Brasilien "Zeit der Reparation"

Der Mythos Brasiliens als Rassenparadies ist längst überholt. Am Tag des schwarzen Bewusstseins Ende November protestieren jedes Jahr mehr Afro-Brasilianer gegen die ungleichen Bedingungen im Land

In Salvador de Bahia, am Tag des schwarzen Bewusstseins (20. November)

In Salvador de Bahia, am Tag des schwarzen Bewusstseins (20. November)

Seit März vergangenen Jahres studiert Ronden Nunes de Jesus Medizin an der angesehenen föderalen Universität von Bahia, UFBA genannt. Der 20-Jährige ist einer der ersten afro-brasilianischen Studenten, die durch die Quotenregelung den Sprung in die Königsdisziplin der UFBA geschafft hat. Damit sorgte er in der lokalen Presse für Schlagzeilen. Dunkelhäutige Ärzte gibt es bislang kaum in Salvador, die Zweieinhalb-Millionen-Stadt im Nordosten Brasiliens, auch keine Zahnärzte, Richter oder bekannte Unternehmer, und bis heute keinen Bürgermeister, Senator oder Gouverneur.

Als besonders schwierig gilt in Brasilien die Zulassung zu den öffentlichen Universitäten, die einen guten Ruf haben und kostenlos sind. Bisher waren diese de facto den Schulabgängern der teuren Privatschulen vorbehalten – überwiegend Jugendliche der hellhäutigen Mittel- und Oberschicht, die in den Aufnahmeprüfungen am besten abschnitten. Im vergangenen Jahr hat die UFBA als eine der ersten Bundes-Universitäten eine Quote für Schüler öffentlicher Schulen eingeführt. In der schwärzesten Stadt Brasiliens sind der Bevölkerungszusammensetzung entsprechend 85% dieser Quotenplätze für Afro-Brasilianer reserviert. Sie müssen die Aufnahmeprüfung bestehen, werden beim Ranking jedoch bevorzugt behandelt.

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Die Quoten haben eine heftige Diskussion entfacht. Im brasilianischen Kongress werden derzeit zwei Gesetzesvorlagen zur Abstimmung liegen: Das sogenannte Quotengesetz, das die Hälfte aller Studienplätze staatlicher Universitäten für Studenten öffentlicher Schulen reserviert und ein Statut zur rassischen Gleichstellung, das verschiedene Formen der Affirmative Action vorsieht.

Die weiße Mittelschicht fühlt sich dadurch zunehmend bedroht. In einem offenen Brief an den Kongress Ende Mai warnten Intellektuelle vor einem staatlich motivierten, umgekehrten Rassismus und der Spaltung der Gesellschaft nach nordamerikanischem Vorbild. Mehr als 1000 Personalien haben inzwischen unterzeichnet, darunter einer der bekanntesten brasilianischen Musiker, Caetano Veloso – ein guter Freund des dunkelhäutigen Sänger und Kulturministers Gilberto Gil. Einen Monat später übergaben Mitglieder der Schwarzenbewegung dem Kongress ein Manifest, in dem sie 118 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei erstmals gezielte Maßnahmen zur sozialen Integration der Afro-Brasilianer und die Bekämpfung des Rassismus fordern.

Viele Universitätsprofessoren befürchten ein Absacken des akademischen Niveaus. Die konkreten Erfahrungen an der UFBA sprechen jedoch dagegen. „Die Quotenstudenten haben bereits gezeigt, dass sie durchaus mithalten können, oft sogar besser abschneiden und nur selten das Studium aufgeben“, sagt der hellhäutige Institutsdirektor Jocélio Teles, „sie wissen, was sie zu verlieren haben.“

„Was ungleich ist, muss unterschiedlich behandelt werden“, sagen die Vertreter der Schwarzenbewegung. Zwei Drittel der Brasilianer unterstützen Quoten für Afro-Brasilianer. Aber die Zustimmung nimmt ab, je höher das Familieneinkommen und das Bildungsniveau sind. „Die Elite möchte die Macht nicht verlieren,“ sagt Hélio Santos, Wirtschaftsprofessor aus São Paulo und einer der führenden Intellektuellen der Schwarzenbewegung.

Leser-Kommentare
  1. Rassismus, sowohl positiv als auch negativ gab und gibt es , seit es Rassen gibt, und es wird Rassismus immer geben.
    Daher ist es nicht nur ideologischer Schwachsinn, sondern auch überheblich und vor allem gefährlich, rassenbedingte Abgrenzungen zu verteufeln. Im Gegenteil, man sollte jeden 'Rassengulasch' vermeiden und jedem Menschen das Recht auf eigene Identität zubilligen.
    Gerade in Afrika gibt es unter der Bevölkerung ungeheuren Rassismus, es ist also das üblich links-grüne dumme Geschwätz, Rassismus als Kampf der Weißen gegen andere zu sehen.
    Rassenbedingte Identifikation hat auch nichts mit Rassismus zu tun, Abgrenzung bedeutet ja nicht die überhebliche Beurteilung anderer, sondern ist ein Akt der Selbstfindung.
    Wenn man das unterläuft oder sogar verbietet, wie es in Deutschland ja auch einige betriebsblinde Gutmenschen wollen, dann schafft man unter der gesellschaftlichen Decke zwar unbemerkt, aber mit ungeheurer Konsequenz einen Sprengsatz, der irgendwann hochgeht, unkontrolliert und mit zerstörerischer Wucht.

