Es gibt Leute – ich zähle nicht zu ihnen –, denen es gleichgültig ist, was in der Partei der Grünen vor sich geht. Sie sind ja nirgends mehr an der Regierung. Es kann einem – und zu dieser Gruppe zählen schon mehr Leute – auch egal sein, wer im Parteirat der Grünen sitzt; in dem, wie es in der politischen Nachrichtensprache dann immer etwas stereotyp heißt: wichtigsten Parteigremium zwischen den Parteitagen. Wer weiß schon, welche Kompetenzen dieser Parteirat hat?
Mehr Schein als Sein: Jung-Grüne Julia Seeliger auf dem Parteitag in Köln

Aber die Art und Weise, in der „die grüne Pippi Langstrumpf“ ( Süddeutsche Zeitung ) Julia Seeliger, eine forsche Jungpolitikerin, auf dem Parteitag der Grünen schwupp-di-wupp, ohne dass sie jemand recht kannte, in dieses – Zitat! – wichtigste Parteigremium der Grünen zwischen den Parteitagen gewählt wurde (und dort die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckart mir nichts, dir nichts verdrängte), war denn doch ein alarmierendes Symptom für den Verlust an Ernsthaftigkeit in der Politik. Und zwar selbst dann, wenn man sich angewöhnt hat, das Geschehen auf grünen Parteitagen, auf Parteitagen überhaupt, nicht mehr sehr ernst zu nehmen.

Kaum ein Delegierter kannte Julia Seeliger zuvor; und die, die sie kannten, sagen die wenigen Experten, hätten sie keineswegs gewählt. Was sie politisch je von sich gab, streifte das Abgründige von untenher kommend. Aber sie habe eben mit einer frischen Sponti-Rede die Delegierten vom Sitz gerissen, hieß es.

So ein schrilles Gemüt, das frisch von der Leber her redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – ist doch famos, zumal wenn es von allen schwierigen Fragen seriöser Politik so herrlich flott ablenkt. Spontan, das ist es, und spontan muss auch der Delegierte entscheiden. Was soll all das Grübeln über die unnötig lastenden Fragen der realen Politik?

Ich war nicht auf dem Parteitag der Grünen. Aber ich habe auf Phönix der Rede von Claudia Roth eine ganze Weile lang zugehört und zugeschaut. Während dieser Rede schwenkte die Kamera auf einen Seitengang des Parteitags-Plenums. Und was sah man da? Man sah Julia Seeliger mit dem durchaus genau vorbereiteten Manuskript ihrer Bewerbungs-Rede auf und ab und im Kreise traben und sich ihre ach so spontane Ansprache mit allen Gesten des Nachdrucks und der Emotion sorgfältig einstudieren, wie ein Schmierenschauspieler, der kurz vor seinem Auftritt hinter der Bühne noch einmal den Monolog des Don Carlos paukt. Von wegen „spontan“! Einstudiert das Ganze – auf dass der Parteitag dann auf das vermeintlich urwüchsige Sponti-Wesen hereinfalle, was – quod erat demonstrandum – denn auch prompt geschehen ist.

Man kann das so sehen, aber auch anders – nämlich so: Glücklich das Land, das sich einen solchen Schmarrn in seiner Politik leisten kann. Wenn dem nur wirklich so wäre!

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