Schon nach dem 25. Zug des Computers in der letzten Partie waren sich die Experten einig: Schachweltmeister Wladimir Kramnik würde den Wettkampfs gegen das Programm Deep Fritz 10 verlieren. 22 Züge später war es so weit: Kramnik gab die Partie auf. Damit gewann Deep Fritz den ungleichen Wettstreit Mensch/Maschine, der am 24. November in der Bundeskunsthalle in Bonn begonnen hatte, mit 4:2: Vier Partien endeten Unentschieden, zwei gewann der Computer.
Keine Chance gegen den Computer: der russische Schachweltmeister Wladmir Kramnik beim Bonner Wettkampf gegen Deep Fritz

Es war das erste Mal, dass ein Schachprogramm einen amtierenden Weltmeister so klar geschlagen hat. Zwar hatte der IBM-Computer Deep Blue 1997 den damaligen Weltmeister Garry Kasparow bereits mit 3,5:2,5 besiegt. Aber damals konnte sich die Schachwelt noch damit trösten, dass Kasparow besser Schach spielte als die Maschine, er jedoch mit den Umständen des Kampfes nicht zurechtkam. Eine Partie gab Kasparow in Remisstellung auf, in der letzten und entscheidenden Begegnung wählte er eine Eröffnungsvariante, von der er wusste, dass sie schlecht war, einfach, weil er den Computer falsch eingeschätzt hatte. Kasparow erlitt die schlimmste Niederlage seiner Karriere. Anschließend erwies er sich als schlechter Verlierer: Er sprach von menschlicher Manipulation der Maschine, warf IBM Betrug vor und forderte ein Revanchematch. Vergeblich, denn Deep Blue wurde nach seiner historischen Leistung ins Museum geschickt.

Doch während Kasparow fast gar nichts über Deep Blue wusste, kannte Kramnik seinen Gegner in- und auswendig. Vor dem Wettkampf wurde ihm eine aktuelle Version von Deep Fritz 10 zur Verfügung gestellt. Er konnte zahllose Trainingspartien gegen das Programm spielen und mit Schachgroßmeistern und Computerexperten die beste Strategie festlegen. Außerdem durfte der Weltmeister zu Beginn jeder Partie in die Eröffnungsbibliothek des Computers schauen. Er wusste also, wie und welche Eröffnung sein digitaler Gegner wählen würde. Hätte Kramnik seinen menschlichen Gegnern solche Geheimnisse verraten müssen, wäre er wohl nie Weltmeister geworden. Doch all das half nicht: Am Ende erwies sich die Rechenkraft des Computers, der acht Millionen Stellungen pro Sekunde analysiert, der menschlichen Intuition als überlegen.

Dabei hat Kramnik gut gespielt: Er war ausgezeichnet vorbereitet, erwies sich in den meisten Partien als taktisch sattelfest und beeindruckte durch durchdachte strategische Manöver und geschickte Verteidigung. Halbwegs realistische Siegchancen hatte er jedoch nur in der zweiten Partie. Doch als seine Konzentration für einen Moment nachließ, unterlief ihm hier der schlimmste Fehler seiner Karriere: Er ließ sich in einem Zug Matt setzen.

Durch den Sieg von Deep Fritz scheint der Wettstreit Mensch gegen Maschine im Schach endgültig entschieden. Denn wer soll noch gegen den Computer bestehen, wenn es der Weltmeister nicht schafft? Aber noch ist es zu früh, den Untergang der Menschheit zu verkünden. Schließlich war es ein faszinierender Wettstreit mit sechs hochklassigen Schachpartien, deren Reiz in dem Kampf zwischen Intuition und Rechenkraft lag. Nach den Partien stellte sich heraus, dass Kramnik sehr oft so gespielt hatte, wie es der Computer erwartet hatte – und umgekehrt.