Altstar "Am liebsten war ich faul"Seite 3/3
Die Moderation mit Delling lebt nicht zuletzt von Ihren Doppelpässen. Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie sich in Rage geredet haben und sich dann dachten: So, jetzt muss ich aber langsam wieder Herrn Delling foppen.
Nein, alles ist spontan. Das ist übrigens auch privat unsere Alltagssprache, wir bauen auch am Telefon immer wieder Scherzchen ein. Nichts ist geplant, alles ist authentisch.
Sie wollen uns aber nicht weismachen, dass Sie sich auch privat siezen.
Aber natürlich. Es gibt ja viele Menschen, die sich siezen und verdammt gute Freunde sind. So etwas gibt es, ob Sie es glauben oder nicht. Wir saßen einmal in einem Restaurant, nebenan war ein junges Pärchen. Irgendwann kam der Mann und sagte, er habe eine Viertelstunde zugehört, das sei ja genau wie im Fernsehen. Wir würden uns ja sogar siezen. Komisch, dass die Menschen das nicht für möglich halten.
Im Fußball kehren die Spieler ihr Innerstes nach außen und präsentieren sich so, wie der Landesstil es zulässt ein Netzer-Zitat. Nun haben die Brasilianer bei der WM mathematisch nüchtern und die Deutschen offensivfreudig agiert. Bleiben Sie dennoch bei diesen Aussagen von vor der WM?
Was die Brasilianer angeht, auf jeden Fall. Das war grausam und traurig. Schon die Vorbereitung, die sie in der Schweiz gemacht haben, war eine einzige Feierei, die haben nichts gearbeitet. Und dennoch: Brasilianer werden immer brasilianisch spielen. Auch wenn es diesmal uninspiriert war. Der Südamerikaner lebt sich auf dem Platz aus.
Und der Deutsche ...
... hat nach wie vor ein Ordnungsempfinden und eine Disziplin, die notwendiger sind als je zuvor.
Sie sagten auch, afrikanische Mannschaften könnten weiter sein, wenn ihnen ihr Charakter nicht im Wege stünde.
Technisch sind sie auf sehr hohem Niveau, auch weil sie so verspielt sind. Sie lieben den Ball. Ihr Naturell spielt ihnen manchmal einen Streich, weil sie keine Disziplin gewohnt sind. Das sind alles Individualisten. Die in ein Kollektiv zu bringen, ist eine Sisyphosarbeit. Die Afrikaner haben aber unheimlich profitiert, weil sie ihre Spieler in europäische Ligen gebracht haben. Sie sind daraufhin als bessere Spieler zurückgekommen. Sie haben jetzt nach wie vor tolle technische Fähigkeiten, sind aber taktisch besser geschult.
Gilt das auch für die Afrikaner, die in Deutschland gelandet sind? Es heißt ja, die Liga habe nach wie vor taktische Defizite gegenüber Italien oder Spanien.
Ich glaube, dass Deutschland aufgeholt hat. Die Trainer der heutigen Zeit können alles erklären, was notwendig ist. Zumindest an der Tafel. Ich weiß nicht, wie das auf dem Platz ist, wie sie an die Spieler rankommen. Das ist das entscheidende Kriterium. Die Spieler müssen es verstanden haben, ausleben. Zu meiner Zeit war das aber gravierender. Als ich 1978 in Hamburg als Manager anfing, wollte ich einen ausländischen Trainer, weil die deutschen hintendran waren. Ich wollte zunächst Rinus Michels, dann Ernst Happel, die lange in Holland und Belgien gelebt haben und ein ausgeprägtes taktisches Verständnis hatten. Happel konnte jedem Spieler erklären, was er von ihm wollte. Viererkette, Forechecking, Abseitsfalle, das alles konnte Happel erklären. Nicht mit Worten, der hat ja nicht gesprochen, und wenn er gesprochen hat, konnte man es nicht verstehen. Aber seine Übungseinheiten waren so, dass es den Spielern in Fleisch und Blut überging.
Zur Nationalmannschaft. Meinen Sie, dass Bierhoff und Sammer zusammenarbeiten können?
Ich halte Matthias Sammer für einen erstklassigen Mann, der eine unglaubliche Akribie an den Tag legt. Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum man mit ihm nicht zusammenarbeiten könnte. Ich habe nichts gegen unterschiedliche Meinungen, die kann man durchaus austragen und dann auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es da unüberbrückbare Gegensätze gibt.
Bei der WM hatte Sammer keinen Zutritt zum Mannschaftshotel.
Wenn das stimmt, habe ich dafür kein Verständnis. Das ist doch Kinderkram, oder? Wenn die Verantwortlichen glauben, dass Sammer in die Nationalmannschaft hineinregiert, täuschen sie sich. Ich erwarte, dass bei der Nationalmannschaft von oben nach unten Einverständnis herrscht, was die Konzepte anbetrifft. Das sollte ja wohl selbstverständlich sein.
Günter Netzer galt als einer der eigenwilligsten Fußballer aller Zeiten. Auch auf der medialen Bühne macht er eine gute Figur: für seine gemeinsamen Moderationen mit Gerhard Delling erhielt er den Grimme-Preis. Kurz vor seinem Ruhestand traf Christoph Ruf, Redakteur des Fußballmagazins RUND , Günter Netzer zum ausführlichen Interview am Zürichsee.
- Datum 27.11.2006 - 05:49 Uhr
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- Quelle RUND, ZEIT online, 27.11.2006
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Wie nannte man das was Sie da spielen, 'Standfussball' oder so ähnlich?
Angepasst. Weichgespült. Nichtssagend (wie z.Z. die Schalke-Spieler). Dieser Spielertyp ist stark in der Bundesliga vertreten. Es fehlen die Netzers, Breitners, Baslers und auch Lippens'. Deshalb fällt es sofort wohltuend auf, wenn einer dieser Oldies per Live-Ton das Wort ergreift. Manchmal ein wenig arg 'gedrechselt' (Vorleger G. Delling), so kommen beide doch fast immer 'auf dem Punkt'. Direkt. Ehrlich. Und zuweilen auch provozierend. Dagegen sind die Statements der Spieler nach einem Spiel gespickt mit Phrasen und Leerformeln. Unter diesem Aspekt ist es vielleicht sogar intelligent, wenn auf Schalke 'einfach mal die Schnauze gehalten wird'.
Netzer war ein brillanter Spieler. Ist ein guter Geschäftsmann. Eine Lichtgestalt konnte er auf Grund seiner Persönlichkeit gar nicht werden. Denn so ein Mensch ändert ja blitzartig (in Lichtgeschwindigkeit eben) seine Meinung. Nein, Netzer, der ja bekanntlich aus der Tiefe des Raumes kam, ist auch heute auf der Höhe der Zeit.
Mir aus Herz, Seele und Verstand gesprochen. Die Generation der global austauchbaren Wischi-Waschi Fussballer ist jetzt dran. Genauso ist das Zeug das diese labern..
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