  2. Den Satz verstehe ich nicht. Was ist 'positiver' Rassismus? Welche 'Selbstfindung' könnte positiv sein, die sich über den (wissenschaftlich längst diskreditierten) Begriff der 'Rasse' definiert?

    Was meinen Sie überhaupt mit 'Selbstfindung'? Erinnert mich fatal an den Begriff der 'Selbstverwirklichung', jenem goldenen Kalb, nach dem wir alle lechzen (die von IHnen kritisierten Gutmenschen vorneweg) und damit unser lächerliches Selbst zum Mittelpunkt des Universums erheben.

    Nehmen wir an, ein Mensch entdeckt in sich das Bedürfnis nach sexuellen Kontakten mit Kindern...! Selbstfindung ist nur dann gut, wenn man sein positives Selbst sucht (und den Rest verwirft). Wenn aber die Selbstfindung einer Gruppe sich über Äußerlichkeiten wie die Hautfarbe definiert, dann ist sie nicht wünschenswert, sondern gefährlich.

    Gewiß, dem Menschen ist es angeboren, sich vom Fremden zu distanzieren, und auch ich halte es daher für töricht, ihn mit zuviel Fremdem zu überfordern - Stichwort Multikulti. Die Hautfarbe oder die Form der Nase ist dabei aber das kleinste Problem. Vielmehr ist es das unterschiedlche Verhalten, die Werte und Ziele, die Sprache etc - kurz das Auftreten. Wollen Sie einen Beweis? Die europäischen Juden waren 'rassisch' nach vielen Jahrhunderten von den Einheimischen kaum noch zu unterscheiden (so mancher blonde, bläuäugige Jude wurde erst, nachdem man seine falsche Herkunft enddeckt hatte, aus den NS-Eliteorganisationen ausgeschlossen). Dennoch wurden sie Opfer von Rassismus - weil sie andere Traditionen, andere Denkweisen pflegten als die Einheimischen. Daß dies oft ÜBERLEGENE Traditionen und Denkweisen waren, rief das Unbehagen (und den Neid) der Umgebung hervor, so wie die UNTERLEGENEN Traditionen (sorry) anatolischer Bauern das Unbehagen (und den Narzismus) der hisigen Umgebung hervorrufen.

    Es gibt überhaupt keine klare Trennlinie zwischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Wieviel Leid hat die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten mit sich gebracht, wie fremd waren sie sich noch vor relativ kurzer Zeit! Erst heute, wo die beiden Kulturen (überlagert von der 'Moderne') sich einnander in er Praxis annähern, wird auch das Abstoßungspotential geringer.

    Ich behaupte daher: gelänge es, die Kultur des 'weißen' Amerika 1:1 auf das 'schwarze' Amerika zu übertragen, würden sich die Rassismusprobleme schnell erledigen.

    • bras
    • 03.12.2006 um 1:09 Uhr

    Liebe Autorin; mir scheint im ansonsten interessanten Text selbst zuweilen ins falsche Register und ins Klischee gegriffen. Das mit den Schokoladenfarbvergleich ist ein Topos der schon im deutschen Kolonialismus aufkam (von wegen Mohrenköpfen und so...). Und dann das Infantilisierende: als ob gerade ´erst seit kurzem´ das (angeblich ´oft schwache´ Selbstbewusstsein) der afro-brasilianischen Bevölkerung erwacht sei. Tatsächlich werden aber ´Flecht-Rastafari-und Black Power-Frisuren ungefähr seit genauso langer Zeit (und genauso selbstbewusst!) getragen, wie sie damals auch in Jamaika oder in den USA als Mode aufgekommen sind, um gar nicht erst von den afrikanischen Wurzeln zu reden. Auch gibt es sehr wohl – und gar nicht so wenige - afro-brasilianische Identitätsfiguren, die weit über soziale Schranken herausragen und zum nationalen Stolz beitragen: Pelé (einer der ersten globalisierten Idole überhaupt), Ronaldinho & CO, eine ganze Generation von bildenden Künstlern, Musikern, Komponisten von Gilberto Gil über Djavan bis Seu Jorge, Intelektuelle wie Milton Santos, aber auch Schauspieler ... und ...und...und .

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