Libanon Wem nutzt das Verbrechen?
Nach dem Mord an Pierre Gemayel stellt sich die Frage, ob Chaos im Libanon der Preis für einen stabilen Irak ist.
Mit der Ermordung des christlichen, anti-syrischen Industrieministers Pierre Gemayel setzt sich die Destabilisierung des Libanon fort. Viele Libanese und Beobachter sehen Syrien als Drahtzieher dieses neuen Versuchs, das Land ins Chaos zu stürzen.
Im Libanon tobt seit dem Mord an dem ehemaligen Premier Rafic Hariri im vergangenen Jahr und dem Rückzug der syrischen Armee ein Machtkampf um die Vorherrschaft im Land. Die Furcht vieler Libanesen vor einem neuen Bürgerkrieg ist nicht unbegründet. Die Lage ist nach dem Krieg zwischen Israel und schiitischer Hisbollah und wegen der Kontroverse um die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit extrem gespannt. Die beiden großen politischen Lager – die anti-syrische Regierungsmehrheit des Premiers Fuad Siniora und die pro-syrische Opposition unter Führung von Hisbollah – haben sich in den vergangenen Tagen regelrecht ineinander verkeilt.
Nach dem Mord an Gemayel, der zu einer der wichtigsten christlichen Politiker-Familien des Landes gehörte, dürfte es fast unmöglich sein, die Kontrahenten wieder zurück an den Verhandlungstisch zu lotsen. Die Hisbollah-Anhänger hatten ohnehin schon damit gedroht, auf die Straße zu gehen, um die Regierung zu stürzen. Und auch aus dem Lager der Regierung hört man in diesen Tagen zunehmend schrille Töne. Fast sieht es so aus, als würden diejenigen Recht behalten, die noch unter dem israelischen Bombenhagel im Sommer prophezeit hatten, nach Kriegsende würden die noch ausstehenden »offenen Rechnungen« beglichen.
Vor allem der Streit um das internationale Tribunal zur Aufklärung des Mordes an dem früheren Premier Hariri hatte die Stimmung in der vergangenen Woche angeheizt. Saad Hariri, der Sohn von Rafic Hariri, der Ministerpräsident Fuad Siniora und ihre Verbündeten werfen Hisbollah vor, sie greife die Regierung nur an, um zu verhindern, dass das Tribunal die Wahrheit über den Mord – in dem mutmaßlich syrische Funktionäre und Sicherheitsleute von Staatspräsident Emile Lahoud verstrickt sind – ans Licht bringt. Hisbollah behauptet ihrerseits, die Siniora-Regierung folge blind den Vorgaben Washingtons.
Das anti-syrische Lager hat für diesen Donnerstag eine große Kundgebung angekündigt und erhofft sich davon so etwas wie einen neuen 14. März 2005. Syriens Truppen mussten damals das Land nach 30 Jahren verlassen. Bleibt zu sehen, wie Hisbollah reagieren wird – vermutlich mit Gegenprotesten wie vor einem Jahr.
Die Gefahr eines Bürgerkriegs ist real. Umso mehr betonen die libanesischen Politiker, es gäbe keine Gefahr. »Die Hisbollah kann nicht gegen die anderen Libanesen zu den Waffen greifen. Das würde ihr auf der arabischen Bühne gewonnenes Ansehen zerstören«, sagt der frühere libanesische Präsident Amin Gemayel, Vater des ermordeten Pierre Gemayel der Pariser Zeitung Le Figaro . Man dürfe aber »kein Öl ins Feuer« gießen. »Wir haben die Mittel, um ohne Rückgriff auf Gewalt einen Sieg für einen souveränen Libanon zu erringen.«
- Datum 23.11.2006 - 04:24 Uhr
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