TSCHETSCHENIEN Kinder ohne Kindheit
Der Krieg in ihrer Heimat hat vielen tschetschenischen Jugendlichen unbeschwerte Jahre geraubt. In einem internationalen Schülerwettbewerb haben einige von ihnen ihr Leid beschrieben. Entstanden ist ein eindringliches Dokument gegen das Vergessen.
"Ich scheue mich nicht zu sagen, dass die besten Jahre meines Lebens einfach ausgelöscht worden sind. Niemand kann mir und meiner Generation diese Jahre je ersetzen". Diese Worte der Studentin Larissa Ajubowa aus Grosnyj bringen das Unfassbare auf den Punkt: In Tschetschenien, vor der Haustür Europas, ist mittlerweile eine ganze Generation ohne Kindheit aufgewachsen. Seit Beginn des ersten Tschetschenienkrieges im Jahr 1994 gehören Minendetonationen, Verschleppungen, Vergewaltigungen und Tod zu dem Alltag der tschetschenischen Kinder.
Nach Schätzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen sind 42.000 Kinder in den beiden Kriegen getötet worden. 25.000 Kinder haben einen Elternteil verloren, mehr als 1200 sind Vollwaisen; 19.000 Kinder sind Invaliden. Dieser Situation werden drei funktionierende Waisenhäuser und zwei Rehabilitationszentren der Republik nicht annähernd gerecht.
"Zum großen Glück braucht es nicht viel - es reicht zu wissen, dass du noch lebst", beschreibt Maxim Issaew, Schüler der 9. Klasse der 61. Schule in Grosnyj, sein Lebensgefühl. "Heimat, Haus, Straße, Familie und Freunde. Für viele meiner Altersgenossen, zumindest für die, die außerhalb unserer Republik leben, sind das ganz alltäglich Worte. Aber für mich und für Tausende meiner Mitbürger, die wir in Tschetschenien leben, haben sie eine ganz neue Bedeutung bekommen." Zu oft musste er schon um das Leben seiner Angehörigen bangen: Am 31. Dezember 1994 die ersten Bomben- und Raketenangriffe, Flucht aus Grosnyj. 1995 Rückkehr, Hoffnung auf ein friedliches Leben. 1999 Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, Flucht in die benachbarte Republik Inguschetien. Nomadenleben. Einige Jahre später Rückkehr in das völlig zerstörte Grosnyj. Eine Geschichte, wie sie sehr viele tschetschenische Familien so erlebt haben.
Seit zwölf Jahren leben die Kinder Tschetscheniens in den zerstörten Häusern, häufig ohne Strom und meistens ohne fließendes Wasser. Das normale friedliche Leben mit Spielplätzen und Karussells, mit Urlaubsreisen und fröhlichen Geburtstagsfeiern kennen sie nur aus dem Fernsehen oder aus den Erzählungen ihrer Eltern. "Wir lebten in ständiger Angst und Bedrohung durch den Krieg; wir wohnten in fremden Häusern, die wie durch ein Wunder die Kampfhandlungen heil überstanden hatten; wir gingen nicht zur Schule und feierten keine Feste. Ich wusste als kleines Mädchen nichts von Neujahrsbäumen, hatte keine Ahnung, wer Väterchen Frost und seine Tochter Snegurotschka waren, und meinen Altersgenossen ging es genau so. Unsere Eltern erzählten uns von allen möglichen Feiertagen; wir beneideten sie und stellten uns vor, was sie für eine glückliche Kindheit gehabt haben müssen", sagt die Achtklässlerin Diana Sangarijewa aus dem tschetschenischen Dorf Komsomolskoje.
Auch heute noch, da die offenen Kämpfe und die so genannten "Säuberungen" seltener geworden sind und die Kinder sich ohne die Begleitung von Erwachsenen auf die Straße wagen können, geht der Krieg im Hintergrund weiter. Nach Informationen von UNICEF wurden zwischen den Jahren 1994 und 2004 mindestens 114 Kinder durch Landminen getötet und 603 verletzt. 500.000 Landminen, die überall in der Region noch verstreut sind, fordern ständig neue Opfer. Doch die Weltöffentlichkeit ermüdet schnell angesichts solcher immer weiter auswuchernden Statistiken. Und mit Anna Politkowskaja ist jetzt auch eine der sehr wenigen Stimmen aus Russland, die beharrlich und unermüdlich diesen nicht endenden Krieg in Erinnerung zu rufen versucht hat, verstummt.
Gegen dieses Vergessen und Verdrängen wendet sich die internationale historische Gesellschaft Memorial in Moskau, die in den Jahren 2003 und 2004 insbesondere tschetschenische Kinder und Jugendliche dazu aufforderte, an dem jährlichen Schülerwettbewerb "Der Mensch in der Geschichte. Russland im 20. Jahrhundert" teilzunehmen. 155 Arbeiten wurden eingereicht, aber nur eine kleine Auswahl konnte aus Kostengründen in ein Buch aufgenommen und in einer überschaubaren Auflage von 1500 Exemplaren in Russland herausgegeben werden. Nun ist es dank der engen Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung unter dem Titel Zu wissen, dass du noch lebst. Kinder aus Tschetschenien erzählen auch auf Deutsch erschienen.
- Datum 28.11.2006 - 10:00 Uhr
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Nur kurz als Nebenbemerkung. Sie sollten mal mehr darüber berichten. Es gab keine Massenhysterie unter Kindern. Das wird zwar so von den staatlichen Medien dargestellt. Es gibt aber von allen, nicht staatlichen, Untersuchungen keine die auf eine Massenhysterie hindeuten, vielmehr gibt es deutlich anzeichen einer Vergiftung.
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