Wer journalistische Perlen, die anderswo gewachsen sind, sucht und auf sie aufmerksam macht, sie aber nicht eins zu eins kopiert, ist kein Dieb. So lautet das heutige Urteil des Frankfurter Landgerichts im Streitfall Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung gegen den Internet-Dienst Perlentaucher.de . Ein Blick auf die Seite des Perlentaucher, montiert von ZEIT online

Der Perlentaucher schreibt und veröffentlicht täglich Zusammenfassungen von Feuilletonartikeln. Mal sind es Rezensionen von Büchern, mal kluge Essays. Wo der Originaltext zu finden ist, wird erwähnt, aus dem Original aber nur das eine oder andere Wort oder eine einzelne Formulierung übernommen. Die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche sahen sich ihrer journalistischen Arbeit beraubt und klagten. Die Richter in Frankfurt sahen die Sache anders.

Der Rechtsstreit rührt an ein Kernproblem der traditionellen Presse: Die Tageszeitungen bezahlen Dutzende oder Hunderte von Redakteuren. Ihr Geschäftsmodell basiert auf der Veröffentlichung der Beiträge ihrer Angestellten, nicht nur in den Zeitungen und im Internet.

Perlentaucher.de nutzt diese geistige Vorarbeit nun, um mit den Zusammenfassungen selbst Geld zu verdienen. Denn natürlich verkauft der Dienst seine eigene Reichweite, also die Leser seiner Zusammenfassungen, an Anzeigenkunden. Zusätzlich vergibt er Lizenzen an Internet-Buchläden, welche die Buchempfehlungen des Perlentaucher ebenfalls veröffentlichen. Das geschieht derzeit mit Feuilleton-Artikeln, ist aber auch für jede andere Art von Journalismus vorstellbar.

Damit wird sogar ein Weg für das Outsourcing in andere Länder freigemacht, denn eine Zusammenfassung lässt sich von überall schreiben. Recherchieren aber lässt sich auf Dauer nur dort, wo die Dinge geschehen - im Fall der großen Feuilletons also häufig nur in Deutschland.

Zugleich ist der Sieg von Perlentaucher.de aber auch ein wiederholter Beleg für die Trägheit der traditionellen Medien im Internet. Auf die Idee, dass ein Leser neben seiner Lieblingszeitung vielleicht ein „Best-of“ nutzen würde und sich daraus sogar ein neues Geschäft machen ließe, sind sie offenbar nicht früh genug selbst gekommen.

Die Zeitungen müssen sich also auf eines verlassen: Dass ihre besten Artikel so gut sind, dass eine Zusammenfassung davon nur Lust auf mehr macht. Oder sie gehen in die nächste Instanz dieser Weg steht ihnen offen und hoffen darauf, dann auf Richter zu treffen, die ihnen gewogen sind.

Zum Thema
Wem gehört das Wissen? Ein Schwerpunkt zum Urheberrecht in der digitalisierten Welt »