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"Ich bin wieder ein richtiger Patriot"

Der Bosnier Sergej Barbarez spielt seit 15 Jahren in Deutschland Fußball. Seither scheiden sich an ihm die Geister: Ist er ein unheilbarer Querulant oder ein Mann mit starkem Rückgrat? Der 35-jährige Angreifer von Bayer Leverkusen über die Religionskriege in seiner Heimat, den Rücktritt aus der Nationalelf und seinen Wunsch, Trainer zu werden

Herr Barbarez, wer Sie erreichen will, muss wirklich up to date sein. Ihre Handynummer vom Sommer gilt schon nicht mehr. Wie kommt das?
Sergej Barbarez: Es stimmt, dass ich alle paar Wochen meine Nummern wechsel. Ich habe drei Nummern, eine davon ist sehr populär. Ich versuche möglichst lange, die anderen beiseite zu lassen, aber wenn man dem Verband eine Nummer gibt, ist es kaum möglich, dass sie lange geheim bleibt. Dann rufen die Leute aus der ganzen Welt an oder schicken mir eine SMS. Irgendwann ruft dann immer halb Bosnien an.

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Wir Deutschen wissen nicht sehr viel über Bosnien. Woran liegt das?
Man hat hier grundsätzlich ein sehr beschränktes Bild von unserem Land. Das kommt durch den Krieg, aber wir Spieler aus Bosnien wollen das ändern. Eigentlich ist es unsere Hauptaufgabe, unser Land in einem besseren Licht darzustellen. Wir wissen auch, dass die Situation nicht rosig ist, aber es hat sich viel getan. Viele Firmen investieren, dadurch sind viele Ausländer da. Man braucht nur Zeit.

Haben Sie Kontakt zu den anderen bosnischen Fußballern im Ausland?
Ja. Zlatan Bajramovic war kürzlich hier, dann gibt es Ivica Grlic in Duisburg, Zvjezdan Misimovic in Bochum oder Ninoslav Milenkovic in Antwerpen. Wir versuchen, uns zwischen den Spielen zu sehen.

Sie sagten einmal, diese Form des Zusammenhalts fehle Ihnen bei den Deutschen.
Das ist eine Frage der Mentalität. Hier konzentriert man sich mehr auf sich selbst, weniger auf die Familie. Bei uns am Tisch sitzen nie zwei Leute, sondern immer fünf oder zehn. Wenn Freunde oder Familienmitglieder zu einem Spiel nach Leverkusen kommen, kommen nicht zwei, sondern zehn oder 15.

Zusammenhalt müsste demnach eine Stärke der bosnischen Nationalmannschaft sein.
Das liegt im Blut. Bosnien als Teil von Exjugoslawien war immer sehr gut in Mannschaftssportarten, auch Serbien, Kroatien und Slowenien sind erfolgreich im Fußball.

Was fehlt der bosnischen Nationalmannschaft, um auch einmal zu einer WM zu kommen?
Nur noch die internationale Erfahrung. Ich bin der zweiterfahrenste Spieler und habe gerade einmal 45 Länderspiele. Wir sind ein kleines Land, haben eine sehr junge Mannschaft und sind zweimal erst im letzten Qualifikationsspiel gescheitert. Wir haben aber noch nicht aufgegeben.

Sie persönlich schon. Sie sind gerade als Nationalspieler zurückgetreten, angeblich ja wegen der zu hohen Belastung durch Verein und Nationalteam.
Das stimmt nicht. Es ging um die Situation in Bosnien-Herzegowina, denn dort spielt die Politik eine zu wichtige Rolle im Verband. Da hat sich bei mir lange etwas angestaut, das ist jetzt eskaliert. Ich wollte mit diesen Funktionären nicht mehr zusammenarbeiten.

Umso schwerer muss Ihnen der Rücktritt aus der Nationalelf gefallen sein. Wobei Sie ja vielleicht nicht mehr lange alleine sind, schließlich haben 13 Kollegen den Rücktritt des Präsidiums gefordert, anderenfalls würden sie nicht mehr für Bosnien spielen.
Die Leute, die mich kennen, wissen, was in mir alles vorgeht. Das war eine sehr schwere Entscheidung. Wenn ich mit Nationalmannschaftskollegen spreche, rede ich immer noch von „wir“, ich kriege das nicht raus.

Inwiefern mischt sich die große Politik denn in den Fußball ein?
Jeder weiß, dass wir religiöse Kriege gehabt haben. Es ist das Schlimmste überhaupt, dass es im 21. Jahrhundert noch eine Rolle spielt, wer woran glaubt. In unserem Verband wird allerdings immer noch so gedacht. Aus der Mannschaft haben wir das schon vor Jahren verbannt, aber bei diesen Funktionären ist es ein ständiger Kampf, in der Mannschaft ein so genanntes gesundes Klima beizubehalten. Die wollen den alten Weg einfach weitergehen. Außer dem Trainer gibt es im Verband niemanden, der früher etwas mit Fußball zu tun hatte. Gegen diese Leute gibt es jetzt aber sogar große Demonstrationen. Die Menschen wollen, dass alle dort zurücktreten, vom Präsidenten bis zur Putzfrau.

Wie kommt es, dass die Glaubensstreitigkeiten in der Mannschaft Vergangenheit sind?
Wir alle sind gesunde Jungs mit normalem Verstand, viele spielen im Ausland. Für mich war es immer eine große Mission, die Glaubensfrage aus der Mannschaft herauszuhalten und eine vernünftige Stimmung zu haben.

Der große Traum von einem Turnier mit der Nationalmannschaft blieb unterdessen unerfüllt. Schmerzt das?
Wir waren ja zweimal richtig nahe dran. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das für unser Land bedeutet hätte. Deshalb werde ich meine Karriere auch auf jeden Fall mit einem weinenden Auge beenden.

Das muss ja nicht das Ende des Traumes sein. Schließlich wollen Sie Trainer werden.
Ich hoffe wirklich, dass ich mir den Traum einmal an der Seitenlinie erfüllen kann. In Bosnien ist Fußball alles. Erfolge der Nationalelf bringen den Leuten in dieser schwierigen ökonomischen Situation ein Lachen aufs Gesicht. Deshalb spiele ich Fußball. Man verdient Geld, man hat Erfolg, Ruhm und Schlagzeilen. Aber wenn man die Leute mit einem einzigen Tor glücklich machen kann – das ist das reinste und wichtigste Ziel im Fußball.

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