Altstar "Am liebsten war ich faul"
Günter Netzer über die Zerstrittenheit der DFB-Führung, den Umstand, dass sich gute Freunde auch privat siezen, und wie es sich als Nachbar von Tina Turner lebt.
Herr Netzer, Sie haben angekündigt, dass Sie nach der WM beruflich kürzer treten wollen. Ist Ihnen das gelungen?
Günter Netzer: Noch nicht so ganz. Aber ab dem 1. Januar bis dahin gilt auch noch mein Arbeitsvertrag werde ich meine Präsenz bei Infront reduzieren.
Nur Ihre Präsenz?
Ich bleibe Investor dieser Firma und werde weiter meine Möglichkeiten nutzen. Aber allein zu wissen, dass ich nicht mehr muss, sondern selbst entscheiden kann, wie viel Zeit ich investiere, wäre eine Portion Freiheit.
Klingt, als ob Sie sich nicht so recht von Ihrem Beruf verabschieden mögen.
Um Gottes Willen. Ich war doch mein ganzes Leben am liebsten faul. Wenn es notwendig ist, kann ich drei Tage und drei Nächte durcharbeiten. Wenn es nicht notwendig ist, lasse ich das aber lieber. Ich glaube sogar, dass meine Frau einen größeren Horror vor meinem Ruhestand hat als ich. Dass sie denkt, ich wisse nichts mit mir anzufangen. Davor habe ich selbst allerdings überhaupt keine Angst. Das wäre ja auch ein Armutszeugnis.
Wollen Sie denn weiterhin hier in der Schweiz leben?
Es gibt keinen Grund, etwas anderes zu tun. Allein schon weil die Schweizer den Wunsch nach Anonymität respektieren. Hier wohnen viel bekanntere Leute als ich. Zum Beispiel Tina Turner, die lebt da hinten am See und geht in aller Seelenruhe über den Markt. Die Schweiz ist multikulturell, ich bin hier im Zentrum Europas und habe eine enorme Lebensqualität. Freiwillig gehen wir nicht weg.
Sind Sie froh, in den Siebzigern gespielt zu haben, oder wären Sie doch lieber heutzutage Profi?
Auch wenn es die heutigen Spieler nicht so recht glauben wollen: Ich war lieber in den Siebzigern aktiv. Übrigens sagen die großen Spieler das unabhängig voneinander übereinstimmend. Wir hätten natürlich gerne das Geld genommen, das die Spieler von heute kriegen. Aber dafür kann man sich heute doch gar nicht mehr frei bewegen. Die ganzen Dummheiten, die wir gemacht haben, der Spaß, den wir hatten das könnte man sich heute gar nicht mehr erlauben.
Gibt es Trainer, die Sie neugierig machen?
Ich war sehr gut bedient mit meinen Trainern. Hennes Weisweiler hat mich gemacht, er hat Borussia Mönchengladbach gemacht. Er hat seine Fähigkeiten mit uns allen weiterentwickelt, hat die Konfrontation gesucht, speziell mit mir.
Sie schwärmen ja richtig.
Natürlich, das war ja wirklich ein großer Mann. Und dabei war er, als er zu uns kam, ein bescheidener Trainer, der taktisch nicht besonders gut war, sondern von Emotionen getrieben war. Wie oft habe ich versucht zu argumentieren, dass man nicht nur offensiv spielen kann, dass man das Tempo variieren muss. Aber auf dem Ohr war er taub, denn mit Offensivfußball wurde sein Name verbunden. Wenn ich mir mal erlaubt habe, das Tempo zu drosseln, hatte ich schon eine persönliche Mannschaftssitzung mit ihm. Als Weisweiler kam, habe ich irgendwo auf der Position des verdeckten Linksaußens gespielt, er hat dann schnell meine Führungsfähigkeiten erkannt und mich in die Mitte gestellt. Dafür war ich auch prädestiniert. Das hat er schlauerweise sofort erkannt und mich immer wieder angetrieben.
Haben Sie selbst einmal mit dem Gedanken gespielt, Trainer zu werden?
Nein, für mich stand von jeher fest, dass ich das nicht machen will.
Überraschend bei jemandem, der so gerne Spiele analysiert.
Weisweiler und Ernst Happel konnten das auch nicht verstehen. Aber ich wollte mich nicht zum Spielball der Öffentlichkeit machen lassen. Man kann durchaus gute Arbeit liefern, verliert dann fünf Spiele hintereinander und ist draußen. Es mag ja sein, dass ich Fehler analysieren kann, aber eine Mannschaft auf ein Ziel zuzubewegen, habe ich mir nie zugetraut.
- Datum 27.11.2006 - 05:49 Uhr
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- Quelle RUND, ZEIT online, 27.11.2006
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Wie nannte man das was Sie da spielen, 'Standfussball' oder so ähnlich?
Angepasst. Weichgespült. Nichtssagend (wie z.Z. die Schalke-Spieler). Dieser Spielertyp ist stark in der Bundesliga vertreten. Es fehlen die Netzers, Breitners, Baslers und auch Lippens'. Deshalb fällt es sofort wohltuend auf, wenn einer dieser Oldies per Live-Ton das Wort ergreift. Manchmal ein wenig arg 'gedrechselt' (Vorleger G. Delling), so kommen beide doch fast immer 'auf dem Punkt'. Direkt. Ehrlich. Und zuweilen auch provozierend. Dagegen sind die Statements der Spieler nach einem Spiel gespickt mit Phrasen und Leerformeln. Unter diesem Aspekt ist es vielleicht sogar intelligent, wenn auf Schalke 'einfach mal die Schnauze gehalten wird'.
Netzer war ein brillanter Spieler. Ist ein guter Geschäftsmann. Eine Lichtgestalt konnte er auf Grund seiner Persönlichkeit gar nicht werden. Denn so ein Mensch ändert ja blitzartig (in Lichtgeschwindigkeit eben) seine Meinung. Nein, Netzer, der ja bekanntlich aus der Tiefe des Raumes kam, ist auch heute auf der Höhe der Zeit.
Mir aus Herz, Seele und Verstand gesprochen. Die Generation der global austauchbaren Wischi-Waschi Fussballer ist jetzt dran. Genauso ist das Zeug das diese labern..
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