Polen Tod für Hungerlohn

Im oberschlesischen Kohlerevier sind 23 Bergleute bei einer Methangasexplosion in einer Grube gestorben. Nun wird über die Arbeitsbedingungen in den Bergwerken geredet.

Der Landstrich ist einer der traurigsten in Mitteleuropa. Jetzt im November ziehen Nebelschwaden durch das oberschlesische Kohlerevier, sie sind kalt und noch immer gelb vom Schwefelrauch der Kraftwerke und Koksereien. Vier Städte sind hier in den vergangenen fünfzig Jahren zu einem Industriegebiet zusammengewachsen. Katowice, Gliwice, Bytom und Zabrze bilden den Kern der Region, die manchmal polnischer Ruhrpott genannt wird.

Es ist eine verarmte Gegend. Die polnische Kohle ist zu teuer für den Weltmarkt, weil sie tief unter der Erde liegt. Fabriken mussten schließen, wenig später die ersten Gruben, die Arbeitslosenquote liegt irgendwo bei 30 Prozent. Wer zu alt ist, um von hier wegzuziehen und zu jung für die Rente, gräbt oft auf eigene Faust weiter, schwarz und in gefährlich improvisierten Stollen. „Illegale Kohleförderung“ lautet eine der häufigsten Anklagen vor dem Kreisgericht.

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Seit Dienstag gibt es ein trauriges Symbol mehr, die polnische Presse wurde um einen Superlativ reicher: „Es ist die größte Bergwerkskatastrophe der vergangenen 27 Jahre“, schrieb die Gazeta Wyborcza . 23 Arbeiter kamen bei einer Methangasexplosion in der Kohlegrube „Halemba“ südlich von Bytom ums Leben. Gestern Abend wurden die Leichen der letzten Vermissten 1000 Meter unter Tage gefunden. Seitdem Polen nun traurige Gewissheit hat, liegt das öffentliche Leben lahm.

Präsident Lech Kaczynski hat Staatstrauer angeordnet, bis Samstag soll sie dauern. Konzerte, Theatervorstellungen und Sportveranstaltungen wurden abgesagt, im Wahlkampf um den Posten des Warschauer Stadtpräsidenten haben sich die beiden Kandidaten auf eine Pause geeinigt – vorerst soll es keine Plakate und Werbespots im Fernsehen mehr geben. Zeitungen und Internetportale haben alle Farben von ihren Seiten verbannt, in den Kirchen des Landes wird für die Opfer und ihre Familien gebetet.

Die Umstände des Unglücks kommen unterdessen erst langsam an die Öffentlichkeit: Der Schacht in der Grube galt seit langem als explosionsgefährdet und sollte deswegen geschlossen werden. Die getöteten Arbeiter gehörten einer Drittfirma an, ihre Aufgabe war es, wertvolles Gerät aus dem Stollen zu bergen. Warum es trotz der bekannten Gefahr zur Explosion kam, ist noch ungeklärt, doch erste Fragen werden laut. Warum mussten die Männer ihr Leben für einige Maschinen aufs Spiel setzen? Und ist es wahr, dass ihr Arbeitgeber – ein Subunternehmer, der von der Minengesellschaft mit der Räumung des gefährlichen Schachtes beauftragt worden war – ihnen Hungerlöhne von 800 Złoty monatlich (ca. 200 Euro) zahlte? "Viele dieser Lohnarbeiter gehen mit Jeans und Turnschuhen da runter", sagte ein Vertreter der Gewerkschaft Solidarnośc.

In der Vergangenheit hat es immer wieder Unfälle in polnischen Berwerken gegeben. Schon im Jahr 1990 waren in der Grube "Halemba" 19 Kumpel getötet worden, im Februar konnte ein verschütteter Bergmann nach 5 Tagen gerettet werden. „In Polen kommen mehr Bergleute als Polizisten um“, sagte der Senatsvorsitzende Bogdan Borusewicz am Donnerstag im Radio. Nach dem jüngsten Unglück wird plötzlich über die Arbeitsbedingungen in den Bergwerken geredet.

 
Leser-Kommentare
    • akraft
    • 24.11.2006 um 11:00 Uhr

    ... aber ist es nicht genau das, was in der wirtschaftlichen Welt gewünscht ist? Da wird eine Drittfirma beauftragt. Ggf. mittel einer Ausschreibung wurde diese Gefunden und der Preis pro Arbeiter und Monat auf ein Minimum gedrückt. Und weil die Arbeitslosenrate so hoch ist finden sich immer wieder Menschen, die noch billiger und ohne jede Schutzausrüstung jeden beliebigen Job übernehmen.

    Ich glaube kaum, dass ein solcher Unfall - und wahrscheinlich auch noch ein vermeidbarer - dazu führen wird, dass die Arbeitsbedingungen besser werden.

    Arbeiter sind heutzutage ein 'Verbrauchsmaterial', welches jederzeit austauschbar ist und ständig billiger wird bzw. werden muss.

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