Libanon Spur eines Mordes

Der Mord an Pierre Gemayel nützt all jenen Kräften, die Hisbollah und Syrien isolieren und in Verruf bringen wollen, sagt Stephan Rosiny

Für die antisyrische Regierungsmehrheit in Beirut stand schnell fest, dass Damaskus und die "prosyrischen" Kräfte im Libanon, allen voran die schiitische Hisbollah und der christliche Staatspräsident Emile Lahoud, für den Mord an Pierre Gemayel verantwortlich seien. Nachdem bereits am 11. November alle schiitischen Minister zurückgetreten waren, wollten sie durch den Mord die libanesische Regierung weiter schwächen und damit die Aufklärung des Hariri-Mordes durch ein internationales Tribunal der UNO verhindern. Nur noch ein weiterer Minister müsste ausfallen, um die Regierung endgültig zu stürzen.

Doch die Interessenslage ist keineswegs so einfach gestrickt, wie es diese Argumentation nahe legt. Und die Umstände des jüngsten Mordes weisen einige Ungereimtheiten auf. Gemayel wusste um seine Gefährdung und hatte seine Familie eine Woche zuvor außer Landes geschickt. Doch dann hatte er an diesem Tag ausnahmsweise auf seinen Personenschutz verzichtet. Wer wusste hiervon? Er wurde an helllichtem Tage auf offener Straße erschossen, nicht wie bei den vorherigen Attentaten durch eine ferngesteuerte Autobombe aus sicherer Distanz ermordet. Dies könnte für eine ihm nahe stehende Kraft sprechen.

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Die libanesische Regierung hatte bereits am 13.11. der Einsetzung des internationalen Tribunals zur Aufklärung des Hariri-Mordes zugestimmt. Der Mord kam hier zu spät, um dies noch zu verhindern. Am Samstag den 25.11. stimmte das Kabinett erneut der Einsetzung des internationalen Tribunals zu. Die Mörder von Gemayel mussten (oder konnten) damit rechnen, dass der Mord die Aufmerksamkeit wieder auf das syrische Regime lenken und die Forderung nach Internationalisierung der Untersuchung verstärken würde.

Wegen der mutmaßlichen syrischen Beteiligung am Hariri-Mord hatte Syrien seine Armee nach massiven Protesten und aufgrund internationalen Drucks im Mai 2005 aus dem Libanon abziehen müssen. Die Isolation des Regimes, durch die mutmaßliche Unterstützung von Aufständischen im Irak weiter verstärkt, schien aber gerade in den letzten Tagen aufzubrechen. In Großbritannien und den USA wurden Stimmen lauter, die Syrien und den Iran im Rahmen einer Exit-Strategie der alliierten Truppen aus dem Irak in einen regionalen Sicherheitsplan einbeziehen wollen. Für Syrien bot dies die ideale Gelegenheit, ihr negatives Image wegen der Verbrechen im Libanon aufzupolieren. Doch nach dem jüngsten Attentat dürfte diese Option in weite Ferne gerückt sein.

Auch der früher wegen seiner antisyrischen Haltung populäre Christ Michel Aoun dürfte weiter an Sympathie verlieren. Er wird durch den Mord an seinem Glaubensgefährten Gemayel in der konfessionalistisch aufgeheizten Stimmung als Verräter an den Christen gesehen. Außerdem lastet man ihm sein im Februar 2006 geschlossenes Bündnis mit der Hisbollah und seine mittlerweile versöhnlichen Töne Damaskus gegenüber an.

Geschadet hat der Mord ferner der Hisbollah, die ihre mächtigste Trumpfkarte, die Massenmobilisierung ihrer Anhänger, vorerst verloren hat. Sie musste eine für den 23.11. geplante Großkundgebung aus Pietät absagen. Stattdessen fand an diesem Tag die Trauerprozession für Gemayel als eine Demonstration des Regierungslagers gegen Syrien, Hisbollah und Michel Aoun statt. So dominiert das Regierungsbündnis aus Saad Hariri, Fuad Siniora, Walid Jumblatt und Samir Geagea derzeit sowohl die Regierung als auch die Straße.

Leser-Kommentare
  1. Eine sehr objektive und exakte Darstellung des Ereignisses und der Hintergründe. Basierend auf eine richtige Einschätzung der politischen Verhältnisse im Libanon.
    Ich komme selber aus dem Libanon und beschäftige mich viel mit der politischen Situation bzw. Geschichte.
    Kompliment für so viel Hintergrundwissen. Toller Bericht.
    Kawar

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