Nun haben ihn die "Bastarde" doch erwischt. Alexander Litwinenko ist tot. Er wurde radioaktiv vergiftet, mit Polonium 210, einer radioaktiven Substanz, die tödlich ist, wenn sie durch ein Getränk oder durch Nahrung in den Körper gelangt oder eingeatmet wird. Im Urin Litwinenkos entdeckten Ärzte eine ungewöhnlich hohe Dosis von Alpha-Strahlen, die auf Polonium 210 zurückzuführen sind. An drei Orten in London, in einer Sushi Bar in Piccadilly, in der Wohnung des früheren russischen Agenten und in einem Hotel im Westend, stieß man ebenfalls auf Spuren von Radioaktivität. 23 Tage lang hatten die Ärzte des University College Hospitals in London um das Leben Litwinenkos gekämpft und zugleich nach einer Erklärung für seinen Zustand gesucht, der sich von Tag zu Tag verschlechterte. Diverse Erklärungen waren erwogen und wieder verworfen worden. Litwinenko selbst schien früh zu ahnen, dass er vergiftet worden war. Wenige Stunden vor seinem Tod sagte Litwinenko in einem Interview mit der Times , "the bastards got me, but they won’t get everybody" , die Bastarde haben mich erwischt, aber alle werden sie nicht erwischen. Der kräftige, gutaussehende Mann hatte sich binnen drei Wochen in eine Figur verwandelt, die aussah wie "der Überlebende eines Nazivernichtungslagers", so beschrieb ihn ein enger Freund, der ihn jeden Tag besucht und das letzte Gespräch mit ihm geführt hatte. Alexander Litwinenko in einem britischen Krankenhaus

Wenig später wurde klar, wen Litwinenko für seinen Tod verantwortlich macht. In einer vorbereiteten Erklärung, die am Freitag verlesen wurde, beschuldigt der ehemalige Oberstleutnant des russischen Geheimdienstes den russischen Präsidenten Putin. In einer „Botschaft an den Verantwortlichen für meinen Tod“ heißt es, dieser möge ihn erfolgreich zum Schweigen gebracht haben, doch das Schweigen habe seinen Preis. Proteste rund um die Welt würden Putin, einen „grausamen und rücksichtslosen Mann“, bis an sein Lebensende verfolgen und nicht zur Ruhe kommen lassen. Der Kreml leugnet jegliche Verantwortung für den Tod. Ein Sprecher erklärte kühl, jeder Todesfall sei zu bedauern, nun liege es an der britischen Polizei, die Schuldigen zu finden. Die Polizei behandelt die Angelegenheit als "unerklärten Tod" und gab die Ermittlungen an die Antiterroreinheit von Scotland Yard ab. Bevor die radioaktive Vergiftung feststand, hatte Putin gesagt, der Tod Litwinenkos werde als "politische Provokation" verwendet. Es gebe keinerlei Hinweise auf "unnatürliche Umstände" des Todes.

Im Fall eines politischen Mordes bietet es sich stets an, cui bono, wem nützt es, zu fragen. Alexander Litwinenko war in den späten 90er Jahren verantwortlich für eine interne Untersuchung in korrupte Praktiken innerhalb des FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB, dessen Chef zu dieser Zeit Vladimir Putin hieß. Er fiel bei seinen Vorgesetzten in Ungnade, nachdem er kritisierte, dass nichts gegen die weitverbreitete Korruption unternommen wurde. Als er 1998 Details eines Mordkomplotts gegen den russischen Tycoon Boris Berezowsky enthüllte, wurde er wegen angeblichen Amtsmissbrauchs verhaftet und verbrachte neun Monate in Haft. Im Jahre 2000 floh er über die Türkei nach England und suchte erfolgreich um Asyl nach. Er schrieb diverse Bücher, in denen er den FSB bezichtigte, die Bomben in Moskauer Appartmentblocks gelegt zu haben, denen an die 300 Menschen zum Opfer gefallen waren. Der FSB hatte tschetschenische Rebellen der Tat bezichtigt. Unter breiter Zustimmung der russischen Bevölkerung waren daraufhin massive militärische Operationen gegen Tschetschenien gestartet worden.

