Marion Dönhoff Preis 2006Dankesrede

des Förderpreisträgers Kinderhilfe Afghanistan, Reinhard Erös

3. Dezember 2006,
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg


Es gilt das gesprochene Wort!

Verehrte Frau Will, ich hätte Ihnen noch stundenlang zuhören können ... Ihre Laudatio ging gerade noch, aber knapp an einer Heiligsprechung vorbei – Gott sei Dank – schon aus Gründen des Selbsterhaltungstriebs. Denn Heiligsprechungen erfolgen nach katholischem Ritus ja erst post mortem. Der Laudandus hat die freudige Pflicht zu danken und dabei die Gelegenheit, der Laudatorin zu antworten. Ich erlaube mir zunächst, Ihnen, sehr geehrter Herr Geremek, zum Marion Dönhoff Preis zu gratulieren: Meine Familie ist geehrt und stolz, dass unsere Graswurzelarbeit für Afghanistan heute gemeinsam mit Ihrem großartigen Lebenswerk für Europa gewürdigt wird. Wir sieben Erös danken der Jury für die gute Wahl.

Mit Ihrer Entscheidung, 2006 die Kinderhilfe Afghanistan mit dem Marion Dönhoff Förderpreis auszuzeichnen, rücken Sie ein Land und seine wunderbaren Menschen heute in den Mittelpunkt auch des Medien-Interesses. Ein Land, welches in den vergangenen Monaten ja fast ausschließlich kakophonisch behandelt wird: Taliban, Opium-Anbau, terroristische Anschläge, täglich Tote, noch mehr Soldaten in den Süden, noch mehr Geld für militärische Aktionen. Der nach 25 Kriegsjahren natürlich schwerkranke Patient Afghanistan des Jahres 2001 wird inzwischen zu einem Moriturus – einem Totgeweihten – erklärt. Dieses Bild erhöht vielleicht die Auflagen mancher Blätter, ist aber gleichwohl unvollständig und deshalb falsch.

Was dieses gepeinigte, tapfere Volk der Afghanen seit dem Sturz des Taliban-Regimes auch aus eigener Kraft wieder aufgebaut hat – physisch und geistig – ist grandios und einzigartig. Millionen Kinder gehen wieder zur Schule – alle hungrig nach Bildung und Wissen, viele auch hungrig, weil es zuhause nicht genügend zu essen gibt. Zehntausende junger Männer und Frauen besuchen mit Begeisterung und voller Optimismus wieder Universitäten und Hochschulen, Hundertausende von Frauen und Müttern – unter den Taliban noch vor wenigen Jahren gedemütigt, eingesperrt, körperlich und geistig gefoltert – arbeiten wieder als Lehrerinnen, als Ärztinnen, als Polizisten, als Abgeordnete im Parlament, als Botschafter im Ausland und als Minister im Kabinett Karsai. Die Männer, alte und junge, bauen in den Dörfern ihre zerstörten Lehmhäuser wieder auf, gehen auf den kargen Böden der Feldarbeit nach, graben nach Wasser, errichten Brunnen, restaurieren Feldwege und Bewässerungskanäle, versorgen liebevoll ihre mageren Ziegen und Kühe. In den kleinen Städten gibt es wieder Musik, lassen Kinder ihre Drachen wieder steigen, spielen begeistert Fussball, dort preisen die Basaris lautstark den blutroten afghanischen Anar, den Weltmeister der Granatäpfel, Mangos, Tomaten, Weintrauben und Bananen an. Produkte »wieder made in Afghanistan«. Und das alles – zumindest in den kleinen Städten und Dörfern – meist ohne jede ausländische Hilfe. Die Afghanen können stolz darauf sein, was sie nach Jahrzehnten der Agonie und fremdverschuldeter Zerstörung in so kurzer Zeit wieder aufgebaut haben. Und sie sind stolz darauf ! Und ich bin stolz und glücklich, dass meine Frau, unsere Kinder und ich diesen wunderbaren Menschen dabei Begleiter sein dürfen.

