Sybille Steinbacher: In der Besatzungszeit gab es eine kurze Phase, in der Frauen eine Chance hatten, ihre Situation zu verändern. Zumal die Amerikaner die politisch unbelasteten Frauen als Katalysatoren der Demokratie sahen. Sie zum Beispiel konnten 1949/50 mit einem Stipendium der Amerikaner in Harvard studieren. Aber nur ein Prozent der Frauen engagierte sich, nachdem die Parteien gegründet waren. Ganz offensichtlich haben die Frauen eine große Chance verpasst, weil ihnen politisches Bewusstsein fehlte.

Hamm-Brücher: Die Amerikaner haben sich aufrichtig bemüht, Frauen für die Demokratie zu gewinnen. Wie sie uns Deutschen dabei geholfen haben, dafür bin ich immer noch dankbar. Auf deutscher Seite tat sich überhaupt nichts dergleichen. In meinen Jahrgängen gab es keine Frauen, die wie ich entschlossen waren, sofort an der Erneuerung unserer Gesellschaft mitzuwirken. Da waren nur die wenigen Frauen aus der Weimarer Republik übrig geblieben - also alte Damen - und die Frauen aus der Arbeiterbewegung. Erst Anfang der sechziger Jahre kamen auch jüngere Frauen in die Politik. Insofern war ich lange Zeit ein Unikat.

1948/49 passierte etwas Wichtiges in Sachen Geschlechterdemokratie. Der Parlamentarische Rat, 61 Männer, 4 Frauen, schuf im Bonner Museum König das Grundgesetz, was kaum jemanden interessierte. Bis auf eine Ausnahme - den Kampf um den Artikel 3, Absatz 2: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert hat sich mit dieser Formulierung durchgesetzt. Wie haben Sie das erlebt?

Hamm-Brücher: In der ersten und zweiten Lesung ging es um eine bieder-konservative Formulierung aus der Weimarer Verfassung: Mann und Frau haben in staatsbürgerlichen Angelegenheiten grundsätzlich die gleichen Rechte und Pflichten. Praktisch bedeutete das eine Einschränkung auf das Wahlrecht. Ich schrieb sofort an Elisabeth Selbert; sie war auch in der zweiten Lesung unterlegen. Aber die Amerikaner halfen wieder: Nach ihrem Vorbild starteten Frauen vor der dritten Lesung eine Postkartenaktion. Die vorgedruckten Karten - "Ich unterstütze die Abgeordnete Selbert und befürworte die Frauen-Gleichberechtigung ohne jede Einschränkung" brauchten die Frauen nur zu unterschreiben und wegzuschicken. Frau Selbert hat später wunderbar geschildert, wie die Waschkörbe zu ihr reingetragen wurden. Es war die allererste Frauendemonstration. Und mein lieber Protektor Heuss hielt eine etwas zynisch-ironisch-gönnerhafte Rede: Das sei ja wohl ein Stürmlein gewesen, und man hätte das Wort "grundsätzlich" sowieso gestrichen. Jedenfalls bekamen wir den Artikel 3, Absatz 2, hinzu kam Artikel 117, ein Anpassungsparagraf, der die Umsetzung der Gleichberechtigung in konkretes politisches Recht bis zum 1. April 1953 forderte. Aber Adenauer dachte überhaupt nicht daran, diesen Artikel mit Leben zu erfüllen. Zum Glück gab es jetzt das Bundesverfassungsgericht, das die Umsetzung des Grundgesetzes überwachte.

Steinbacher: Schon die vier Frauen im Parlamentarischen Rat waren sich überhaupt nicht einig. Eigentlich war Elisabeth Selbert eine Einzelkämpferin. Ihre Parteigenossin Frieda Nadig befürchtete ein Rechtschaos, Helene Weber, CDU, und Helene Wessel vom Zentrum haben die konservative Sicht vertreten: Die Familie sei gefährdet durch die Gleichstellung. Ebenso die "besondere Würde und Wertigkeit" der Mutter.

Hamm-Brücher: Es ging schließlich um Machtfragen in der Gesellschaft. Im "Dritten Reich" war die Hierarchie der Geschlechter, die Ideologisierung der Mutterrolle total verinnerlicht worden. Familienrecht, Eherecht, Scheidungsrecht - alles musste auf den Prüfstand und erneuert werden. Frauen wie die Liberale Marie Elisabeth Lüders, mit über 80 Jahren eine wahre Feministin, und Elisabeth Schwarzhaupt, die erste Ministerin im Adenauer-Kabinett, die das Ideal der Gleichheit der Geschlechter vertrat, spielten eine wichtige Rolle. Die zuvor bestehenden Rechtsverhältnisse zementierten ja die Rechtlosigkeit der Frauen in Ehe und Familie. Und laut Beamtenrecht konnten Frauen, wenn die Männer aus der Gefangenschaft zurückkamen, entlassen werden, ebenso Beamtinnen aus begüterten Familien und Frauen mit unehelichen Kindern. Dies war die erste Auseinandersetzung mit Machtfragen und Gleichberechtigung. Nur mühsam begriff die Männergesellschaft, dass wir ein neues Gesellschaftsbild entwickeln mussten.

Steinbacher: Diese erste Epoche zog sich lange hin, sie war erst in den siebziger Jahren abgeschlossen.