Besonders bemerkenswert: Alexander Litwinenko behauptete, Ayman al-Zawahiri, die Nummer 2 von al-Qaida, sei in den Jahren vor dem 11.9.2001 von Agenten des FSB in Dagestan ausgebildet worden. Litvinenko war ein permanenter Stachel im Fleisch des Putin-Regimes. Mehrfach suchte Moskau um eine Auslieferung nach, stets weigerten sich britische Gerichte, dem Ersuchen zu entsprechen. Für das russische Regime gab es Gründe genug, ihn zu beseitigen. Der Gefahr eines Anschlags auf sein Leben war er sich durchaus bewusst. Erst im Mai 2005 war der Versuch gemacht worden, sein Haus mittels Brandbomben in die Luft zu sprengen. Litwinenko wechselte häufig die Wohnung, ließ sich auf Treffen nur an belebten öffentlichen Plätzen ein. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen erwiesen sich am Ende als wirkungslos. Vor einigen Wochen, nach dem Mord an der russischen Journalistin und Regimekritikerin Anna Politkowskaya, war Litwinenko Beweismaterial über die Hintermänner der Tat angeboten worden. Am 1. November kam es zu zwei Begegnungen, in der Sushi Bar in Piccadilly und im Millennium Hotel. Bei einem der Treffen muss es dem Täter gelungen sein, unbemerkt ein Getränk oder eine Speise mit der radioaktiven Substanz Polonium 210 zu vergiften.

Der russische Geheimdienst ist mit solch einer Methode, Widersacher ins Jenseits zu befördern, wohlvertraut. Er hat lange an der Entwicklung diverser, schwer nachweisbarer giftiger Substanzen gearbeitet und es bei ihrer Anwendung zu hoher Fertigkeit gebracht. Was nicht automatisch heißen muss, dass der FSB für den Giftmord an Litwinenko tatsächlich verantwortlich war. Es ist immerhin möglich, dass Elemente innerhalb des Geheimdienstes auf eigene Faust handelten, um den unbequemen Exkollegen zum Schweigen zu bringen, oder dass die russische Mafia, in deren Arme sich viele KGB- und FSB-Agenten geflüchtet haben, tätig wurde, vielleicht um eine alte Rechnung zu begleichen, vielleicht um Putin einen Gefallen zu tun. Die Duma, das russische Parlament, hat allerdings kürzlich erst dem Geheimdienst ausdrücklich die gesetzliche Vollmacht gegeben, abtrünnige Agenten auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen aufzuspüren und zur Strecke zu bringen.

Für seine Gegner war Alexander Litwinenko ein Verräter und Wichtigtuer, der verleumderische Behauptungen über Putin und Russland verbreitet; seine Freunde sehen in ihm einen russischen Patrioten, der nun mit seinem Leben dafür bezahlt hat, dass er die Wahrheit kundtat. In Europa löst der Mord an dem russischen Dissidenten Erinnerungen an die düstersten Phasen des Kalten Krieges aus. Die schlimmsten Befürchtungen, die man über das moderne Russland hegt, scheinen sich zu bestätigen. Die Erosion bürgerlicher Freiheiten und der Herrschaft des Rechts schreiten mit besorgniserregender Geschwindigkeit voran. Unübersehbar ist auch, dass Energie und Ressourcen als Instrumente für eine imperiale Politik genutzt werden, um Länder wie Georgien und Ukraine, die gerade erst sowjetischer Unterdrückung entkommen sind, in die russische Einflusssphäre zurückzuzwingen. Der Dialog zwischen Moskau und der EU, der an diesem Wochenende begann, ist schon schwierig genug. Die jüngsten Ereignisse in London dürften ihn noch stärker belasten und das tiefe Misstrauen gerade auch der osteuropäischen Länder weiter nähren.

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