Afghanen lieben ihre Freiheit und Unabhängigkeit, und sie lieben sie manchmal mehr als sie sich selbst lieben. Afghanen sind Fremden gegenüber aus historisch guten Gründen grundsätzlich misstrauisch. Für seinen Gast allerdings, dem willkommenen Fremden, öffnet der Afghane nicht nur sein Haus, sondern sein Herz. Dies macht es uns Fremden nicht immer leicht, ihnen zu helfen. Dies macht es dem Feind aber auch unmöglich, dem Afghanen Freiheit und Unabhängigkeit zu nehmen, ohne ihn zu töten. Wer sich also entschließt, nach Afghanistan zu gehen um den Afghanen beim Wiederaufbau zu helfen – ob in fremder Uniform oder als ziviler Helfer – muss wissen, auf welch schmalem Pfad er sich dabei bewegt. Durchaus gut gemeinte Hilfe von außen wird als erniedrigend empfunden, wenn sie »von oben herab« kommt, wenn ich dem Afghanen zeige, dass er das arme Würstchen ist und ich der reiche Onkel mit dem Füllhorn westlicher Technik und der dazu gehörigen Arroganz. Dann macht der Afghane zu. Meine Hilfe kommt nicht an; außer vielleicht bei den korrupten Eliten, die es auch in Afghanistan gibt. Und diese Eliten zu züchten und zu nähren fällt uns manchmal leichter als sich mühevoll mit der komplexen, uns oft als archaisch erscheinenden Kultur dieser einfachen Bauern und Nomaden auseinanderzusetzen.

Bei einem meiner ersten ärztlichen Einsätze in der sogenannten Dritten Welt, als 30- jähriger tatendurstiger und ziemlich selbstsicherer Arzt in den Slums von Kalkutta, habe ich meine Lehrmeisterin Mutter Teresa eines Sonntags nach der Heiligen Messe gefragt: »Mutter, was ist denn die wichtigste Eigenschaft, die man benötigt, um erfolgreich diesen elenden Gestalten zu helfen«. Ich erwartet eigentlich eine Antwort wie: »Du musst ein guter Christ sein, du musst dein ärztliches Handwerk beherrschen, du musst physisch fit und psychisch belastbar sein«. Weit gefehlt. Es kam eine typische Mutter- Teresa-Weisheit: Knapp, kurz, einfach und doch so wahnsinnig schwer. Teresa sagte: »Du musst die Menschen lieben, sonst erreichst du gar nichts... weder für diese Elenden, noch für dich.« Einen Aspekt der kulturellen Schräglage unser westlichen Zivilisation personifiziert der Arzt, der zum Medizintechniker degeneriert ist, welcher den Patienten- Mensch zum Fall degradiert.

Wer heute Afghanistan helfen möchte, aber das Land primär als politologischsoziologisch hochinteressanten Fall sieht, als Paradebeispiel eines »failed state«, als »country without state«, wer Afghanistan sicherheitspolitisch als »high-risk-area« im islamischen Krisenbogen betrachtet, die militärische Lage im Land als Paradebeispiel »asymmetrischer Kriegsführung« wertet, der wird scheitern. Man muß die Afghanen- Menschen lieben, wenn man ihnen und ihrem Land erfolgreich helfen möchte. Sie, meine Damen und Herren in der Jury, und Sie, verehrte Gäste, tragen heute dazu bei.

Es ist zwar heute Sonntag und damit der »Tag des Herrn«. Aber es ist natürlich auch und ganz besonders der Tag der Dame, der Tag von Gräfin Dönhoff. Und ich bin sicher: unser aller oberster Verleger und Herausgeber hat – um den großen Bayerischen Geschichtenschreiber Ludwig Thoma zu zitieren – die Gräfin heute sicher für drei Stunden vom »Halleluja – und Hossianna-Singen« exkulpiert – und sie ist unter uns und freut sich mit uns. Und darüber sollten auch wir uns freuen.

Informationen zur Marion Dönhoff Stiftung »

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