Marion Dönhoff Preis 2006 Laudatio
auf den Förderpreisträger Kinderhilfe Afghanistan von Anne Will
3. Dezember 2006,
Deutsches Schauspielhaus in Hamburg
Es gilt das gesprochene Wort!
Es ist ein einfacher Satz, aber er beschreibt genauso präzise wie umfassend Motivation, Wirken und Arbeit aller Dönhoff-Preisträger: »Menschen, die wissen, worum es geht«. Sechs Wörter, schnell erzählt, auf den berühmten Punkt gebracht. Denn sie beschreiben ganz vorzüglich, was auch die Menschen ausmacht, die den diesjährigen Marion Dönhoff Förderpreis erhalten werden. »Menschen, die wissen, worum es geht«: Ein paar von ihnen haben wir im Film schon kennen gelernt. Es sind Annette und Reinhard Erös und ihre sechs Kinder: die Zwillingsschwestern Cosima und Veda, die Söhne Veit, Urs, Welf und auch Trutz, der vor siebzehn Jahren starb, der aber der Schutzengel der Familie ist und sie also nie wirklich verließ.
Worum es diesen Menschen geht, und wovon sie sehr genau wissen: das ist dieses »gezeichnete« Land Afghanistan, von dem wir in diesen Tagen vor allem im Zusammenhang mit Militäreinsätzen hören. Von dem wir erfahren, dass die Deutschen dort endlich das Töten lernen sollten, weil besagte Militäreinsätze überhaupt nicht so verlaufen, wie es sich die Militärstrategen ausgedacht haben. Es ist das Land der wiedererstarkenden Taliban, der ebenso zu alter Macht zurückfindenden Warlords, der Terroristen, des Opiumhandels. Es ist ein minenverseuchtes Land, ein unwirtliches, eines mit einer Kindersterblichkeit von 40 Prozent und einer Müttersterblichkeit, die fast genauso hoch liegt, eines mit einer der höchsten Quoten an Analphabeten weltweit. Kurzum, so pflegt es Reinhard Erös zu sagen: »Es ist die Vorhölle!« Und doch liebt er Afghanistan. Und die Seinen haben sich mit ebensolcher Leidenschaft dem Land verschrieben.
Annette und Reinhard Erös halten neben der Organisation der humanitären Arbeit in Afghanistan, mit allem, was dabei ansteht, beinah unablässig Vorträge und sehen dies ausdrücklich als ihren politischen Bildungsbeitrag gegen einen Kampf der Kulturen. In Zahlen ausgedrückt waren das seit dem September 2001 gut 1.200 Vorträge, viele in Schulen und Universitäten, vor geschätzten 250.000 Zuhörern. In ganz Deutschland, aber auch in fast allen Staaten der europäischen Union und den USA. Die Töchter helfen dabei von Bayern aus mit, organisieren die Vortragsreisen, kümmern sich um die Büroarbeit und die Söhne begleiten ihren Vater auf seinen Reisen nach Afghanistan.
Afghanistan! Um wirklich verstehen zu können, was Reinhard Erös und seine Familie antreibt, den Menschen dort zu helfen und dies alles ehrenamtlich zu tun, damit jeder einzelne gespendete Cent ohne Verwaltungsverlust und Werbeaufwand in den Projekten ankommt, wer das verstehen will, muss gut 20 Jahre zurückblicken. In den Februar 1988. Die Familie zieht damals nach Pakistan. Die Eltern kannten die Gegend schon. Reinhard Erös war als Arzt der Bundeswehr für das Deutsche Afghanistan- Komitee dort und seine Frau hatte ihn besucht. Beide waren tief beeindruckt und entscheiden nun von Bayern aus für schließlich knapp drei Jahre dorthin zu ziehen. Mit den vier Söhnen Veit, Urs, Welf, die damals zwischen fünf und acht Jahre alt sind und dem erst zweijährigen Trutz. Es geht in die Provinzhauptstadt Peschawar, an der pakistanisch- afghanischen Grenze, die aber das Gebiet der Paschtunen eher willkürlich trennt. Afghanistan steht zu dem Zeitpunkt noch unter sowjetischer Besatzung.
- Datum 05.12.2006 - 05:47 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 6.12.2006
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