescu berichten, dass die Einwohner von Glod über die wahre Natur des Films getäuscht worden waren und annahmen, in einer Dokumentation über die harten Lebensbedingungen von Glod aufzutreten wofür sie im Übrigen mit ein paar Pfund abgespeist worden waren. Wer den Film gesehen hat und von den Umständen seiner Entstehung nun weiß, wird verstehen, dass den als Dorfvergewaltiger, Nutten, Antisemiten und Dildoprothesenträger inszenierten Bewohnern des bitterarmen Dorfes Tränen der Scham und Empörung in die Augen traten, als sie über die Wahrheit von Borat informiert worden waren und erstmals Ausschnitte aus dem Film sahen.

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Wir haben jetzt also doch noch eine Borat -Debatte. Es muss dabei wohl um die Frage gehen, was "der unfassbar witzige" ( taz ) Cohen, "der lustigste Mann der Welt" mit seinem "Atomblitz der Aufklärung" ( Süddeutsche Zeitung ) eigentlich erhellt hat. Im besten Falle hat er vor den Augen von uns abgebrühten liberalen Tabubruchgenießern reaktionäre Rednecks als solche entlarvt (obwohl es da genau genommen gar nichts zu entlarven gab). Im schlimmeren Falle hat er Ressentiments und Häme in die Welt gesetzt, für die er vor der Kamera dann Leute sucht, um sie ihnen in die Schuhe schieben zu können. Im schlimmsten, offenbar eingetretenen Fall hat er auch noch Leute für seine zynischen Clownereien ausgebeutet. Schande über ihn!

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Leser-Kommentare
    • r0ll0
    • 25.11.2006 um 12:10 Uhr

    Ich glaube, mit der 'ersten Wahrheit' ließe es sich besser Leben.

  1. Cohen ist ein iranischer Jude mit einem israelischen und einem britischen Pass. Bruno ist ein schwuler Österreicher mit österreichischen Akzent (und kein Deutscher).

    Dass Großbritannien eine Weltmacht sein soll, ist mir neu. Warum gibt dann Tony Blair Bushs Pudel, während Schröder und Chirac den USA den Stinkefinger zeigten?

    Ich finde den Film zwar ein bisschen platt, aber dass Cohen mit dem Tabu aufräumt, über Behinderte, Balkanzigeuner, Moslems und Juden dürfe man keine Witze machen, finde ich gut. Daran sollten wir uns in Deutschland ein Beispiel nehmen, obwohl dann bestimmt gleich die Politische-Korrektheits-Polizei angedackelt kommt.

    Vor allem ist es gut, dass der Film uns vorführt, wie ziemlich viele Amerikaner wirklich sind. Also, eins kann ich danach sagen: Keiner von dieser Leuten (und das schließt Cohen mit ein), ist es wert, dass ein deutscher Soldat in Afghanistan deswegen seinen kleinen Finger verliert.

  2. Wer soll das sein, diese 'abgebrühten liberalen Tabubruchgenießer', zu denen sich offenbar auch der Verfasser des Artikels zählt? Das habe ich mich in den letzten fünf Jahren noch jedes Mal gefragt, wenn wieder einer dieser unfassbar witzigen Atomblitz-Aufklärer am Werk war. Wer, zum Henker, sind eigentlich die Adressaten all jener Harald Schmidts und Baron Cohens? Ich? Meine Freunde? Meine Familie? Die Kollegen? Sonstige mir mehr oder weniger bekannte Normalos? Oder doch eher jene, die den an der Tabufront heldenhaft kämpfenden Scherzkeksen so verblüffend ähneln: Leute, die entweder noch so hormongesteuert oder aber schon so sehr am Ende sind mit ihrem Latein, dass sie am liebsten alles kurz und klein schlagen würden?

    Für meinen Geschmack verbreiten abgebrühte Tabubruchgenießer aller Art den gleichen miefigen Geruch, wie die, die sie verarschen (seien es nun reaktionäre Rednecks, zahlende Zuschauer oder unbedarfte Komparsen). Den Geruch von Unfähigkeit und Verzweiflung. Schließlich: Niemand ist freiwillig ein Looser und wer sonst als der Looser müsste sich derart krampfhaft festhalten an jenen Strohhalmen, die darin bestehen, dass sie das Wort 'Mockumentary' auf einer drogenschweren Promy-Party richtig platzieren können?

    Ich weiß, ehrlich gesagt, im Augenblick nicht so genau, wer mir am meisten Leid tun soll – die Einwohner des rumänischen Kaffs Glod, Baron Cohen oder seine kritiklos begeisterte Zielgruppe. Stil, so viel steht immerhin fest, sieht für mich irgendwie anders aus. Selbst dann, wenn es ein eigener ist. James Bond jedenfalls wäre ein derartiger Artikel nicht passiert.

  3. Haetten die Japaner, Franzosen oder Deutschen so einen Film gedreht, dann duerften wir in der Tat: 'Schande!' rufen. Anders ist das bei den Angelsachsen, die sich aus der Position der 'Weltmacht' heraus praktisch alles erlauben koennen. Und warum auch nicht? Uebrigens hat Sacha Baron Cohen ja auch noch die Identitaet des schwulen Deutschen, Bruno. Den wird er auch zum Film machen und die ganze Welt wird ueber Deutschland und Oesterreich lachen. Und nichts auf dem Planeten kann das verhindern, denn Sacha ist reicher, maechtiger, britischer als seine Kritiker. 'Macht' ist ja geradezu definiert als: 'Die Faehigkeit andere auch gegen ihren Willen zu einer Handlung zu zwingen.' Die Einwohner des besagten Heimatdorfes sind also ganz ganz weit unten in der Evolutionsleiter und fuer angelsaechsische Verhaeltnisse geradezu geboren dazu sich ueber sie lustig zu machen und damit zum Millionaer zu werden.

  4. Die Zeiten, in denen 'Schande' von den Meinungsführern der Moralität über unliebsame Menschen (warum auch immer) gegossen wurde, sind seit ungefähr 200 Jahren vorbei. 'Schande' spielt im Universe of Discourse einer intellektuellen Zeitung generell überhaupt keine Rolle mehr - darf sie nicht mehr spielen. Also treiben den Autor offensichtlich nicht verarbeitete Aggressionen. Dafür gibt es Psychiater.

  5. Das "political" in "politically incorrect" kommt nicht von "politics" (Politik), sondern von "policy" (Anstand, Takt). Da es zu "policy" kein Adjektiv gibt, wird auch im Englischen fälschlicherweise "politically" genommen. Die Übersetzung zu "politisch inkorrekt" ist korrekt, der Sinn bleibt natürlich fragwürdig.

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