TSCHETSCHENIEN Kinder ohne KindheitSeite 3/3
Mediziner gehen davon aus, dass 90 Prozent der tschetschenischen Kinder und Jugendlichen psychisch stark traumatisiert sind. In einem Gespräch mit Radio Svoboda ("Radio Freiheit") warnte einer der führenden Psychiater Tschetscheniens, Mussa Dalsaew, vor Folgeerscheinungen: "Wenn sich die Situation etwas beruhigt hat, wenn der Krieg zu Ende ist und aktive Wiederaufbauarbeiten beginnen, dann können Probleme explodieren, die bis dahin hinter der brüchigen Fassade der Schutzmechanismen versteckt gehalten wurden." Möglicherweise war die rätselhafte Epidemie, bei der mehr als hundert Menschen im Dezember 2005 wegen Atemnot, starken Kopfschmerzen und Krämpfen behandelt werden mussten, eine der ersten solchen Massenhysterien. Die Bevölkerung allerdings glaubt nach wie vor an eine Vergiftung.
Eines der Verdienste des Memorial-Projektes ist, dass damit den Kindern eine Möglichkeit geboten wurde, den für sie überlebenswichtigen Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen. Für den Leser dagegen ist es eine Gelegenheit, sich auf diese Weise sowohl mit der Gegenwart als auch mit der Vergangenheit Tschetscheniens zu beschäftigen. Denn die Kinder schildern nicht nur ihre eigene Situation, sondern erzählen bewegende Geschichten aus dem Leben ihrer Groß- oder Urgroßeltern. Außerdem wurden drei Aufsätze von russischen Schülerinnen in das Buch aufgenommen, die sich der Beziehung zwischen Russen und Tschetschenen aus einer anderen Perspektive nähern.
"Einige Wiederholungen und vor allem solche, die besonders schockierend waren, haben wir rausgenommen", sagt Irina Scherbakowa. "Man musste ja auch kürzen, denn viel Geld stand uns nicht zur Verfügung. Außerdem wollten wir ein Buch machen, das man nicht gleich beiseite legt, weil es unerträglich ist. Es sollte lesbar sein. Unsere Aufgabe bestand darin, zu zeigen, dass die Kinder versuchen, ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und dass sie zu einem Dialog bereit sind."
Es ist trotzdem keine leichte Lektüre geworden. Doch ab und an springt ein kleiner Funken Hoffnung auf den Leser über, etwa dann, wenn der Aufsatz des Achtklässlers Surab Idalow mit diesen Worten endet: "Ich glaube, dass ich schon bald die Geschichte einer tschetschenischen Familie schreiben werde, ohne zu so düsteren Farben zu greifen. Ich werde über Glück, Freude und Fröhlichkeit schreiben, über eine Familie, die ihre Wunden geheilt hat und mit Optimismus in die Zukunft schaut." Und auch wenn diese Auswahl von 21 Schüleraufsätzen nicht die Gedankenwelt aller 450.000 tschetschenischen Kinder und Jugendlichen widerspiegeln kann, eines steht fest: Gerade mit solchen kleinen Projekten kann man auf der menschlichen Ebene mehr bewegen, als die große Politik dazu je in der Lage sein wird.
Das Buch
Zu wissen, dass du noch lebst. Kinder aus Tschetschenien erzählen
. Herausgegeben von der Gesellschaft Memorial und der Heinrich-Böll-Stiftung. Aus dem Russischen von Susanne Scholl, Anja Lutter und Hartmut Schröder. Aufbau Taschenbuch Verlag. Berlin 2006.
Zum Thema
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Aufsätze von Kindern aus Tschetschenien erzählen aus einem Land ohne Hoffnung (DIE ZEIT 36/2004 »
- Datum 28.11.2006 - 10:00 Uhr
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Nur kurz als Nebenbemerkung. Sie sollten mal mehr darüber berichten. Es gab keine Massenhysterie unter Kindern. Das wird zwar so von den staatlichen Medien dargestellt. Es gibt aber von allen, nicht staatlichen, Untersuchungen keine die auf eine Massenhysterie hindeuten, vielmehr gibt es deutlich anzeichen einer Vergiftung.
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